• Gefährlicher Kupferfraß Birgit Kanngießer untersuchte die Qumranrollen. Die wertvollen Dokumente drohen zu zerfallen

Zeitung Heute : Gefährlicher Kupferfraß Birgit Kanngießer untersuchte die Qumranrollen. Die wertvollen Dokumente drohen zu zerfallen

Sybille Nitsche
Fragmente. Die Qumranrollen fand man vor sechzig Jahren im Westjordanland. Die Dokumente wurden zwischen 250 v.Chr. und 40 n.Chr. beschriftet. Foto: akg-images
Fragmente. Die Qumranrollen fand man vor sechzig Jahren im Westjordanland. Die Dokumente wurden zwischen 250 v.Chr. und 40 n.Chr....Foto: akg / Bible Land Pictures

Sie ist ein Segen für jene Kunst- und Kulturgüter, die von unschätzbarem Wert sind. Mit der dreidimensionalen Mikro-Röntgenfluoreszenzanalyse können empfindliche Objekte schonend und berührungsfrei untersucht werden, vor allem jedoch ohne dass Proben genommen werden müssen. Die betagten Kunstschätze bleiben so in ihrem ursprünglichen Zustand erhalten. Erfunden hat diese neue Analysemethode Birgit Kanngießer und ihr Team. Sie ist eine Weiterentwicklung der Röntgenfluoreszenzanalyse. „Das Neue daran ist, dass wir in die Tiefen eines Kunstwerkes vordringen können. Wir begeben uns sozusagen unter die Oberfläche des Objektes“, erläutert die Wissenschaftlerin.

Mikrometer für Mikrometer „steigen“ die Wissenschaftler hinein in das Objekt und können so exakt ermitteln, in welcher Tiefe des zu untersuchenden Gegenstandes sich in welcher Konzentration die verschiedenen Elemente befinden wie zum Beispiel Kupfer, Eisen oder Chlor. „Mit der herkömmlichen Röntgenfluoreszenzanalyse konnte man diese tiefenaufgelösten Informationen über die Verteilung der Elemente nicht bekommen, sondern lediglich angeben, wie viel Kupfer in einem Objekt vorhanden ist“, sagt Birgit Kanngießer. Sie ist Professorin am Institut für Optik und Atomare Physik der TU Berlin und leitet dort die Arbeitsgruppe Analytische Röntgenphysik.

Mit der 3-D-Mikro-Röntgenfluoreszenzanalyse hat die Physikerin zusammen mit der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung Teile der berühmten 2000 Jahre alten Qumranrollen, die auch Urtexte der Bibel enthalten, untersucht. Die Dokumente sind heute im Besitz der Jüdischen National- und Universitätsbibliothek in Jerusalem.

Der „Trick“ an ihrem experimentellen Aufbau ist, dass sie zwei Röntgenoptiken verwendet, deren Foki gekreuzt werden. Die eine Optik bündelt die Röntgenstrahlung auf das Untersuchungsobjekt, die andere sammelt die spezifische Strahlung des Objektes und führt sie zum Detektor, vor dem die zweite Röntgenoptik platziert ist. Der Detektor löst nun die spezifische Strahlung des Untersuchungsobjektes in seine Bestandteile auf.

Die Untersuchungen erfolgten am Elektronenspeicherring „Bessy“ in Berlin-Adlershof. Die Proben wurden eigens in einem klimatisierten Koffer von Israel an die Spree gebracht. Für die Analyse selbst waren nur winzige Schnipsel vonnöten.

Die Untersuchungen brachten wichtige Erkenntnisse über den Zustand der Schriftrollen, insbesondere der Apokryphen zur Genesis. So ist bei ihnen der Kupferfraß besorgniserregend vorangeschritten. Das Pergament zerbröselt regelrecht. „Wir haben den Kupferfraß auch dort orten können, wo das Dokument augenscheinlich noch relativ intakt wirkt“, sagt Kanngießer. „Unter der Oberfläche jedoch, unsichtbar für unsere Augen, schreitet die Zerstörung unaufhörlich voran.“

Das ist aber nicht nur der einzige Befund. Durch weitere Messungen des Spurenelementgehalts in den Tuschen kam ebenfalls ans Licht, dass Fragmente mit unterschiedlichen Tuschen geschrieben worden sind. Bei einem anderen Fund konnte so nachgewiesen werden, dass die beiden bisher als zusammengehörig angesehenen Fragmente nicht zusammengehören. Sybille Nitsche

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