Zeitung Heute : „Geben Sie das Menschsein auf!“

Wie die Verwandlung zum „posthominiden Wesen“ gelingen könnte, zeigt das „Musée Bizarre“ in Rieden bei Baden

Hella Kaiser

Herrlich wäre es, ein Adler zu sein. Oder auch ein weißes Wildpferd in der Camarque. Leider kann der Mensch nicht aus seiner Haut. Oder doch? Zu Beginn des 20. Jahrhunderts soll es einen gegeben haben, der das ermöglichen wollte. „Geben Sie das Menschsein auf!“ rief Professor Jakob Pilzbarth damals. „Werden Sie offen für die Kreatur, die in Ihnen zur Entwicklung drängt.“ Wie die Verwandlung zum „posthominiden Wesen“ gelingen könnte, ist im Musée Bizarre in Rieden bei Baden zu bestaunen.

Die Museumsgründer Margaretha Dubach und Jürg Willi, sie Objektkünstlerin, er Professor der Psychiatrie, haben eine ebenso umfassende wie detaillierte Werkschau inszeniert. Und der Ort, eine ausgediente Fabrikhalle, bietet viel Raum dafür. Gleich zu Beginn des Rundgangs lässt sich Pilzbarths Werdegang anhand von Urkunden und Schriften studieren. 1882 gehörte er zum ersten Kreis der Freud-Schüler, mit C. G. Jung war er freundschaftlich verbunden. Doch bald verlor sich sein Interesse, an der menschlichen Psyche herumzudoktern. Der Mensch, so seine Theorie, kann sich nur weiter entwickeln, wenn er in die Gestalt eines Tieres schlüpft. Wie das gehen sollte? „In tiefer Hypnose werden die im Menschen schlummernden phylogenetischen Baupläne reaktiviert“, dozierte Professor Pilzbarth. Klar, dass solch kühne Vorstellungen bei seinen Zeitgenossen heftige Reaktionen hervorriefen. Einerseits gründete sich eine Anti-Pilzbarth-Partei unter dem Motto „Ja zum Menschen“, andererseits sah ein gewisser Professor F. Däumling in Pilzbarth einen Kandidaten für den Nobelpreis.

Wieso hat man nie von diesem Mann gehört? „Möchten Sie noch mehr Informationen zu Professor Pilzbarth?“ fragt die freundliche Museumswächterin. Und schleppt ein dickes Lexikon an. Tatsächlich, Pilzbarth hat einen langen Eintrag darin. All das Kleingedruckte jetzt lesen? Lieber gleich die Stufen der „Anthropolyse“ bestaunen. Lebensgroße Figuren, mal ein Mann mit Hirschkopf, dann ein Kind mit Katzenschädel oder auch eine Frau, deren Oberkörper mit dem unteren Teil eines Riesenstraußes verwachsen ist. Einige dieser seltsamen Geschöpfe erholen sich im sogenannten Kurgarten, ein Idyll mit Sträuchern aus Pappmaché und beruhigendem Vogelgezwitscher vom Band. Über Kopfhörer kann man sich die jeweilige Wandlungsgeschichte der Patienten detailliert erzählen lassen.

Manchmal ging es auch gründlich daneben. Besorgt hält Pilzbarth, graue Haare, Freudscher Bart und Nickelbrille, die Hand eines Patienten im Untersuchungsstuhl. Statt eines Beines ragt der Kopf eines Reptils heraus. Ob da die Faraday'sche Elektrotherapie noch was richten kann? In einem anderen Raum sitzt ein Patient mit monströs geschwollenem Kopf in einer Wanne. Ein Kunstfehler?

Eins steht fest: Proband bei Professor Pilzbarth möchte man nicht werden. Aber der „phylogenetische Regressionstest“ – es gibt ihn passend für Männer und für Frauen – kostet ja nichts. Hier gilt es, unter fünfzehn Frauenköpfen a) den symphatischsten und b) den unsymphatischsten anzukreuzen. Hört sich leichter an, als es ist. Denn die fünfzehn Frauen sehen allesamt mürrisch, verkniffen oder sonst wie furchterregend aus. Egal. Zwei Kreuze gemacht. Die Museumswächterin bringt die Auswertungstabelle. „Absolute Diskretion ist zugesichert“ , wird darin versprochen. Na gut, aber ich verrate es trotzdem. Aus mir wird, so steht es Schwarz auf Weiß, weder Adler noch Wildpferd. Höchstens ein Huhn wäre möglich.

Sie ahnen es: Jakob Pilzbarth und seine Theorien hat es in Wirklichkeit nie gegeben. Alles nur Fake. Aber genial gemacht.

Musée Bizarre, Rieden bei Baden, Oederlin-Fabrikareal, Landstraße 1, Sonnabend 13 bis 17 Uhr, Sonntag. 11 bis 17 Uhr.

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