Gedenken und Vergessen : Kollektives visuelles Trauma statt Verarbeitung

Zehn Jahre sind seit den Terroranschlägen auf das World Trade Center bereits vergangen: Wie Medien und Politik die kollektive Erinnerung an "9/11" beeinflusst haben.

James Der Derian
„Tribute in Light“. Jedes Jahr am 11. September erinnern die Lichtsäulen an den Einsturz der Zwillingstürme des World Trade Centers.
„Tribute in Light“. Jedes Jahr am 11. September erinnern die Lichtsäulen an den Einsturz der Zwillingstürme des World Trade...Foto: Reuters/Gary Hershorn

Öffentliche Rituale des Gedenkens, besonders solche nach gemeinsam erlittenem Schaden oder Verlust, sind ein bewährtes Heilmittel für das Gemeinwesen. Sie geben dem Leid einen Sinn und versprechen die Abwendung einer Wiederholung. Sie können aber auch ein akzeptables Ende des Leids und der Trauer markieren.

Zehn Jahre nach dem 11. September gibt es vieles, was des Gedenkens würdig ist: der Verlust unschuldiger Menschenleben, die Aufopferung der Helfer vor Ort, die Solidarität zwischen Gemeinschaften – von der Orts- bis zur Staatsebene – gegen den Terrorangriff auf die USA. Aber es gibt auch Momente, die wir vielleicht vergessen möchten, Momente der Angst, des Traumas und der Verwundbarkeit: den fatalen, unnötigen Irakkrieg, unbefristete Haft in Guantanamo Bay, illegale Abhöraktionen, Überwachungen und Aufhebung von Bürgerrechten in den USA, ein bleibendes Misstrauen gegenüber allem Nicht-Amerikanischen und die Suche nach Gerechtigkeit, die vom Wunsch nach Rache nicht mehr unterscheidbar wurde.

Öffentliches Gedenken ist selten eine neutrale Handlung. Das Gedächtnis ist überhaupt selektiv, das politische Gedächtnis ganz besonders. Seit Urzeiten ist unser Hirn so gestrickt, dass wir visuellen Anzeichen und Mustern, die Gefahr bedeuten, erhöhte Aufmerksamkeit schenken: Der dunkle Schatten, der einem Fressfeind ähnelt, kann selbst den modernen Menschen noch erschrecken. Traumata schaffen besonders starke Erinnerungen, die weniger dramatische verdrängen können. Wenn die Erinnerung an Verwundbarkeit von Politikern und Medien aufrecht erhalten wird, kann dies bestimmen, wen wir als Freund akzeptieren und wen wir als Feind betrachten. Mithilfe solcher Erinnerungen werden von der Globalisierung bedrängte Nationalstaaten heute stark gemacht, wird Souveränität erneuert und wird nationale Sicherheit über andere öffentliche Belange gestellt.

Das Gedächtnis ist stark abhängig von ersten Eindrücken. Als das erste Flugzeug ins World Trade Center krachte, war ich gerade auf dem Sprung zu meiner Arbeit in Providence, Rhode Island. Da klingelte mein Telefon: Ein Reporter des örtlichen Nachrichtensenders bat mich um einen Kommentar zu den Berichten, dass eine Cessna in einen der Zwillingstürme gekracht sei. Ich konnte nichts dazu sagen. Während der nächsten zwei Stunden wechselte ich mit meinem Autoradio von einem Sender zum nächsten, von den gedämpften Berichten der öffentlichen Sender bis zu den wilden Spekulationen von Skandalschockern wie Howard Stern. Ich hörte, dass nicht etwa ein einzelnes kleines Flugzeug, sondern mehrere große Maschinen (verschiedene Zahlen wurden gemeldet) entführt worden waren; F-16-Jäger der Nationalgarde hätten bereits eine abgeschossen und waren zwei anderen auf den Fersen, die auf das Weiße Haus und das Kapitol zusteuerten. Absurderweise suchte ich den Himmel über dem Highway nach Flugzeugen ab.

Keine Geschichte schien zu wahnwitzig, um gesendet zu werden. In diesem Angst- und Panikanfall der Medien versuchte ich, aus den Gerüchten ein paar harte Fakten herauszuziehen. Erinnerungsgestützte Erkennungsmuster halfen mir, das Puzzle zusammenzusetzen. Durch meine Forschungen und Schriften zum internationalen Terrorismus, unter anderem zum Bombenanschlag auf das World Trade Center 1993 und die Bombenanschläge auf die US-Botschaften in Tansania und Kenia 1998, war ich mit den Strategien und Fähigkeiten von Al-Qaida vertraut. Ich hatte die Gerichtsprotokolle der New Yorker Verhandlungen zu den mutmaßlichen Verschwörern hinter den Anschlägen auf die Botschaften (‚Vereinigte Staaten von Amerika gegen Osama bin Laden') gelesen, wobei mir die Personen auffielen, die Jamal Ahmed Al-Fadl, Bin Ladens ehemaliger Zahlmeister, der inzwischen Informant geworden war, als zentrale Figuren der Organisation identifizierte:

F: Haben Sie während ihrer Zeit in Khartoum und bei Al-Qaida Bekanntschaft mit einer Person namens Abu Muaz el Masry gemacht?

A: Ja.

F: Bitte sagen Sie uns, ob Abu Muaz el Masry Mitglied von Al-Qaida ist.

A: Ja.

F: Können Sie uns sagen, was sein Spezialgebiet ist?

A: Er ist auch Mitglied von Dschihad-Gruppe, und er ist sehr gut mit Träumern.

