Zeitung Heute : Gefährliches Pflaster

Der Tagesspiegel

Von Sandra Dassler

Basdorf. Stündlich fährt ein Polizeifahrzeug durch die Idylle. Hier am Ortsrand haben alte und neue Basdorfer ihr kleines Glück gefunden. Sauber verputzte Häuschen ducken sich unter hohen Kiefern, die Beete sind bunt bepflanzt, der Gartenbaumarkt ist gleich um die Ecke. Seit August 2001 wohnt die deutsch-türkische Familie Canaydin hier. Sie soll von den patrouillierenden Beamten geschützt werden: vor ausländerfeindlichen Übergriffen, Sachbeschädigungen am Haus, Drohungen, Pöbeleien . . .

Im Erdgeschoss bei den Canaydins ist es seit Wochen dunkel – selbst, wenn draußen die Frühlingssonne strahlt. Auch gestern blieben die Jalousien geschlossen. Im Wohnzimmer hielten sich das Ehepaar und die Kinder auf. Martina, die Mutter, schwankt zwischen Resignation und trotzigem Aufbegehren. Natürlich hatten Freunde aus dem Berliner Stadtteil Reinickendorf, wo die Familie zuvor lebte, vor der Ausländerfeindlichkeit in Brandenburg gewarnt. Aber so schlimm hat es sich die 38-Jährige nicht vorgestellt: „Das ging schon drei Wochen nach unserem Einzug hier los. Man hat uns als Kanaken beschimpft, gedroht, unser Haus anzuzünden, die Kinder in der Schule oder beim Einkaufen ständig angemacht. Aber wir lassen uns nicht vertreiben.“

Unter Polizeischutz steht die Familie seit Dienstag dieser Woche. Da hielt ein Autofahrer vor einem Schreibwarengeschäft offenbar bewusst auf Martina Canaydin und ihre Töchter zu und kam erst kurz vor der Schaufensterscheibe zum Stehen. Nur Minuten später steuerte ein Motorradfahrer die Mutter an, so dass sie zur Seite springen musste. Die Bernauer Polizei hat jetzt eine besondere Ermittlungsgruppe gegründet, die sich zusammen mit der Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) um den Fall kümmert. Erst zwei Tage vor der Auto-Attacke hatten unbekannte Männer eine Jalousie des Hauses beschädigt. Ende Februar war der Mutter angekündigt worden, es finde bald eine Party mit rechtsgerichteten Leuten statt und dies werde der letzte Tag für die Canaydins sein.

Schon nach den ersten Vorfällen hatte die Bernauer Polizei einen Runden Tisch in Basdorf initiiert. Dort erzählte Martina Canaydin, wie bedroht sich die Familie fühlt. Damals versprachen viele, zu helfen. Nur wenige haben es getan: Die Direktorin der Grundschule zum Beispiel, der Nachbar, die Freunde der Kinder und vor allem die Polizei. Dass eine Handvoll Jugendlicher die Familie tyrannisieren kann, liegt nach Ansicht der Canaydins vor allem an der latenten Ausländerfeindlichkeit von deren Eltern: „Die machen uns zum Beispiel dafür verantwortlich, dass aus der Basdorfer Polizeischule ein Asylbewerberheim werden soll“.

Ihr Mann Engin findet am schlimmsten, wenn die jüngeren Kinder weinend nach Hause kommen, weil sie beim Einkaufen wieder beschimpft wurden. Daran werden wohl auch die Polizeikontrollen nichts ändern, über die der Vater trotzdem froh ist. „Was soll ich denn sonst machen? Mich bewaffnen?“ fragt der 43-Jährige. Um sich hat er keine Angst – um seine Kinder schon. Die Familie seines Freundes ist bei einem ausländerfeindlichen Anschlag ums Leben gekommen. Am 23. November 1992. In Mölln.

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