Zeitung Heute : Gebt den Frauen das Kommando

Die Feuerwehr sucht dringend Nachwuchs – von 1,4 Millionen Menschen bei der Feuerwehr sind nur 28 000 hauptberuflich dabei

Claudia Bell

Das Telefon von Sabine Voss steht nicht mehr still. Seit sie Chefin der Berufsfeuerwehr im nordrhein-westfälischen Dormagen wurde, interessieren sich eine Menge Menschen für die 40-jährige Diplom-Ingenieurin und Brandoberrätin.

Denn Sabine Voss ist die erste und einzige Frau bundesweit, die einen solchen Job innehat. Sie hat das Kommando über 59 Männer bei der Berufsfeuerwehr und 274 Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr.

Eine vorausschauende Berufsentscheidung, denn perspektivisch fehlt den Feuerwehren der Nachwuchs. Damit ergeben sich Jobchancen – nicht nur, aber auch für Frauen. Dabei war der Weg der zweifachen Mutter zunächst ein anderer – sie studierte Jura in Frankfurt. „Als ichwährend des Studiums bei der Freiwilligen Feuerwehr war, dachten viele, ich hätte Flausen im Kopf, die sich schon wieder legen würden“, erzählt sie. Doch aus den Flausen wurden Begeisterung und Faszination, und so gab sie ihr Studium auf, um ganz bei der Feuerwehr einzusteigen.

Für Sabine Voss sind die Abwechslung und Vielschichtigkeit das Faszinierendste an ihrer Arbeit, zudem sei sie täglich mit den verschiedensten Herausforderungen konfrontiert. „Man muss sehr spontan und flexibel agieren und wirklich auf Zack sein.“

Exakt eine Kollegin hat Sabine Voss in Dormagen, dabei hätte sie gegen mehr weibliche Unterstützung innerhalb ihrer Truppen nichts einzuwenden. Doch Frauen tun sich meist schwer mit einem Engagement in Freiwilligen Feuerwehren oder einer Laufbahn bei der Berufsfeuerwehr. Gründe dafür gibt es einige.

Bewerber müssen über einen naturwissenschaftlichen Hintergrund verfügen. Ein Studium in dem Bereich oder eine handwerkliche Ausbildung sind also ein absolutes Muss, um einen Job bei der Feuerwehr zu bekommen. Und vor allem: Die körperliche Fitness muss top sein, schließlich haben die Einsatzkräfte im Notfall meist schwere körperliche Arbeit zu leisten. „Das schafft nicht jede Frau, und die muss schließlich genauso einsatzbereit wie ihre männlichen Kollegen sein – man muss sich auf alle im Team verlassen können, ich mache keine Ausnahme“, betont die Feuerwehr-Chefin.

Und noch einen möglichen Grund gibt es, weshalb derzeit bundesweit nur etwa sechs bis sieben Prozent Frauen auf den Dienstplänen der Wehren zu finden sind. „Mobbing ist sicher auch ein großes Thema in diesem Bereich“, bestätigt etwa Silvia Darmstädter vom Deutschen Feuerwehrverband. Einige der männlichen Kollegen trauten es dem weiblichen Geschlecht offenbar nicht zu, sich in Notfällen genau wie sie zu bewähren. „Möglichkeiten, den Damen die Aufnahme in die Truppe zu verweigern, gibt es einige“, sagt Silvia Darmstädter.

Das reiche vom Einstufungstest, dessen Niveau bewusst nach oben gesetzt würde, bis hin zur Verweigerung der Teilnahme an Lehrgängen. Solcherlei Arroganz ist allerdings alles andere als angebracht, denn die Feuerwehren im Land suchen händeringend nach kompetentem Nachwuchs.

Unter den bundesweit rund 1,4 Millionen Feuerwehrangehörigen sind gerade einmal 28 000 Hauptberufliche. Noch gehen derzeit etwa 254 000 Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 18 Jahren in die so genannte Jugend-Feuerwehr. „Aber der Einbruch wird noch in diesem Jahr, spätestens 2008 kommen“, prognostiziert Willi Dongus, Geschäftsführer des baden-württembergischen Landesfeuerwehrverbandes.

Zwar engagierten sich die Jugendlichen immer noch gerne in den Feuerwehren, doch spätestens, wenn sie aus beruflichen oder privaten Gründen die Heimatstadt verließen, breche die Basis weg, so Dongus. Hinzu kommen die vielfältigen Freizeitangebote als echte Konkurrenz zu den Wehren, und: „Die demografische Entwicklung holt auch die Feuerwehr ein“, warnt er.

Dabei bietet die Feuerwehr ein abwechslungsreiches Spektrum: „Von der früheren Brandbekämpfertruppe ist heute nicht mehr allzu viel übrig“, sagt Frank Knödler, Präsident des Landesfeuerwehrverbandes Baden-Württemberg. Vielmehr würden die Züge häufig zu den unterschiedlichsten, technischen Hilfeleistungen sowie Umweltschutz- und Notfalleinsätzen gerufen, und auch die Einsätze während und nach Stürmen wie „Kyrill“ gehören dazu.

Knödler betrachtet das Nachwuchsproblem ebenfalls mit wachsender Besorgnis. Er teilt die Einschätzung der Dormagener Feuerwehr-Chefin Sabine Voss: „Auf etwa 20 freie Stellen bekommen wir zwar bis zu 300 Bewerbungen, aber die Qualifikation der Bewerber ist manchmal doch recht fragwürdig.“ Auch er wünscht sich mehr Frauen innerhalb der Feuerwehren – und das nicht nur wegen der Quote: „Wir brauchen mehr Frauen in der Feuerwehr, sie könnten diese Arbeit sehr gut leisten!“ dpa

Informationen zum Thema gibt es beim Deutschen Feuerwehrverband, Reinhardtstraße 25,10117 Berlin.

www.dfv.org

Wer sich für die Freiwillige Feuerwehr in Berlin interessiert, findet Informationen unter www.feuerwehr-berlin.de/freiwilligefeuerwehr.html

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben