Zeitung Heute : Gedichte: Der etwas andere Robinson Crusoe

Jan Wagner

"Diese Kunst ist von solcher Erhabenheit und Würde, dass sie der alten britischen Vorstellung von einer "Commonwealth-Literatur" eine klare Absage erteilt: Walcotts Englisch ist bei weitem tiefgründiger und klangvoller als es dasjenige der meisten Engländer selbst ist." So urteilte einige Jahre, bevor beider Werk mit dem Nobelpreis geadelt wurde, der Ire Seamus Heaney über seinen karibischen Kollegen Derek Walcott. Man kann davon ausgehen, dass seine Worte auch auf ihn selbst gemünzt waren. Während Heaney jedoch auf eine reiche Tradition gälischer wie anglo-irischer Lyrik zurückgreifen konnte, war es an Walcott, gemeinsam mit Autoren wie Edward Kamau Brathwaite eine eigenständige karibische Lyrik erst zu begründen. Dass ihm dies gelang, ist nicht zuletzt einem langen Zyklus aus dem Jahre 1984 zu verdanken, der unter dem Titel "Mittsommer / Midsummer" erstmals vollständig in deutscher Übersetzung vorliegt.

"Verpflichtet sind diese gedichte keiner tradition / ich habe sie eher hochgehievt wie algenüberwucherte anker; / jedes sinkt wie ein stein auf den grund des meeres, aber laß sie - / wenn sie glück haben - liegen wo die steine tief sind, im gedächtnis / des meeres", heißt es in einem der 54 Abschnitte von "Midsummer". Doch natürlich ist Walcott Teil einer "dual tradition" zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Westen und Westindien: Geboren auf der Insel St. Lucia, teilt er seine Zeit zwischen seiner Heimat und seinem zweiten Wohnsitz Boston auf; und beruhen Reichtum und Eigenheit seiner Lyrik auch auf den geographischen Gegebenheiten der Karibik, so hat er doch nie den Einfluss der anglo-amerikanischen Tradition auf sein Schaffen verheimlicht. Bewusst setzt er sich mit Shakespeares "Tempest" und Defoes "Robinson Crusoe", aber auch mit anderen Grundpfeilern der Weltliteratur wie der "Odyssee" auseinander und überträgt sie auf den eigenen kulturellen Raum. Umgekehrt bekommen die Landschaft seiner Karibik und ihre soziale und politische Realität etwas Universales, ist seine Lyrik also alles andere als regional und erst recht kein Rückzug auf eine westliche Klischees bedienende Bilderbuchkaribik. Vielmehr setzt sie St. Lucia und Umgebung selbstbewusst auf die literarische Weltkarte: "Viel Glück für deine Römischen Elegien", wendet sich Walcott an Joseph Brodsky, "die der honig der zeit verrätseln wird wie jene Ovids. / Korallen, bis zu ihren fenstern im sand, sind meine heiligen stelen / um ein schlagnetz kreisende möwen, die tauben meines Markusplatzes / und durch unsere katakomben jagen silberne legionen von makrelen." "Midsummer" ist Walcotts lyrische Bilanz in der Mitte des Sommers, das heißt auch: in der Mitte des eigenen Lebens. Doch sein Blick schweift weiter als bis zu den Grenzen der eigenen Biografie; die eigene Person, das eigene Werk dienen als Angelpunkt einer Welt, deren abgründigen Reichtum er wahrnimmt und in unnachahmlichen Versen auslotet. Wenn auch Ernüchterung anklingt - "Eine schabe / rutscht ins porzellanbecken, ab von ihrem pfad zum Parnaß. / Den falschen weg nahm jedes wort das ich je geschrieben habe" - , so überwiegt doch der Glaube "daran daß es immer noch möglich wäre, das glück / der wahrheit, und der junge dichter der im spiegel steht / lächelt und nickt mit dem kopf. Aus dieser distanz sieht er schön aus. / Und ich hoffe, ich bin was er sah: eine überdauernde ruine."

