Gefährliche Situation : US-General: Taliban haben die Oberhand

Bedrohung für Bundeswehr im Norden Afghanistans wächst / UN sehen Wahlen am 20. August in Gefahr

Ulrike Scheffer

BerlinDer neue Kommandeur der internationalen Truppen in Afghanistan hat vor einem Scheitern des Militäreinsatzes gegen die Taliban gewarnt. Derzeit hätten die Gotteskrieger die Oberhand in Afghanistan, sagte General Stanley McChrystal dem „Wall Street Journal“. „Sie sind im Moment ein sehr aggressiver Gegner“, zitiert das Blatt den US-General. Die Taliban seien so stark, dass sie auch Gebiete außerhalb ihres traditionellen Machtzentrums im Süden bedrohten, namentlich den Westen und den Norden. Damit steigt auch die Bedrohung für die Bundeswehr, die sich an der Mission mit bis zu 4500 Soldaten vor allem im Norden des Landes beteiligt.

Nach Aussagen McChrystals haben die Taliban ihre Kriegsführung deutlich weiterentwickelt. Sie seien in der Lage, Sprengfallen mit Angriffen kleiner, gut ausgerüsteter Kampfeinheiten zu kombinieren. Auch am Montag gab es wieder mehrere schwere Angriffe und Anschläge. In Kundus im Norden des Landes griff ein Selbstmordattentäter einen Konvoi belgischer und afghanischer Soldaten an, die aber unverletzt blieben.

Um die Oberhand zurückzugewinnen, will McChrystal Truppen aus dünn besiedelten Gebieten in Regionen mit vielen Einwohnen verlagern. Dies entspreche der von ihm vorgeschlagenen neuen Strategie, den Fokus des internationalen Militäreinsatzes auf den Schutz der Zivilbevölkerung zu verlagern und nicht wie bisher die Jagd nach Aufständischen in den Mittelpunkt zu stellen.

Angesichts der Gewalt sehen die UN inzwischen auch die Präsidenten- und Provinzratswahl in Afghanistan in Gefahr. Der UN-Repräsentant in Kabul, Kai Eide, äußerte Zweifel, ob ein fairer Wahlablauf noch gewährleistet ist: „Ich bin besorgt, dass die Sicherheitslage das Ergebnis am Wahltag beeinflussen wird“, sagte Eide in einer Pressekonferenz in Kabul. Zehn Tage vor dem Wahltermin am 20. August legten die UN-Vertretung in Kabul und die afghanische Menschrechtskommission einen Bericht vor, der Beeinträchtigungen des Wahlprozesses dokumentiert. Die Rede- und Versammlungsfreiheit von Kandidaten und Wählern sei stark eingeschränkt. Vor allem weibliche Kandidaten würden daran gehindert, Wahlkampf zu betreiben. Mehrere Menschen seien bereits im Zusammenhang mit der Wahl ermordet, das Haus einer Provinzkandidatin niedergebrannt worden. Die afghanische Wahlbehörde teilte laut AFP mit, dass in mindestens zehn von insgesamt 398 Distrikten die Durchführung der Wahl unmöglich ist.

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