Zeitung Heute : Gedenktage besiegen

Von Elisabeth Binder

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IMMER WIEDER SONNTAGS

Foto: Pavel Sticha

Es gibt dieses altmodische Erziehungsprinzip, dem leider auch meine Eltern huldigten: Man bringt den Kindern bei, alle Dinge um ihrer selbst willen zu tun und nicht etwa um des Lohnes willen, den es dafür gibt. Eigentlich ist das ein Prinzip wie vom Wunschzettel eines potenziellen Arbeitgebers geklaut: Arbeit ja gerne, Lohn Nebensache. Aber mit so was befassen sich Kinder ja nicht. Das muss man erst später ausbaden oder bewältigen, je nachdem. Was schon eher schmerzte: Alle, alle anderen Kinder kriegten dauernd Geld für gute Schulnoten. Jedenfalls all diejenigen Kinder, die welche hatten. Wir nie, obwohl es schon die eine oder andere sehr hübsche Ziffer auf dem Zeugnis gab. Nicht, dass wir deshalb darben mussten. Irgendwie kamen wir schon zu dem Geld, das man als Kind so braucht. Nur eben nicht am Zeugnistag.

Man hat damals in der Schule, um die guten Zensuren zu bekommen, für die es dann nichts gab, alles Mögliche gelernt, was man später differenzieren musste. Vielleicht ist auch das ein Grund, warum man von den Kinderjahren gern als Zeit der Unschuld spricht. Nennen wir es lieber Unwissenheit oder, moderner, Uninformiertheit. Zum Beispiel hieß es immer, dass Mütter alle ihre Kinder gleich lieben und jederzeit und immer bereit sind, sich für sie vollständig aufzuopfern. Umso erfrischender finde ich es zu sehen, wie sich moderne Mütter manchmal geradezu einen Rabenmutterstolz zulegen, wie sie es nicht einsehen, den lieben Kleinen ihre Lebensträume zu opfern und wie sie auch manchmal ganz freimütig davon sprechen, das eine mehr zu lieben als das andere. (Jedenfalls so lange die Sprösslinge noch so klein sind, dass sie nicht verstehen, wovon die Rede ist.) Aus so einer Haltung können nur sehr gesunde, neurosenfreie Kinder hervorgehen, die ein Gewinn für jede Gesellschaft sind. Und die jedenfalls unabhängig genug sind, sich nicht von Gedenktagen vorschreiben zu lassen, wann sie sich mit dicken Blumensträußen jener Ecken in ihrem Gewissen entledigen, die aus dem einen oder anderen Grund blinde Flecken tragen. Eine Mutter, die keine Schuldgefühle verursacht, darf sich wahrscheinlich für den Rest ihres Lebens unbefangener Zuneigung erfreuen, die Ausdruck findet, wann immer es sich passenderweise ergibt.

Trotzdem ist es wahrscheinlich gut, dass es einen Muttertag gibt. Dinge um ihrer selbst willen und immer wieder sonntags oder gerne auch montags, gelegentlich donnerstags zu tun, erfordert einiges Training. Nicht jedem ist es gegeben, sich scheinbare Selbstverständlichkeiten aus heiterem Himmel heraus als eigentliche Unselbstverständlichkeiten bewusst zu machen. Kollektive Huldigungen haben außerdem etwas Mitreißendes, das ihnen Anflüge von Peinlichkeit nimmt. Man kann ja trotzdem mal probieren, an einem ganz gewöhnlichen Sonntag im Juli der Mutter (oder einem anderen lieben Menschen) ein Pralinenherz oder einen Blumenstrauß vorbeizuschicken. Unverhofft steigert oft die Wirkung. Was mich betrifft, denke ich sonntags auch häufiger mal an meine Großmutter. Wahrscheinlich weil wir sie an diesem Wochentag oft gesehen haben, als sie noch lebte. (Hoffentlich nicht, weil sie es war, die uns gelegentlich doch mal heimlich einen Lohn für die Zeugnismühen zugesteckt hat.)

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