Zeitung Heute : Gefangen im Turmbau

Ralf Schönball

Die Kassen sind leer. Die Reserven aufgebraucht. Beim Land und bei dessen Bank. Bei den Bauträgern sowieso. Sie kämpfen nur noch ums Überleben. Auch in der Mitte von Berlin. In Ost und West. Sagen Insider. Doch jüngst zogen Investoren alte und neue Pläne wieder aus den Schubladen. Sie kündigten den Baustart für die Hochhäuser am Alexanderplatz an. Und auch die Türme nahe Breitscheidplatz sollen nun in den Himmel wachsen. Ist das der große Bluff mit himmelstürmenden Fantasien - wo doch Berlin nur Rekorde mit der Anzahl leer stehender Bürohäuser feiert? Nein - zumindest in der City West ist es die nächste Generation von Eigentümern, die ihr Glück versucht, nachdem die erste unter den vielen Schulden zusammenzubrechen droht. Männer, die im Auftrag der Banken unterwegs sind. Und retten, was noch zu retten ist. Möglichst ohne Aufhebens. Als habe es Pleiten in der Stadt nie gegeben.

"Wir haben das Schimmelpfeng-Haus übernommen, weil Hans Herr es zum Kauf angeboten hat", sagt Bernd Schmidt. Er ist Geschäftsführer der Casia Immobilien-Management GmbH. Das Unternehmen plant und baut Immobilien - und gehört zur Rheinischen Hyp. Die Hypothekenbank ist eine Tochter der Commerzbank. Bei dem Geldkonzern hatte Hans Herr Kredit. Viele Jahre. Bis er in Schwierigkeiten geriet. Weil "der stolzeste" unter den alten Berliner Baulöwen, wie ihn ein Vertrauter beschreibt, sich übernommen hatte. Unter anderem mit seinem größten Projekt: einem Turm, ursprünglich 130 Meter hoch geplant. Damit hätte er die Lufthoheit in Berlin errungen und sich selbst ein Denkmal gesetzt. Mitten im Herzen des guten alten Westberlin, "seinem" Revier - direkt an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche.

Himmelstürmende Pläne

Doch das Haus von Herr, das um so vieles größer als das des Herrn werden sollte, stand unter einem schlechten Stern. Widerstand gegen die himmelstürmenden Pläne formierte sich rund um den Herrn der Traufhöhe, Hans Stimmann. Die Traufhöhe ist das städtebauliche Maß der Dinge in Berlin: 22 Meter. Höher darf die große Mehrzahl der Häuser nicht sein. Die Vorschriften stammen aus der Zeit, als es sich Adel und Klerus vorbehielten, Symbole ihrer weltlichen und kirchlichen Macht für alle gut sichtbar in den Himmel über Berlin ragen zu lassen. Heute herrscht Marktwirtschaft, und vielerorts darf an den Wolken kratzen, wer das dazu nötige Kleingeld hat. Nur in Berlin trotzte Genosse Hans Stimmann (SPD) lange den Zeichen der Zeit. Bis ein neuer Chef die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung übernahm. Peter Strieder genehmigte den Itag-Turm am Breitscheidplatz.

Doch die Genehmigung kam zu spät. Der Markt war schneller. Anfang 2000 stand Hans Herr vor dem Aus. Ähnlich wie dem Milliardenjongleur Jürgen Schneider waren dem Itag-Chef Investitionen in den Neuen Bundesländern zum Verhängnis geworden. An der Ostsee (Dierhagen) und in Mecklenburg-Vorpommern (Müritz) hatte Hans Herr Kliniken gebaut. Das erforderliche Geld bekam er von Banken und privaten Anlegern. Sein Partner Wolfgang Görlich half ihm beim Einsammeln des Kapitals. Görlich sagt: "Herr war damals sehr potent. Und er haftete mit seinem persönlichen Vermögen dafür, dass die vereinbarten Pachten kamen." Das habe den Fonds-Verkäufer überzeugt. Er wurde enttäuscht.

Herr war nicht der Einzige, der Kliniken im Osten errichtete. Doch er überschätzte die Zahlungsbereitschaft der neuen Bundesbürger - und unterschätzte die Folgen der Gesundheitsreform. Als die Patienten für Kuren und Packungen anteilig in die eigene Tasche greifen mussten, da stand es um deren Gesundheit urplötzlich besser als vor Einführung der Selbstbeteiligung - um Herrs Nerven dagegen schlechter. Denn er führte die Geschäfte in den Kliniken, und eine seiner Gesellschaften betrieb sie. Damit Banken ihre Zinsen und Anleger ihre Renditen bekamen, pumpte Herr Geld aus anderen Projekten in die Kliniken. Nachdem er die chronisch defizitären Fonds Görlich zufolge mit rund 15 Millionen Euro bezuschusst hatte, waren Herrs Reserven aufgebraucht. Der Itag-Chef streckte vor Görlich, der die Fonds im Auftrag der Anleger führte, die Waffen. Ein Sanierungskonzept für die kranken Kliniken musste her. Bluten mussten die Anleger - und die Bankgesellschaft.

