Zeitung Heute : Gebete unterm Lattenkreuz

Wenn die Brasilianer heute in Dortmund ihr letztes Gruppenspiel bestreiten, ist der Boden bereitet, zumindest spirituell. Denn ihre Tore gegen Australien wurden nicht nur im Stadion, sondern auch in einer Dortmunder Kirche bejubelt. Pastor Friedrich Laker ließ leicht geschürzte Sambatänzerinnen und Gitarristen ins Kirchenschiff.

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Der traditionell sozialisierte Kirchgänger merkt gleich: Hier stimmt etwas nicht. Das Schnürhemd und die Lederhose wird er dem Pfarrer im 21. Jahrhundert vielleicht noch durchgehen lassen, aber ein Fußballtor im Altarraum? Ein solch offensichtliches Symbol weltlichen Vergnügens im zentralen Hoheitsgebiet christlicher Spiritualität? „Warum nicht?“, sagt Pastor Friedrich Laker, 45. „Es geht in unseren Gottesdiensten darum, Themen des Alltags aufzugreifen.“

Da ist der Pfarrer natürlich ganz nah am Puls der Zeit. Wenn ein Thema dieser Tage den Alltag in Deutschland beherrscht, dann die Fußball-Weltmeisterschaft. Und so feiern etwa 150 Gläubige in der Paulus-Kirche im Dortmunder Norden einen Fußballgottesdienst mit anschließender Live- Übertragung des Spiels Brasilien gegen Australien. Wer glaubt, die Wahl der Partie hänge damit zusammen, dass sich brasilianische Profis bei jeder Gelegenheit unaufgefordert als gute Christen und Missionare profilieren, der sieht sich getäuscht. Der Zusammenhang sei allenfalls ein indirekter, sagt Friedrich Laker: „Wir haben diesen Gottesdienst mit mehreren Gemeinden vorbereitet, unter anderem einer portugiesischen. Deren Pfarrer ist Brasilianer, ein echter Fan, der kein Spiel verpasst.“

Es ist ja nicht so, dass sich der Herr Pfarrer da nur an ein Modethema gehängt hat. Laker ist selbst Fußballfan und Anhänger von Borussia Dortmund im Besonderen. Eigentlich hätte er gerne eine Dauerkarte, doch überschneiden sich kirchliche Pflichten und der Bundesligaspielplan zu oft, als dass es sich lohnen würde. In seiner Predigt spricht Laker über „Glaube, Liebe, Hoffnung“, die Großen Drei, im Fußball wie in der Religion. Ab und zu treibt es der Gottesdienst mit den Analogien zu weit („Viele von uns suchen im Spiel des Lebens das Tor“), doch unter dem Strich reißt die unkonventionelle Liturgie mit Schauspieleinlagen, Gitarristen, Sängern, leicht geschürzten Sambatänzerinnen und einem Percussion-Ensemble die Leute mit. Lediglich ein paar ältere Damen verlassen zwischenzeitlich irritiert die Veranstaltung.

Die meisten anderen sind das, was da in der Paulus-Kirche passiert, nicht nur gewohnt – sie lieben es. Viermal im Jahr veranstalten Friedrich Laker und seine Frau Sandra, mit der er sich die Pfarrstelle teilt, einen außergewöhnlichen Gottesdienst. Die Lakers sind davon überzeugt, dass man nicht kleckern, sondern klotzen muss, um die Leute in die Kirchen zurückzuholen. „Ein bisschen Gitarre und Flöte allein reichen nicht aus, um eine neue Atmosphäre zu schaffen“, sagt Friedrich Laker. Also hat er in seinem Gotteshaus schon mal einen Big- Brother-Container aufgebaut, und nun eben ein Fußballtor.

Klar, dass man sich damit nicht nur Freunde macht: „Dann heißt es in der Presse, der Laker provoziert mal wieder.“ Nun, der Laker provoziert öfter mal, und wie er das sagt, mit einem Grinsen, provoziert er auch durchaus gerne. Einmal hat er es sogar auf die Titelseite einer großen Kölner Boulevardzeitung geschafft. Da plante er einen Erotik-Gottesdienst, und das Blatt druckte ein Foto von ihm auf der Titelseite, darunter die Schlagzeile: „Dieser Pfarrer predigt Sex in der Kirche!“ Noch am selben Tag riefen sämtliche deutsche Fernsehsender bei ihm an und wollten wissen, was denn da zu erwarten sei, Geschlechtsakte auf dem Altar möglicherweise. „Dabei haben wir nur fröhliche, lebensbejahende, erotische Fotos gezeigt“, sagt Friedrich Laker. „Sex ist eine positive Kraft, die der Schöpfer geschaffen hat.“

Den nächsten Anschlag auf den liturgischen Mainstream plant Pastor Laker am 7. Juli. Dann, unmittelbar vor dem Finalwochenende, wird es in der Paulus-Kirche ein Konzert der besonderen Art geben: Fußballhits auf der Kirchenorgel, von „Olé, olé“ über „You’ll Never Walk Alone“ bis zu „We Are The Champions“. Damit nicht genug, plant der Organist Dietmar Korthals auf dem altehrwürdigen Instrument eine Improvisation zu Höhepunkten der Weltmeisterschaft. Das wäre ja fast schon wieder was fürs Fernsehen. Doch das hat zwei Tage vor dem Endspiel wohl andere Sorgen. Jens Kirschneck

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