Zeitung Heute : Gedächtnis: Forschung: Das Déjà-vu

"Hab ich das nicht schon mal erlebt?" Mehr als die Hälfte aller Menschen, einige Schätzungen gehen sogar von 90 Prozent aus, hat sich die Frage schon mal in einer Situation gestellt, die für sie nachweislich neu war. So ein Déjà-vu kann sekunden-, seltener minutenlang andauern. Die Wiederholung kann gesehen, gerochen, geschmeckt, gefühlt oder getastet werden.

In der Medizin geht man von einer Wahrnehmungs- oder Erinnerungsstörung aus. Der Fehler tritt bei der Verarbeitung biografischer Erlebnisse auf. Schenken Sie einem Gesprächspartner Aufmerksamkeit, dann reagieren Neuronen sowohl auf die Gesichtsbewegungen, die Gesichtsfärbung als auch auf die gesprochenen Worte und aktivieren dabei Erinnerungsspuren, die mit der Kenntnis, um wessen Gesicht es sich handelt, zusammenhängen. Jede bewusste Repräsentation einer Wahrnehmung besteht also nicht nur aus der Verarbeitung der augenblicklichen Sinneseindrücke, sondern geht auch immer mit Erinnerungen einher. Damit Wahrnehmung, Erinnerung und Emotion zu einem Erlebnis verschmelzen, muss sie das Gehirn vernetzen und synchronisieren. Das gelingt nicht immer.

Für den Mediziner Josef Spatt vom Neurologischen Krankenhaus Rosenhügel in Wien entsteht ein Déjà-vu durch die Fehlleistung eines einzelnen fotografisch arbeitenden Gedächtnissystems. Denn, so argumentiert er in der Januar-Ausgabe 2002 des "Journal of Neuropsychiatry", die Irritation, die ein Déjà vu auslöse, beweise, dass wir ansonsten, anders als bei einer Halluzination, alle Sinne beisammen haben. Die anderen an der Wahrnehmung und Erinnerung beteiligten Hirnstrukturen, nehmen die Situation schließlich realistisch war und signalisieren: "das kann doch gar nicht sein". Schließlich ist so ein Déjà-vu Phänomen auch erinnerbar. Als Gegenpart zum abstrakten flexiblen Gedächtnis, ruft die fotografische Gedächtnisart einzelne, bildliche Szenen aus der Vergangenheit hervor und entscheidet, ob eine Wahrnehmung vertraut oder fremd ist. Déjà-vus treten häufig in Verbindung mit Müdigkeit oder Erschöpfung auf. Während des Schlafs verändert das Gehirn seine Aktivierungsmuster. Die äußere Welt verschwindet, jetzt sollen Gedächtnisspuren gefestigt werden. In einer frühen Phase beim Übergang des Gehirns vom Wach- in den Schlafmodus könnte sich ein Verarbeitungsfehler im Bereich des fotografischen Gedächtnisses einschleichen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben