Zeitung Heute : Gefährliche Exoten

Der Tagesspiegel

Von Hermann Feldmeier

Das Drehbuch ist simpel: Ein unbekannter Krankheitserreger wird durch importierte Versuchstiere in die USA eingeschleppt. Eines dieser Tiere wird gestohlen, der Dieb steckt erst sich und dann andere Menschen an. Einige der Angesteckten fliegen quer über den Kontinent und rufen in einer amerikanischen Kleinstadt eine durch ein hämorrhagisches Fieber-Virus verursachte Epidemie hervor. Da alle Eindämmungsmaßnahmen misslingen, will das Militär bereits die Bevölkerung mit einer Bombe töten, als den heroischen Ärzten schließlich doch die Entwicklung eines schützenden Serums gelingt.

Der Hollywood-Streifen „Outbreak“ war allerdings mehr als einer der üblichen Kassenschlager vom Genre der Katastrophenfilme. Er bezog seinen besonderen Thrill aus der Tatsache, dass nahezu gleichzeitig mit der Auslieferung der Kopien an die Kinos die bis dato größte Ebola-Epidemie in der Stadt Kikwit im damaligen Zaire ihren Lauf nahm und auch die westliche Welt vorübergehend in Atem hielt. Binnen sechs Wochen starben unter den Augen der Weltöffentlichkeit 244 Menschen an dem Virus.

Dass Krankheitserreger wie das Ebola-Virus irgendwann einmal als B-Waffen eingesetzt werden könnten, überstieg damals allerdings das Vorstellungsvermögen von Hollywood. Erst die Serie der Anschläge mit Milzbrandbazillen in den USA hat auch dem Laien vermittelt, was in Expertenkreisen schon lange vermutet wird, dass nämlich nicht nur altbekannte Erreger wie Pocken, Pest und Botulismus-Bakterien, sondern auch die gefährlichsten aller viralen Krankheitserreger, die Verursacher des Hämorrhagischen Fiebers, in falsche Hände gelangt sein könne. Ein „Outbreak“ à la Hollywood würde damit zu einer ernst zunehmenden Bedrohung.

Wenige Spezialisten in Europa

Hämorrhagische Fieber werden von verschiedenen Erregern ausgelöst, mit denen sich in Europa nur wenige Virusexperten auskennen. Weniger als ein Dutzend Forschungsinstitute sind hier überhaupt in der Lage, mit diesen Erregern zu arbeiten, da für den Umgang mit ihnen der höchste Sicherheitsstandard, ein P4-Labor, unerlässlich ist.

Das in Argentinien, Bolivien, Brasilien und Venezuela verbreitete hämorrhagische Fieber zum Beispiel wird durch Arena-Viren verursacht. Ähnlich wie bei dem verwandten, nur in Westafrika vorkommenden Lassa-Virus, erfolgt die Infektion über die Atemwege. Die Viren finden sich in den Exkrementen von Nagetieren und verteilen sich in der Luft.

Charakteristisch für die grosse Familie der Bunya-Viren wiederum, zu der so exotische Erreger wie das Virus des Krim-Kongo-hämorrhagischen Fiebers und des Rift-Valley-Fieber zählen, ist, dass sie in der Regel nur durch bestimmte Erreger, Stechmücken und Zecken, übertragen werden. Gleiches gilt für die Flavi-Viren, deren wichtigster Vertreter das Gelbfieber- und das Dengue-Virus sind. Zahlenmäßig von geringster Bedeutung, wenn auch am bekanntesten, sind das Ebola- und das Marburg-Virus, die die Familie der Filo-Viren bilden.

Alle Hämorrhagischen-Fieber-Viren (HFV) gelten als potenzielle biologische Waffen, weil man sie in einer Gewebekultur anzüchten kann, die Erreger hochinfektiös sind und die verursachten Krankheiten häufig tödlich verlaufen (beim Ebola- und beim Marburg-Virus in etwa 75 Prozent der Fälle). Mit Ausnahme des Dengue-Virus ließ sich durch Laborexperimente zudem zeigen, dass alle HFV in winzigen Tropfen (Aerosole) vom Körper aufgenommen werden, auch wenn dies bei natürlicherweise aufgetretenen Infektionen nie beobachtet wurde.

Etwas aus der Reihe tanzen allerdings die Erreger der venezolanischen Pferdegehirnentzündung, eine Erkrankung, die nicht nur in Süd- und Mittelamerika, sondern auch in Florida beim Menschen vorkommt und häufig zu irreparablen Schäden im Gehirn des Erkrankten führt. Da bereits zehn Viren ausreichen, um eine Gehirnentzündung auszulösen, gelten auch sie als potenzielle B-Waffen, selbst wenn bisher eine Übertragung durch Aerosole nicht gelungen ist.

