GEBURTSTAGSLESUNGBora Cosic : Nicht fröhlich, nicht traurig

Der junge Kerl, der Ende der sechziger Jahre den Roman „Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution“ schrieb, sei ihm fremd geworden, sagte er, als er auf sein 70. Lebensjahr zuging. Nun, mit genau 80 Jahren, hat sich Bora Cosic noch einmal hinter diesen Punkt zurückbegeben. „Eine kurze Kindheit in Agram“ (Schöffling), wie seine Geburtsstadt Zagreb in österreichisch-ungarischer Tradition heißt, widmet sich Cosics frühen Jahren, und das aus einer staunenden Kinderperspektive, aus der alles wie ein Geheimnis erscheint.

Doch wie viele verschiedene Cosics sind nicht schon durch seine Bücher gewirbelt. Der um keine Pointe verlegene, ins Groteske verliebte Schriftsteller, der melancholiezerfressene Exilant und der enttäuschte Liebhaber eines Belgrad, das er bei seiner „Reise nach Alaska“ nicht mehr recht wiedererkannte. Der Abschied von Jugoslawien war erzwungen, und der Gleichmut, mit dem er 1993 erklärte, er sitze „auf den Trümmern eines Staates, weder jung noch alt, weder fröhlich noch traurig“, äußerte sich durch zusammengebissene Zähne.

Cosics surrealistische Väter Marko Ristic und Vasko Popa galten im deutschsprachigen Raum wenig, seine Hausheiligen Proust, Mann und Musil dafür umso mehr. Den literarischen Raum dazwischen eroberte er mit Romanen wie dem „Interview am Zürichsee“. Berlin, das er 1995 als DAAD- Stipendiat kennenlernte, weiß inzwischen, was es an diesem Meister der Übermalungen hat. Im LCB gibt der Jubilar nun Jörg Platz Auskunft über seinen Lebensweg vom Zeitschriftenredakteur und Übersetzer der Futuristen Majakowski und Chlebnikow bis zum großen europäischen Erzähler. Gregor Dotzauer

Literarisches Colloquium Berlin, Mi 11.4.,

20 Uhr, 6/4 €

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