Zeitung Heute : Gefangen im Netzwerk

Japan fängt Wale, Norwegen jagt die Tiere auch schon immer, und Island möchte es jetzt ebenfalls – aus wissenschaftlichen Gründen. Deutschland will das verhindern. Gekämpft wird mit allen Tricks. Dabei sterben die meisten dieser Meeresbewohner auf ganz andere Art und Weise.

Dagmar Dehmer

STREIT UM DEN WALFANG

Joji Morishita hat eine bunte Truppe um sich versammelt. Besonders stolz ist der stellvertretende Fischereiminister Japans, dass er den Neuseeländer Glenn Hema Inwood überzeugt hat, für die Sache des Walfangs zu trommeln. Schließlich ist fast ganz Neuseeland gegen den Walfang, und Glenn Inwood setzt sich sonst für die Rechte der Maori in seiner Heimat ein. Er erfüllt alle Anforderungen an die politische Korrektheit findet Joji Morishita. Auch dass er den früheren Delegationsleiter Kanadas in der Internationalen Walfangkommission (IWC) als Leiter des japanischen Walforschungszentrums vorstellen kann, gefällt ihm sichtlich. Und dann ist da noch Klaus Barthelmess, der sich als Walfang-Historiker bezeichnet und früher einmal Unterschriften gegen den Walfang gesammelt hat. Barthelmess hat einen Studenten mitgebracht, auf dem Morishitas Blick eher irritiert ruht. Der Student trägt eine Robbenfelljacke und ein T-Shirt mit einem Walfangschiff darauf. Er trägt einen Vollbart und sein Blick flackert ein wenig. Das sind neben dem Berliner Botschaftspersonal die Kämpfer, die Japan aufgeboten hat, um seine Position bei der IWC-Tagung, die an diesem Montag in Berlin beginnt, populär zu machen.

Japan will wieder Wale fangen. Das seit 1986 gültige Moratorium hat Japan zwar formell anerkannt. Allerdings hat das die japanischen Walfänger nie daran gehindert, die großen Meeressäuger weiter zu jagen. Seit Inkrafttreten des Jagdverbots für kommerzielle Zwecke hat Japan in den antarktischen Gewässern, die noch dazu seit 1994 ein Walschutzgebiet sind, 9798 Zwergwale getötet. Das sind rund 440 der bis zu zehn Meter großen Tiere. In den Gewässern des Nordpazifik hat Japan im vergangenen Jahr 100 Zwergwale, 50 Brydewale, 39 Seiwale und fünf Pottwale gejagt – aus wissenschaftlichen Gründen, wie Joji Morishita sagt.

Zweifel an der Wissenschaftlichkeit

Die Wissenschaft besteht überwiegend darin, die Mägen der Wale zu öffnen und zu analysieren, was sie gefressen haben. „Diese Bilder zeigt uns Japan seit Jahren. Immer dieselben“, sagt Peter Bradhering, der Leiter der deutschen IWC-Delegation. Er hat gewaltige Zweifel an der Wissenschaftlichkeit der japanischen Forschung. Deshalb, und weil auch Island wieder in den Walfang einsteigen möchte – in den wissenschaftlichen versteht sich –, hat Deutschland eine Resolution gegen den wissenschaftlichen Walfang vorbereitet. Zwar bräuchte Deutschland für eine Resolution lediglich eine einfache Mehrheit. Doch seit Japan vor ein paar Jahren begonnen hat, wohlgesonnene Mitgliedstaaten für die IWC zu werben, haben sich die Mehrheitsverhältnisse in der IWC verschoben.

Nicht nur Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace oder der World Wide Fund for Nature (WWF) sind überzeugt, dass Japan bei diesen vor allem karibischen und ostafrikanischen Staaten mit großzügiger Fischereihilfe nachgeholfen hat. Ein Verdacht, den der frühere Umweltminister des Inselstaates Dominica, Atherton Martin, dem Tagesspiegel vor einem Jahr in einem Interview bestätigte. In diesem Jahr ist Nicaragua hinzugekommen. Und Joji Morishita antwortet nicht auf die Frage, welche Beziehungen die beiden Länder pflegen. Er weist lediglich jeden Verdacht des Stimmenkaufs zurück. „Wir vergeben Entwicklungshilfe in etwa 160 Staaten“, sagt er. Jedenfalls dürfte sich Fischereiministerin Renate Künast schwer tun, ihre Resolution durchzubringen.

Trojanisches Pferd

Wie die Stimmverhältnisse tatsächlich aussehen, wissen die Teilnehmer der IWC ohnehin erst nach der ersten Abstimmung. Denn buchstäblich bis zur letzten Minute können Länder, die derzeit kein Stimmrecht haben, weil sie ihre Beiträge zur IWC nicht gezahlt haben, ihre Schulden noch begleichen. Im vergangenen Jahr herrschte bereits ein Patt in dem Gremium. Bindende Beschlüsse, für die eine Dreiviertel-Mehrheit notwendig ist, sind in der IWC schon lange nicht mehr gefallen, weil sich Walfangnationen und Walfanggegner seit Jahren gegenseitig blockieren. Wie jedes Jahr wird Japan den Antrag stellen, das Moratorium aufzuheben und wieder Fangquoten zu vergeben. Und wie jedes Jahr werden die Walschutznationen den Antrag stellen, große Walschutzgebiete in den Ozeanen einzurichten. Und natürlich werden beide unterliegen. Deshalb hat Mexiko für diese IWC-Tagung eine Berlin-Initiative vorbereitet, mit der allerdings nur als Resolution der Zweck der IWC grundsätzlich in Frage gestellt wird. Der Antrag, der auch von den USA, Deutschland und Großbritannien, alles in allem 19 Ländern, unterstützt wird, sieht vor, neben dem wissenschaftlichen Ausschuss, in dem sich japanische Wissenschaftler und alle anderen über die Schätzungen der Walbestände weltweit streiten, ein Walschutzgremium einzurichten.

Jährlich sterben nach Angaben von Greenpeace rund 60 000 Wale durch die kommerzielle Fischerei. Sie verfangen sich in Netzen, ertrinken oder verletzen sich so schwer, dass sie später daran sterben. Dazu kommen nach Angaben des WWF noch rund 300 000 Delfine und Tümmler, die jährlich als unerwünschter Beifang in den Fischernetzen landen. Gemeinsam mit der Delfin- und Walschutzorganisation WDCS fordern die beiden Organisationen deshalb, dass die IWC sich in Zukunft auch um den Schutz der kleineren Walarten kümmert. Neben den Gefahren durch die Fischerei sind die Tiere auch dem Klimawandel, der Meeresvergiftung sowie immer mehr Lärm ausgesetzt.

Für Japan ist die Berlin-Initiative ein „trojanisches Pferd“. Schließlich sei die IWC gegründet worden, um eine nachhaltige Bejagung der Walbestände sicherzustellen, nicht um sie zu schützen. Auf eine solche Umdeutung will sich Jogi Morishita auf keinen Fall einlassen. Schließlich hat Japan ein ehrenvolles Anliegen mit seinem Wunsch, wieder Wale zu jagen. Denn, so das japanische Argument, die Wale fressen den Menschen die Fische weg. „Und bei einer wachsenden Weltbevölkerung“, sagt der japanische Gesandte in Berlin sei das ein wichtiger Aspekt. Auf die Frage, warum es zu einer Zeit, als es noch viel mehr Wale gab, nämlich vor ihrer industriellen Bejagung, auch viel mehr Fische gab, verschränkt der Gesandte seine Arme und sagt: „Das fragen wir uns auch.“

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