Die Sowjets und das Marburg-Virus

Die Informationen über das geheime sowjetische B-Waffen-Programm, die nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems bekannt wurden, zeigten, dass hinter dem Eisernen Vorhang auch der Einsatz von HFV betrieben worden war. Offensichtlich hatten sich die russischen Militärs das Marburg-Virus ausgesucht. Die Pläne sahen vor, im Falle einer kriegerischen Auseinandersetzung mit dem Westen, das Marburg-Virus - zusammen mit Anthraxsporen auf das Gebiet des Gegners zu schießen. Die Erreger der Hasenpest (Tularämie) und der venezolanischen Pferdegehirnentzündung dagegen waren für den direkten Einsatz im Kampfgebiet vorgesehen. Vermutlich weil man glaubte, die eigenen Truppen mit einem Impfstoff schützen zu können.

Auch der Irak hatte laut dem Mitte der neunziger Jahre geflohenen Schwiegersohn Saddams, Hussein Kamal, derartige Viren in seinem Waffen-Arsenal. Um welche Viren es sich dabei gehandelt hat, und was mit den Vorräten passiert ist, haben die Uno-Inspektoren allerdings nicht herausfinden können. Und selbst die eher als mikrobiologische Laien eingestuften „Laboranten“ der japanischen Aum-Shinrikyo-Sekte haben nicht allein mit Clostridium botulinum und dem Erreger des Q-Fiebers, Coxiella burneti, sondern auch mit dem Ebola-Virus experimentiert. Glücklicherweise limitierten technische Probleme und mangelndes Know-how die Produktion des Erregers.

Terroristen dürften vor allem zwei Arten, die Viren zu verbreiten, in Erwägung ziehen: Aerosol-Nebel in einer größeren Menschenansammlung oder Weitergabe über Körpersekrete, in dem ein bewusst infizierter Terrorist möglichst viele andere Menschen ansteckt; fast alle Körperflüssigkeiten enthalten nämlich die entsprechenden Viren. Da von der Infektion bis zum Ausbruch der Erkrankung, je nach Art des Erregers, einige Tage bis Wochen vergehen, die betreffende Person in dieser Zeit jedoch bereits für andere Menschen infektiös ist, wäre ein solcher Terrorist eine wandelnde biologische Zeitbombe.

Frühes Erkennen ist entscheidend

Auf welchem Weg auch immer Hämorrhagische-Fieber-Viren als Waffe eingesetzt werden, die Konsequenz ist dieselbe. Es wird eine Zeit dauern, bis die Häufung ungewöhnlicher Krankheitsfälle, einer Epidemie, bemerkt wird. Weitere wertvolle Zeit wird verstreichen, bis geeignete Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Da inzwischen der Erreger ungebremst von infizierten auf gesunde Personen übertragen wird, sind eine rasche Erkennung und ein funktionierendes Meldesystem essenziell, um eine katastrophale Ausbreitung der Epidemie zu verhindern.

Der Biowaffen-Experte Donald Henderson von der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore sagte vor kurzem in einer Anhörung vor dem amerikanischen Kongress, dass die Ärzte der USA meist nicht in der Lage seien, exotische Viruskrankheiten rasch und zuverlässig zu diagnostizieren. Auch wüssten Klinikärzte häufig nicht, wer bei einem Verdacht auf eine „Seuchenlage“ díe Ansprechpartner im öffentlichen Gesundheitswesen sind. Es mangele an Kompetenz bei den Gesundheitsbehörden , um eine bedrohliche Situation in den Griff zu bekommen. Die Krankenhäuser der USA seien zudem nicht in der Lage, die Versorgung von Patienten mit hämorrhagischen Fieber zu gewährleisten.

Bereits ein Dutzend hochansteckender Patienten würden laut Henderson zu einem medizinischen Chaos führen, da im gesamten Großraum Baltimore–Washington vorläufig nicht genügend Betten in Unterdruckzimmern zur Verfügung stünden, wie sie zur Reduktion der Weiterverbreitung nötig sind. Es ist wahrscheinlich, dass die von Henderson skizzierten medizinischen Infrastrukturprobleme bei einem entsprechenden terroristischen Anschlag auch in vielen Staaten Europas in ähnlicher Weise vorhanden sind.

Zwar beurteilen viele Experten die Gefahr einer terroristischen Freisetzung von Hämorrhagischen-Fieber-Viren als eher gering. Vor allem deshalb, weil die technischen Schwierigkeiten beim Umgang wesentlich größer sind als beispielsweise bei Anthrax. Langfristig dürfte dieses Risiko jedoch steigen. Bereits heute sind von einem Dutzend wichtiger Krankheitserreger komplette genetische „Karten“ vorhanden. Aus ihnen kann man ablesen, wie ein Virus in Körperzellen eindringt und was seine Waffen sind. Hoffen wir, dass „Outbreak“ trotzdem Fiktion bleibt.

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