Wer "Midsummer" liest, teilt diesen Glauben uneingeschränkt, so souverän ist Walcotts Sprache, ob er sich nun der Natur oder Konflikten der Gegenwart und der Vergangenheit zuwendet, in der Karibik oder, durch die Person des Dichters transponiert, im Londoner Stadtteil Brixton und im Norden der USA: "Das schneidende licht auf der kühlerhaube / trennt die spuckenden von denen auf die zu spucken wäre / und richtet auf die farbigen viertel ihr rotes auge. / Die sirenen singen weiter während Lowells haupt / am bootshaus von Harvard vorbeirollt und seine Muse / in den irischen bars für die Celtics grölt". Seine so sinnlichen, verblüffenden Metaphern unterstreichen immer die Reflexion; das genau Beobachtete - "Das holländische blut in mir achtet auf das detail" - fügt sich ins Gedankliche ein. Das Ergebnis ist ein außergewöhnlicher, sehr geschlossener Zyklus, dessen einzelne Teile das Meer verbindet, "die silberne sprache der see", der Walcott immer neue Bilder entlockt und die im Rhythmus stets spürbar bleibt. Es überrascht nicht, wenn er in seinem "Mittsommer" sich selbst und sein Werk unter anderem auf die See zurückführt, auf das "mittsommer-meer, die heiße schotterstraße, dieses gras, diese hütten die mich zu dem werden ließen / was ich bin, dschungel und klingengras am straßenrand, die scharfe kante der kunst". Teile von Midsummer erschienen bereits 1989 unter dem Titel "Das Königreich des Sternapfels", einer von Klaus Martens übersetzten Auswahl der Gedichte Walcotts.

Dass Raoul Schrott nun den gesamten, großen Zyklus ins Deutsche übertragen hat, ist ein gewaltiges Unterfangen - wenn man bedenkt, dass er sogar Walcotts weit ausgreifendes Reimschema wiederzugeben versucht. Trotzdem bleiben Zweifel. So finden sich etwa im Original die melodisch-jambischen Zeilen:

when lilies opened like Victrola horns, when dusk spread feathers like a fighting cock, and down the sunday promenade for miles the Civil Guard kept playing "La Paloma" and gulls, like doves, waltzed to the gusting lace and everyone wore white and there was grace.

Schrotts Neuübersetzung lautet:

als lilien sich öffneten wie die trichter einer Victrola die Dämmerung ihr gefieder spreizte wie ein kampfhahn und die meilen der sonntagspromenade entlang; die Civil Guard spielte den ganzen tag über "La Paloma", möwen waren es die wie tauben zu böigen spitzen walzer tanzten jeder war in weiß, und anmut etwas das man nicht bloß vorschanzte.

"Victrola" ist der im Deutschen unbekannte Handelsname für einen Plattenspieler. Nun ist die klangliche Nähe zu "Paloma" zwar verlockend, doch ist die deutsche Entsprechung für "Victrola" der hiesige Handelsname "Grammophon", ohne den sich Walcotts wunderbarer Vergleich den wenigsten Lesern erschließen dürfte. Auch das abschließende Couplet wird umständlich beibehalten - allerdings für den hohen Preis der "grace", der Anmut. Jede Übersetzung eines Gedichts muss Opfer bringen; ihre Qualität lässt sich an der Wahl des Opfers messen und daran, ob sie dank seiner den Kern des ursprünglichen Textes in die Zielsprache zu retten vermag. Schrotts Übersetzung ist überaus ambitioniert und verzichtet auf nichts - doch dafür opfert sie stellenweise das Original selbst. Es ist ein großer Vorzug der vorliegenden Ausgabe, dass sie neben der Übersetzung den englischsprachigen Text enthält - diesen schier allumfassenden Zyklus über "diese insel: zwar malerisch / aber dafür bekannt ... / dass sie nichts hervorbringt. Nicht einmal ein Volk." Es muss Walcotts Bescheidenheit, seine Ehrfurcht vor den Dingen sein, die ihn verschweigen lässt, dass diese Insel einen der größten englischsprachigen Dichter unserer Zeit hervorgebracht hat.

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