Gefahr in Bus und Bahn : Kontrolle der Kontrolle

Von Gerd Appenzeller

Im öffentlichen Nahverkehr Berlins wurden im Jahr 2006 mehr als 3100 Körperverletzungen angezeigt. Keiner weiß, wie hoch die Dunkelziffer ist, die Zahl derer, die einfach nur froh waren, unverletzt davonzukommen. Außerdem gab es 2006 in Bussen, Bahnen und auf Bahnhöfen 1200 Raubtaten, 500 weitere Gewaltdelikte und 259 Fälle sexueller Belästigung. Neuere Zahlen legt die Polizei nächste Woche vor. Wer die brutalen Übergriffe der letzten Tage vor Augen hat, kommt zu dem Schluss: Weniger wird es kaum geworden sein.

Das heißt im Klartext: Zu bestimmten Tageszeiten und in bestimmten Gegenden Berlins ist die Gefahr, als Einzelner Opfer einer Gewalttat zu werden, ein nicht mehr zu vernachlässigendes Risiko. Und wenn ein mutiger Fahrgast sich mit durch Pöbeleien und Angriffe gefährdeten Personen solidarisiert, kann aus dem Risiko schnell akute Lebensgefahr werden. Woran das liegt, kann jeder an zehn Fingern abzählen. S-Bahn und BVG haben aus finanziellen Gründen das Personal auf U- und S-Bahnhöfen immer mehr ausgedünnt. Überwachungskameras sollen jetzt jenes Gefühl der Sicherheit vermitteln, das den Fahrgästen früher durch die Anwesenheit von Menschen in Uniform gegeben wurde.

Kameras können bei der Aufklärung von Straftaten helfen, und es ist gut, dass diese Erkenntnis nicht mehr so oft vom Datenschutz ausgehebelt wird, der zur schnellen Löschung der Aufzeichnungen zwingt. Aber immer noch in jedem dritten BVG-Bus werden die Bilder bereits nach sechs Minuten automatisch überspielt. In viele andere Fahrzeuge wurden erst gar keine Kameras eingebaut, obwohl es beschlossene Sache war. Der Senat hat das Geld nicht zur Verfügung gestellt. Straftaten verhindern können diese Kameras nicht. Das können nur mehr Personal, mehr Polizeipräsenz und mehr Streifengänge. Aber da jene Politiker und Manager, die die Streichungen verfügen, öffentliche Verkehrsmittel, wenn überhaupt, in gefährlichen Zeiten und an gefährlichen Orten kaum benutzen, dauert es oft unanständig lange, bis Konsequenzen gezogen werden.

Das gilt vor allem für die Rücknahme all jener Mittelkürzungen, die in den vergangenen Jahren im Bereich der Jugend- und Erziehungshilfe erzwungen wurden. Natürlich dürfen ein problematisches Elternhaus, mangelnde Integration und fehlende Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt nicht als Entschuldigung oder gar Erklärung für Gewalttaten herhalten. Aber die Zusammenhänge sind zu eindeutig, als dass man sie achselzuckend hinnehmen dürfte. Berlin ist eine Hochrisikostadt, was Kinderarmut, Misshandlungen und Drogenprobleme betrifft. Hier müsste eher mehr als weniger Geld dafür ausgegeben werden, Eltern bei der Betreuung zu helfen, Begegnungsstätten offen zu halten und Jugendliche bei der Bewältigung des Alltags zu unterstützen.

Genau das Gegenteil ist in Berlin geschehen. Zwischen 2002 und 2005 wurden der Jugendhilfe 100 Millionen Euro gestrichen. Die Zahl der von den Jugendämtern betreuten Fälle sank allein aus Geldmangel von 21 000 auf 14 500. Jeder Euro, der hier nicht in die Zukunft der Kinder investiert wird, muss am Ende doppelt in den Gefängnissen ausgegeben werden. Pfeffersprays und Knüppel für Busfahrer sind keine Lösung. Zivilcourage taugt nicht, wenn die Polizei nicht mehr kommt, weil auch deren Präsenz dem Spardiktat zum Opfer gefallen ist. Was wir hier brauchen, ist wirklich mehr und nicht weniger Kontrolle – und mehr Staat.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar