Zeitung Heute : Gefährdete Rarität

Die Wegwarte ist die Blume des Jahres 2009

Tassilo Wengel

Die Wegwarte (Cichorium intybus) wurde in diesem Jahr zur Blume des Jahres bestimmt. Mit ihren strahlend blauen Blüten kann man sie gelegentlich noch am Wegrand entdecken, aber die Zahl der Pflanzen nimmt ständig ab. Begründet wurde die Wahl durch die Loki Schmidt-Stiftung und den Naturschutz Hamburg damit, dass mit dieser Entscheidung auf die Gefährdung des Lebensraumes der Spontanvegetation aufmerksam gemacht werden soll. Allgemein befindet sich die Wegwarte auf dem Rückzug, in Hamburg und Niedersachsen steht sie bereits auf der „Roten Liste“, in anderen Bundesländern auf der Vorwarnliste. Grund für das Schwinden ihres Vorkommens ist, dass durch zunehmende Bebauung die unversiegelte Fläche ständig abnimmt und damit auch der Lebensraum der Wegwarte eingeschränkt wird. Sie gedeiht vor allem an Weg- und Ackerrändern, auch an Böschungen und Mauern auf warmen und trockenen Lehmböden. Auf diese Standorte beziehen sich auch die von kio (griechisch = ich gehe) und chorion (griechisch = Feld) abgeleiteten Pflanzennamen kichore und kichorion. Bereits Pedanius Dioskurides (1. Jahrhundert nach Christus), Pharmakologe des Altertums, der mit seiner fünfbändigen „Materia Medica“ das wichtigste pharmakologische Werk der Antike schrieb, verwendete diese Namen ebenso wie Theophrast (1493–1541), griechischer Philosoph und Naturforscher, auch als Paracelsus bekannt. Aus dem griechisch-lateinischen Gattungsnamen entstand auch der Name „Zichorie“, ein Kaffeeersatz, der aus der gerösteten Wurzel der Pflanze gewonnen wurde.

Im Mittelalter spielte die Wegwarte im Aberglauben eine Rolle. Für die Bereitung von Zaubertränken wurde die Droge „Radix Cichorii“ verwendet, aber auch ihre heilsame Wirkung wird in mittelalterlichen Kräuterbüchern gepriesen. Heute wird die Wegwarte aufgrund ihrer Bitter- und Gerbstoffe als Zugabe zu Teemischungen empfohlen, die bei Stoffwechselstörungen Verwendung finden.

Die Wegwarte gehört zur Familie der Korbblütengewächse (Asteraceae) und ist eine Staude mit langer spindelförmiger Wurzel. Daraus entwickelt sich ein Stängel von 30 bis 150 Zentimeter Höhe, der steif aufrecht wächst, kantig und im oberen Teil sparrig verästelt ist. Innen ist er hohl und führt bitteren Milchsaft. Die unteren Blätter sind zur Blütezeit meist vertrocknet. Nach oben zu werden sie zunehmend ganzrandig und lanzettlich. In den meisten Fällen tragen Stängel und Blätter an der Unterseite eine steife Behaarung. Von Juli bis Oktober erscheinen die hellblauen, seltener auch weißen oder rosafarbenen Blüten an den Enden der Stängel und in den Winkeln der Zweige. Während sie an den Enden der Stängel einzeln stehen, treten sie in den Winkeln der Zweige meist zu mehreren auf. Sie erreichen einen Durchmesser von bis zu vier Zentimetern und sind vor allem in den Vormittagsstunden geöffnet. Zahlreiche Schmetterlinge, Bienen und Schwebfliegen besuchen sie gern, um sich an dem süßen Nektar zu laben. Dabei erfolgt gleichzeitig die Bestäubung, der kleine zwei bis fünfkantige, gelbe bis schwärzliche Früchte mit kurzen Federkrönchen folgen, die vom Wind verbreitet werden.

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