Zeitung Heute : Gedenken und nachdenken

Brigitte Grunert

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Die Ursachen und Folgen der Nazi-Diktatur, die vor 60 Jahren mit dem Zweiten Weltkrieg zu Ende ging, sind uns ja auf Schritt und Tritt gegenwärtig. Also gehen wir in die Turmruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Sie bietet guten Anschauungsunterricht.

Neulich hat die Frau Rentnerin dort eine Schulklasse beobachtet. Frage der Lehrerin: „Wisst ihr noch, was ich euch gesagt habe? Wann wurde die alte Kirche geweiht?“ Schweigen. Endlich trompetet einer: „1995!“ Ach herrje, der Steppke hat alles durcheinander gebracht. Natürlich war es 1895, vor 110 Jahren. In der Nacht zum 23. November 1943 wurde die Kirche ausgebombt, 1961 die neue Kirche geweiht, 1987 die Gedenkhalle in der Turmruine eröffnet. So. Die Kinder sollen begreifen lernen.

Preußens Gloria und kaiserliche Großmannssucht, man weiß ja, wohin das letztlich führte. Hier ist es zu besichtigen. Die Mosaiken und Reliefs zeugen von geborstener Pracht. Die wichtigsten Hohenzollern-Fürsten und – nur noch teilweise erkennbar – mittelalterliche Kaiser seit Karl dem Großen sind zu sehen, von glitzernden Engeln mit mächtigen Schwingen geleitet. Dazwischen Szenen aus dem Leben Kaiser Wilhelms I., zu dessen Gedächtnis der Enkel Wilhelm II. die neoromanische Kirche bauen ließ. Selbst Bismarck, Moltke und Roon sind verewigt. Man erfährt, dass der Architekt Franz Schwechten, auch Miterbauer des Anhalter Bahnhofs, den Kronenorden III. Klasse erhielt und kann in einer Vitrine die Prunkschlüssel der Kirche für das Kaiserpaar begucken.

Wie es aussah, als alles in Scherben fiel, zeigen eindrucksvolle Großfotos. Ebenso erinnert das Nagelkreuz von Coventry an den Gang der Geschichte, an Schuld und Versöhnung. Es stammt von Nägeln aus der Asche der britischen Kathedrale, die 1940 einem deutschen Bombenangriff zum Opfer fiel.

Ein Touristenführer beendet aufgeräumt seinen Vortrag: „Und nun gehen wir hinüber in die Eierkiste.“ Er meint die von Egon Eiermann erbaute neue Gedächtniskirche. Die Frau Rentnerin zieht es ebenfalls für ein paar Minuten des Nachdenkens an den wunderbaren Ort der Stille im blauen Dämmerlicht. Es tut gut, einmal allen Lärm hinter sich zu lassen, auch die lärmenden Debatten über den 8. Mai.

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