Zeitung Heute : Gebaut wird immer

Situation für Planer bessert sich jedoch nur langsam – Auch Tunnel-, Brücken- und Straßenbauer fehlen

Judith Kessler

Der Unterschied zwischen Beruf und Berufung ist simpel. Mit dem ersten verdient man in den meisten Fällen Geld, mit letzterer ist das oft nicht so leicht. Ein Beispiel ist die Baubranche. Die erholt sich nach ihrer Krise zu Beginn des Jahrzehnts: Im vergangenen Jahr stieg der Umsatz um neun Prozent, die Aufträge nehmen zu. Das macht sich auch auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar: Die Bauindustrie sucht händeringend Akademiker. Erstmals scheinen Architekten und Bauingenieure, einst die Sorgenkinder auf dem Stellenmarkt, wieder gefragt zu sein. Ein Blick in die Zeitungen scheint diesen Trend zu bestätigen. Im vergangenen Jahr stieg die Zahl der Stellenanzeigen für Bauingenieure um fast 60 Prozent, bei den Architekten sogar um über 67 Prozent.

Thomas Welter, Wirtschaftsreferent der Bundesarchitektenkammer, bestätigt diese Entwicklung. Auch in den Fachzeitschriften werde wieder verstärkt nach Architekten gesucht. „Die Arbeitslosenzahlen sinken zwar von Monat zu Monat“, meint Welter. „Aber dieser Aufschwung findet auf sehr niedrigem Niveau statt und reicht nicht aus, die chronische Unterbeschäftigung bei Architekten abzubauen.“ In den vergangenen Jahren habe die Branche eine „stille Reserve“ aufgebaut, die nur abschmelzen könne, wenn die Konjunktur auch in den nächsten drei Jahren weiter anzöge. Auch dann werden gerade junge Architekten auf dem Markt wenig Chancen haben. Das habe vor allem demografische Gründe, erläutert Welter. Es würden immer noch zu viele Architekten ausgebildet. „Das ist ein kurioses Phänomen“, meint Bernd Blaufelder, Geschäftsführer des Bunds Deutscher Architekten (BDA). Obwohl Studenten deutlich höhere Chancen in einem Beruf wie dem Bauingenieur hätten, entschieden sich immer noch Tausende für ein Architektur-Studium. „Die fühlen sich zur Architektur berufen - ähnlich wie Künstler und Kreative.“

Geld verdienen die Hochschulabsolventen oft nicht. Viele schlagen sich als Praktikanten durch oder arbeiten für einen Hungerlohn. Nicht wenige wandern nach dem Studium ins Ausland aus. „Flexibilität und gute Sprachkenntnisse sind ein Plus für Absolventen“, rät Blaufelder. Schließlich arbeiteten immer mehr deutsche Architektenbüros auf internationaler Ebene. Die Anforderungen an den Architekten seien gestiegen, stellt auch Thomas Welter von der Architektenkammer fest. Der Architekt müsse mittlerweile auch den Kunden bei der Finanzierung seines Bauvorhabens beraten und vor allem Rechtssicherheit garantieren. „Juristisches Wissen und Kenntnisse in Betriebswirtschaft sind heute unabdingbar.“ Angehende Architekten sollten sich bereits im Studium frühzeitig mit Bauausführung und Bauüberwachung beschäftigen. „Das macht später schließlich ein Drittel des Honorars aus.“

Trotz des breit gefächerten Wissens, das Architekten heute mitbringen müssen, haben sie ohne eine Spezialisierung kaum Aussichten auf Erfolg. Die Berliner Architektin Anabela Polido Matciera beschäftigte sich bereits seit 1998 intensiv mit Feng Shui und machte sich im Jahr 2000 als Spezialistin für Bauten nach der fernöstlichen Lehre selbstständig. Anders als viele ihrer Kollegen, überstand sie die Krise zur Jahrtausendwende ohne größeren Schaden. „Ohne mein Spezialgebiet hätte ich das sicher nicht geschafft“, sagt Matciera. Angehenden Architekten rät sie das gleiche. „Es muss nicht gleich Feng Shui sein, aber der bewusste Umgang mit Baustoffen und Energieressourcen und vor allem das umweltbewusste Bauen hat sicherlich Zukunft.“ So mache etwa auch eine zusätzlich Ausbildung als Energiemanager Sinn.

Boris Engelhardt, Geschäftsführer des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie (HDB), rät zu pragmatischeren Lösungen: „Architekten sollten sich weniger als Kreative sehen und bereit sein, Abstriche zu machen.“ Viele Bauunternehmen beschäftigten seit Jahren Architekten in der Projektentwicklung und Planung.

Auf Grund der immer noch problematischen Lage auf dem Arbeitsmarkt übernehmen Architekten zunehmend die Aufgaben von Bauingenieuren. Die werden händeringend gesucht. „Der Markt ist leergefegt“, sagt Herbert Barton, Geschäftsführer des Bundes Deutscher Baumeister und Ingenieure. „Viele Ingenieurbüros behelfen sich daher mit Architekten, die sie umschulen.“ Zum Beruf des Bauingenieurs fühlt sich offenbar kaum jemand berufen. Die Zahl der Bauingenieursstudenten ging nach einer Statistik des Vereins Deutscher Ingenieure allein zwischen dem Jahr 2000 und 2005 um über 14 000 zurück. „Freiwerdende Positionen können nicht mehr besetzt werden. Das ist schon dramatisch“, meint Barton. Mittlerweile diskutiere die Branche sogar über die Einführung einer Greencard, um den Nachwuchsbedarf abdecken zu können.

Verzweifelt werden vor allem Tunnel-, Brücken- und Straßenbauer gesucht. „Das heißt allerdings nicht, dass sofort jeder Bauingenieur genommen wird“, beschwichtigt Boris Engelhardt vom HDB. Gesucht würden vor allem Ingenieure aus dem mittleren Management im Alter zwischen 30 und 40 Jahren mit der entsprechenden Berufserfahrung. „Das Personalkarussell dreht sich in der Branche zur Zeit sehr schnell“, berichtet Engelhardt. „Die Unternehmen werben sich gegenseitig die besten Mitarbeiter ab.“ Langfristig könnte sich dadurch auch der Markt für Hochschulabsolventen verbessern, die in der Hierarchie dann schneller nachrücken könnten.

Doch ein einfaches Universitätsdiplom reicht auch bei den Bauingenieuren heutzutage nicht mehr aus. Ähnlich wie bei den Architekten sind auch die Anforderungen an die Ingenieure gestiegen. Die Kunden erwarteten zunehmend Dienstleistungen aus einer Hand, berichten die Branchenverbände. Von den Ingenieuren werde also nicht mehr nur das technische Know-How gefordert, sondern auch klassisches Management-Wissen. Wer das mitbringt muss sich offenbar als Bauingenieur um seine Zukunft weniger Sorgen machen. Denn der Arbeitsmarkt werde sich weiter stabilisieren, schätzt Ilona Klein, Sprecherin des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe. „Gebaut wird immer.“

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