Zeitung Heute : Gedächtnis: Interview: Lügen ist schwer

Vor Gericht ist die Frage[ob jemand die Unwahrhei]

Vor Gericht ist die Frage, ob jemand die Unwahrheit sagt, besonders entscheidend, wenn Aussage gegen Aussage steht. Die Psychologin Renate Volbert vom Institut für Forensische Psychiatrie des Universitätsklinikums Benjamin Franklin erstellt Glaubwürdigkeitsgutachten über Zeugen vor allem in Fällen von sexuellem Missbrauch.

Woran erkennt man, dass jemand lügt?

Man kann nur erkennen, ob jemand etwas tatsächlich erlebt hat. Wir beurteilen die Qualität einer Aussage anhand bestimmter Merkmale. Zugrunde liegt die Idee, dass es sehr schwierig ist, eine Aussage über ein komplexes Handlungsgeschehen zu erfinden. Wir prüfen deshalb, ob eine Aussage so komplex ist, dass sie nicht erfunden werden könnte. Außerdem geht es darum, wie eine lügender Zeuge sich präsentiert. Beispielsweise finden wir in wahren Aussagen gelegentlich Hinweise auf unplausible Aspekte, während ein Lügner eher keine Einwände gegen die Glaubhaftigkeit seiner Aussage vorbringen wird.

Können Sie mit Ihrer Methode falsche Erinnerungen aufspüren?

Das ist natürlich komplizierter, weil der Zeuge von dem Vorgebrachten selbst subjektiv überzeugt ist. Bei Verdacht auf eine falsche Erinnerung ist die Aussagenentstehung genau zurückzuverfolgen, um mögliche Einflüsse festzustellen. In den vergangenen Jahren hatten wir es häufig mit Fällen zu tun, in denen Bezugspersonen zum Beispiel aufgrund von Verhaltensauffälligkeiten den Verdacht hatten, ein Kind könnte missbraucht worden sein. Und weil sie es den Kindern so leicht wie möglich machen wollte, wurden die oft mit Techniken befragt, die potenziell suggestive Wirkung haben..

Was sind das für Techniken?

Beispielsweise werden inhaltliche Vorgaben gemacht, indem man von anderen Missbrauchsfällen erzählt. Gelegentlich wird auch regelrecht zu Spekulationen über mögliche Vorfälle aufgefordert. Vor allem wird in wiederholten Befragungen eine bestimmte Erwartungshaltung transportiert, der die Kinder häufig irgendwann entsprechen. Im Kopf der Kinder können so sehr lebhafte Bilder entstehen, die schließlich für eine eigene Erinnerung gehalten werden. In einem solchen Fall ist es schwierig nachzuweisen, wenn es tatsächliche Vorfälle gegeben hat. Aus diesem Grund schaden suggestive Befragungstechniken sowohl missbrauchten wie auch nicht missbrauchten Kindern. Den einen werden falsche, psychisch belastende Erinnerungen eingegeben, bei den anderen ist die Glaubhaftigkeit der Aussage nicht mehr zu belegen.

Kommen wir zu einem ganz anderen Fall. Glauben Sie, dass Müntefering die Wahrheit gesagt hat?

Dazu möchte ich nichts sagen. Aussagen wie "ich habe nichts gewusst" sind mit aussagepsychologischer Methodik jedenfalls nicht zu bewerten.

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