Zeitung Heute : Gefährlicher Einsatz

Die beiden Deutschen wurden mitten im sunnitischen Dreieck entführt – in einer Region, die sogar die Amerikaner meiden. Was hatten sie im Irak vor?

Erwin Decker[Kirkuk] Frank Jansen[Berlin]

Wie hat sich die Entführung ereignet?

Die beiden Ingenieure waren erst seit drei Tagen im Irak. Thomas N. und René B. aus Leipzig und ihr Begleiter, der Deutsch- Iraker Rebiti D., fuhren Dienstag früh zu ihrer Arbeitsstelle, einem Chemieunternehmen auf dem Gelände der großen Ölraffinerie am Rande der Stadt Baidschi. Sie waren für die sächsische Firma Cryotec dort. Noch auf der öffentlichen Straße versperrten zwei Wagen den Weg. Etwa ein halbes Dutzend Bewaffnete in beigen Militär- oder Polizeiuniformen sprangen heraus und zwangen die drei Deutschen, auszusteigen. Thomas N. und René B. wurden gefesselt und mussten in die Kofferräume der zwei Wagen steigen. Rebiti D. konnte gehen – die Entführer hielten ihn für einen Araber. Damit war er als Geisel offenbar uninteressant.

So stellte sich Dienstagabend die Entführung nach Erkenntnissen deutscher Sicherheitskreise dar. Ob jedes Detail stimmt, war allerdings unklar. Nach Informationen eines Sprechers der Chemiefabrik befand sich in Wagen der Deutschen eine vierte Person, ein Iraker – den die Kidnapper ebenfalls verschonten. Das irakische Ölministerium berichtete jedoch, die beiden deutschen Ingenieure seien mit zwei Irakern unterwegs gewesen, die ebenfalls entführt wurden.

Verwirrung rief ein Anruf bei der Deutschen Botschaft in Bagdad hervor, der etwa zwei Stunden nach der Entführung einging. Ein Mann berichtete kurz, zwei Deutsche seien verschleppt worden. Das Telefonat gab den deutschen Behörden Rätsel auf: Hatten sich die Kidnapper oder ein Komplize aus dem Umfeld gemeldet? Oder war der Anrufer der Deutsch-Iraker, den die Entführer laufen gelassen hatten?

Sollte sich herausstellen, dass die Kidnapper nur die eindeutig als Deutsche zu identifizierenden Thomas N. und René B. mitnahmen, könnte dies ein erster Hinweis auf das Tatmotiv sein: der Bundesregierung Lösegeld abzupressen. So wie dies offenbar den Entführern von Susanne Osthoff gelang, die fast auf den Tag genau vor zwei Monaten, am 25. November 2005, im Irak verschleppt worden war. Die „Entführungsindustrie im Irak“, wie es ein deutscher Sicherheitsexperte am Dienstag in bitterem Tonfall formuliert, habe wieder zugeschlagen – und zum zweiten Mal Deutschland getroffen.

Wer könnten die Entführer sein?

Wie schon bei der Verschleppung von Susanne Osthoff ist zunächst das ganze Spektrum der irakischen „Entführungsindustrie“ verdächtig. Da tummeln sich Kriminelle ohne politischen Hintergrund, denen es nur auf Lösegeld ankommt. Aber auch Nationalisten und Islamisten brauchen Geld für den Kauf von Waffen, das sie auf diese Weise der deutschen Regierung abpressen könnten. Im Fall Osthoff stellten die Entführer mit dem bizarren Namen „Sturmtruppen der Erdbeben“ auch politische Forderungen. Offenkundig ging es den „Sturmtruppen“ aber nur darum, mit einem radikal-politischen Auftreten die Bundesregierung zu ängstigen und somit den Preis für die Freilassung Osthoffs in die Höhe zu treiben.

Es gibt dann noch ein Szenario, das wahrscheinlich das schlimmste wäre: Sollten die Entführer der deutschen Techniker zum Al-Qaida-Ableger des Terroristenanführers Abu Mussab al Sarkawi gehören, würden die Chancen auf ein glimpfliches Ende des Geiseldramas dramatisch sinken. Sarkawi und seine Leute haben mehrere Geiseln ermordet. Und Geldsorgen scheinen Al Qaida auch im Irak eher fremd zu sein.

Spätestens seit der Entführung von Susanne Osthoff war bekannt, wie gefährlich es im Irak für Ausländer ist. Warum sind die beiden Deutschen trotzdem dorthin gereist?