F: Können Sie erklären, was Abu Muaz el Masry mit Träumen gemacht hat?

A: Wenn irgendein Al-Qaida-Mitglied, er hatte einen Traum nach dem Fajr-Gebet ...

F: Dem Fajr-Gebet, F-A-J-R?

A: Ja.

F: Wann ist dieses Gebet?

A: Vor dem Sonnenaufgang.

F: Okay. Fahren Sie fort.

A: Wenn jemand Traum hatte und glaubt, Traum könnte wahr werden, er ihm sagen, Abu Muaz, er hat große Erfahrung, Leuten zu sagen, was Traum werden wird, er ist Experte für so was.

F: Abu Anas al Liby, hatte er ein Spezialgebiet innerhalb von Al-Qaida?

A: Ja.

F: Welches?

A: Er ist – er unsere Computer bedienen. Er ist Computertechniker.

F: Kennen Sie die Person namens Mohamed Shabana?

A: Ja.

F: Ist Mohamed Shabana Mitglied von Al-Qaida?

A: Ja.

F: Hatte er ein Spezialgebiet innerhalb von Al-Qaida?

A: Er versteht viel von Berichte, Medienberichte, und er hat große Erfahrung mit Analyse von Ballistik.

F: Sie sagen, er versteht viel von Berichten. Was für Berichte?

A: Medienberichte, und er hat gute Analyse von allen Sachen.

(Verhandlungsprotokolle, United States of America v. Usama bin Laden, et al., February 6, 2001, online: http://cryptome.org/usa-v-ubl-01.htm)

Ein Traumdeuter, ein Programmierer und eine Medienexperte: Das war nicht die Terrororganisation unserer Väter. Auch wenn Al-Qaida als „Basis“ übersetzt werden kann, ähnelte sie doch auch vor dem 11. September bereits einem weltumspannenden Netzwerk, das von einer religiösen Vision angetrieben war.

Als ich am Watson Institute for International Studies angekommen war, war ich mir inzwischen ziemlich sicher, dass Al-Qaida, die ich nach dem teuflischen Kamerabomben-Attentat auf „den Löwen“ Massoud, den Anführer der Nordallianz und Dorn im Auge der Taliban, wieder auf dem Radar hatte, den Anschlag verübt hatte. Ich teilte meine Vermutung meinen Kollegen mit, die sich alle vor dem einzigen Fernseher des Instituts versammelt hatten. Ich erntete durch die Bank ungläubige Blicke und sogar Missbilligung. War ich etwa krank? Wie konnte ich nur so herzlos sein und versuchen, diese tragischen Vorfälle zu erklären? Unverzeihlich war gleichbedeutend geworden mit unerklärlich.

Dies sollte die erste von vielen ähnlichen Reaktionen sein, in denen das Geschehen des 11. Septembers in Bildern und Emotionen und nicht in Worten und Analysen wiedergegeben wurde. Die 17 Minuten zwischen dem ersten und zweiten Einschlag in die Zwillingstürme führten zu einer seltenen televisuellen Simultaneität durch ein gemeinsames mentales Erlebnis. Durch die endlose Wiederholung der Einschläge und des Einsturzes der Türme wurde das Ereignis künstlich ausgedehnt, verlor jegliche objektive Perspektive: Nerven- und Fernsehnetzwerke verschmolzen und stürzten den Zuschauer in einen tragischen Kreislauf aus Zerstörung und Trauer. Der erste Eindruck wurde zur bleibenden Erinnerung: Dies war ein verwerflicher Schlag gegen ein unvergleichliches Land, der außergewöhnliche Vergeltung forderte.

Ich bin der Überzeugung – eine Überzeugung, die seither durch ähnliche Geschichten bestätigt wurde – dass der 11. September als kollektives visuelles Trauma erlebt wurde, das kaum Raum oder Zeit für öffentliche Diskussion, geschweige denn Verarbeitung ließ. In das Vakuum nach dem Einsturz des WTC stürzte sich eine Horde selbsternannter Experten, opportunistischer Politiker und religiöser Eiferer, die nur mit bildhaften Metaphern („Es ist ein Film“), historischen Analogien („Es ist Pearl Harbor“) und Wild-West-Jargon („Wir kriegen Bin Laden, tot oder lebendig“) in der Lage waren, ein Trauma zu beschreiben, das es vom visuellen Eindruck nicht zum kognitiven Verständnis hinüber schaffte.

Während ich diesen Artikel schrieb, bebte die Ostküste Nordamerikas von Virginia bis zu unserer Hütte im nördlichen Ontario. In Washington D.C. – ganz in der Nähe des Epizentrums dieses Erdbebens der Stärke 5,8 – rannten meine Schwester und ihre Kollegen aus ihren Büros des Nationalarchivs und suchten den Himmel nach dem nächsten abstürzenden Flugzeug ab. Tausend Meilen weiter nördlich stieg meine Frau gerade aus dem See, als der Bootssteg kurz wackelte, woraufhin sie sich fragte, ob Wasser in ihre Ohren gekommen sei und ihr den Gleichgewichtssinn geraubt habe.

Dort in der Wildnis, außerhalb der Reichweite von CNN, dem Wetterkanal und Al-Qaida, hatten wir den 11. September vergessen. Aber uns wurde auch klar: Wenn die Erde bebt, ist es nicht immer nur Kopfsache.

Aus dem Englischen von Stephan Rothschuh.

James Der Derian ist Professor of International Studies an der Brown University.

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