Genau genommen war es deren Tochter Berlin-Hyp, die den Fonds mit Hans Herrs Immobilien Kredit gegeben hatte. Das Geldhaus, damals vom Ex-CDU-Fraktionschef Klaus Landowsky geführt, war kulant. Der Müritz-Klinik erließ Landowskys Haus Schulden in Höhe von fünf Millionen Euro und verzichtete für die Zeit bis Ende 2004 auf die Zinsen für die verbleibenden Kredite in Höhe von knapp 11 Millionen Euro. Der Ostseeklinik Dierhagen erließ die Berlin-Hyp rund eine Million Euro; und auch hier will das Geldhaus bis Ende 2004 keine Zinsen sehen für weitere Schulden in Höhe von rund sieben Millionen Euro.

Bittere Pillen verordneten die Sanierer auch den unglücklichen privaten Anlegern: Für ihr Geld, das sie um 1996 den Fondsmanagern anvertraut hatten, sehen sie bis Ende 2005 keine Zinsen. Außerdem mussten sie dem schlechten Geld gutes hinterherwerfen: zwei Millionen Euro verlangten die Sanierer von den Anlegern bei der Ostseeklinik, zweieinhalb Millionen Euro im Fall der Müritz-Klinik. Große Freude über die Sanierung mochte bei den Fondsexperten des Branchenblattes "Kapital-Markt intern" nicht aufkommen: "Uns reißt es förmlich das Herz aus der Brust, wie hier zwei Fonds innerhalb weniger Jahre an die Wand gefahren werden", schrieben sie Ende 2001.

Die zweite Pleite

Das Glück verließ Hans Herr auch beim Großprojekt Hellersdorf Mitte. Herr, Görlich und weitere "Westberliner" Bauträger hatten eine kühne Vision: Sie wollten ein neues Zentrum für die Siedlung von Plattenbauten aus DDR-Produktion im Norden Berlins errichten. Sie lockten Banken und private Anleger, Kapital in zehn Geschlossene Fonds zu investieren. Wieder reichten die Mieten nicht aus, um den Anlegern die versprochenen Zinsen zu zahlen.

Von Hans Herrs damaligen Partnern musste Günter Hartwig mit seinem Unternehmen Rentaco unterdessen Insolvenz anmelden. Dieses Schicksal blieb Hans Herr einstweilen erspart. Er musste jedoch seine lukrativsten Projekte verkaufen. Beispiel "Focus Teleport". Durch den Gebäudekomplex neben dem Bundesinnenministerium in Berlin-Moabit hatte Herr in der Branche den Nimbus des Erneuerers. Bereits zu Mauerzeiten, als andere noch mit der Entmietung von Altbauten und deren Verkauf in aufgeteilte Eigentumswohnungen umstrittene Geschäfte auf dem Rücken von Mietern machten, errichtete Herr eine "Themenimmobilie" für High-Tech-Firmen. Mit dem Boom der neuen Medien in den neunziger Jahren kletterten auch die Mietpreise. Bald waren die rot-braunen Häuser an der Spree voll vermietet, und Herr begann mit einem neuen Bauabschnitt. Das gut vermietete Gelände war eine sprudelnde Geldquelle. Doch Herr brauchte Geld - er verkaufte das Projekt für rund 63 Millionen Euro.

An seinem größten und ehrgeizigsten Projekt hielt Hans Herr damals noch fest. "Weil ihm das eine hohe Reputation in der Stadt sicherte", sagt ein Intimus: Ein Turm an der Gedächtniskirche, ein erhabenes Symbol für den persönlichen Triumph über die anonymen Kapitalmärkte. Doch auf den breiten Schultern von "Atlas" - wie Architekt Christof Langhof seinen frühen Turmentwurf für Hans Herr nannte - wog die Berliner Immobilienkrise immer schwerer. Herr brauchte Partner für sein Projekt. Die Suche war vergeblich - niemand mochte sein Geld riskieren. Er habe zuviel verlangt, munkelt man in der Branche. Weil er das Grundstück Mitte der 90-er Jahre für 60 Millionen Euro teuer erworben hatte, sagt einer, der ein Verkaufsexposé bekam. Am Ende übernahm die Commerzbankbank-Gruppe das Grundstück. Deren Tochter muss nun sehen, wie sie damit fertig wird.

50 000 Quadratmeter, das meiste davon Büros, knapp 190 Millionen Euro, das muss die Bank nach eigenen Angaben investieren. Ein hohes Risiko für ein Geldhaus, wo doch in Ost und West zahlreiche Bürohäuser leer stehen. Sogar am Potsdamer Platz (das ehemalige Volksbankgebäude) und am Kurfürstendamm (im Difa-Bürohaus). Dort aber, wo Mieter einziehen, bekommen die Eigentümer selten so viel Geld, wie sie erwartet hatten. Doch Zweifel an der Wirtschaftlichkeit eines weiteren spekulativ errichteten Bürohauses lässt der Geschäftsführer der Bankentochter Casio nicht zu: "Bis 2005 steht der Turm, und außerdem: Rechnen können wir auch noch", sagt Bernd Schmidt. Ganz so offensiv, wie die trotzige Antwort es nahe legen könnte, geht Schmidt das Vorhaben aber wohl nicht an. Am liebsten, so räumte er ein, würde man einen Partner mit ins Boot nehmen - den hatte schon Herr vergeblich gesucht.

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