Thomas N. und René B. waren offenbar nur für eine kurze Montage angereist. Nach bislang nicht bestätigten Meldungen sollten die beiden in der Chemiefabrik, die in einigen Meldungen auch als Reinigungsmittelunternehmen dargestellt wird, Maschinen installieren und danach den Irak wieder verlassen.

Allerdings müsste den beiden Deutschen bekannt gewesen sein, dass die Provinz Sallaheddin, in der Baidschi liegt, zu den gefährlichsten Regionen des Iraks zählt. Sie ist Teil des sunnitischen Dreiecks und eine der Hochburgen des irakischen Widerstands. Es gilt inzwischen als sicher, dass Baidschi Basis und Rückzugsgebiet für Terroristen ist, die Anschläge in Mossul oder Bagdad verüben. Bisher konnte keine noch so intensive Razzia den Widerstand in Baidschi brechen.

Selbst die amerikanischen Truppen erwähnten kürzlich in einem Bericht, dass die gesamte Raffinerie und das dazugehörige Kraftwerk von Widerständlern unterwandert sein sollen. Obwohl für den Schutz der Anlage das erste Bataillon des 187. US-Infanterieregiments vorgesehen ist, können die Amerikaner die Sicherheit in der Region kaum noch garantieren.

Das Raffineriegelände liegt am Rand der Straße nach Tikrit, dem Geburtsort Saddam Husseins. Der Betrieb ist von einem hohen, doppelten Stacheldrahtzaun umgeben. Alle 100 Meter stehen Wachtürme, deren Schießscharten aus Sandsäcken bestehen. Die Zufahrt zur Raffinerie ist mit drei Meter hohen, seitlich versetzten Betonwänden versehen, die heranrasende Autos von Selbstmordattentätern aufhalten sollen.

Für die etwa 50 000 Einwohner Baidschis ist die Raffinerie die einzige Erwerbsquelle. Einziger Grund, von der Hauptverbindungsstraße in den staubigen Ort abzubiegen, war bisher eine Tankstelle. Seit einem Jahr wurde sie allerdings nicht mehr mit Treibstoff beliefert. Wer Benzin will, muss es bei den Schwarzhändlern am Straßenrand kaufen.

Die US-Soldaten halten sich in dem etwas abseits von Baidschi gelegenen „Siniya-Village“ auf. Um ihr Camp haben sie einen zehn Kilometer langen und 2,50 Meter hohen Erdwall gezogen. Dieser Schutz wurde notwendig, weil die Verluste der Amerikaner so hoch waren. Patrouillen werden nur noch mit schwer gepanzerten Fahrzeugen im Konvoi und am Tag gefahren. Selbst die meisten irakischen Sicherheitsleute arbeiten inzwischen mit dem Widerstand zusammen – oft um selbst zu überleben.

Die amerikanischen Truppen mussten in der Vergangenheit ohnmächtig zusehen, wie zahlreiche Ölpipelines von Angehörigen des Widerstands in die Luft gesprengt wurden. Der Widerstand will damit zeigen, dass nach Saddam Hussein im Irak das Chaos regiert und die USA und die neue Regierung unfähig sind. Die 40 Jahre alte Anlage in Baidschi gilt eigentlich als größte Raffinerie des Iraks. Doch wegen der Anschläge auf die Gasleitung von Kirkuk nach Baidschi ist sie seit Wochen stillgelegt.

Der größte Teil des Benzins kommt inzwischen über Tanklastzüge aus der Türkei. Nachdem aber viele türkische Trucker auf der Straße rund um Baidschi getötet wurden und ihr Benzin von den Widerständlern auf dem Schwarzmarkt verkauft wurde, gilt das Befahren der Strecke von Mossul nach Bagdad über die „Saddam-Allee“ für jeden als höchstes Risiko. Selbst die kurdischen Peschmergasoldaten fahren nicht mit weniger als 150 Mann an Baidschi vorbei über die „Saddam-Allee“ nach Bagdad zu Präsident Talabani.

Sind Deutsche jetzt auch in anderen Krisenregionen einer erhöhten Gefahr ausgesetzt?

Offenbar nicht erst jetzt. Deutsche Sicherheitsexperten werfen einem Teil der Medien in der Bundesrepublik vor, mit mehr oder minder spekulativen Berichten über die Zahlung von Lösegeld für Susanne Osthoff potenzielle Entführer im Irak und anderswo animiert zu haben. „Ich befürchte jetzt eine Inflation von Geiselnahmen“, klagt ein Sicherheitsbeamter.

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