Zeitung Heute : Gefangen im Unrecht

Junge Gewalttäter, Diebe, Mörder: Die Haft soll Strafe sein, aber auch bessere Menschen aus ihnen machen. Das ist jedenfalls das Ziel

Constanze Bullion

Hier also sitzen sie. Auf feuerrot gepolsterten Stühlen, die aussehen, als stammten sie aus dem Theater. In einem Raum, der nur Platz für ein paar Schritte bietet, bevor man wieder an eine Wand stößt. Türkische Teppiche hängen da, wie zur Erinnerung an die Welt da draußen. Wer hinausschaut aus den Gitterfenstern, sieht morsche Backsteinwände und eine Mauer, über der irgendwo, ganz hinten, ein Fetzen Himmel klebt.

Heinz Haertle hat sich längst daran gewöhnt, hier eingekerkert zu sein. Sein Haar ist weiß geworden in all den Jahren, und rund um die hellen Augen haben sich feine Linien in die Haut eingegraben. Es sind Lachfalten, keine Kummerfurchen, was eigentlich erstaunlich ist, wenn man weiß, was sich täglich vor diesen Augen abspielt.

Haertle ist leitender Psychologe in Haus 8 der Jugendstrafanstalt Plötzensee, einem schäbigen Backsteinkasten in Berlins größtem Jugendgefängnis. Auf den roten Stühlen seines Arbeitszimmers landen Leute, von denen man jetzt oft in der Zeitung liest: junge Gewalttäter, Serieneinbrecher und Totschläger, selbst ernannte „Ehrenmörder“ oder rechte Rabauken. Haertle hört ihnen zu, fragt, versucht zu begreifen, damit sie lernen, sich selbst zu begreifen. „Ich glaube daran, dass sich Menschen verändern können“, das ist so einer seiner Leitsätze. Er weiß, dass vor den Mauern der Anstalt viele das nicht mehr hören wollen.

Jugendstrafvollzug in Zeiten der Pleite und der Angst, das ist in den Köpfen vieler Menschen eine Art Tresor geworden für all die, bei denen schon früh alles zu spät ist. Zuverlässig soll dieser Tresor sein und geräumig, vor allem aber soll er kostengünstig verwahren. Was herauskommt, wenn seine Tür wieder aufspringt, das interessiert dagegen nicht so sehr.

Dabei wird immer deutlicher, dass der Jugendstrafvollzug ein vernachlässigtes Sorgenkind der Justiz ist. Seit Jahrzehnten ist bekannt, dass zwei von drei jugendlichen Häftlingen nach ihrer Entlassung wieder straffällig werden – anders als bei den Erwachsenen, wo das nur bei 56 Prozent passiert. Nach einer Studie der letzten Bundesregierung ist die Rückfallquote bei Jugendlichen jetzt sogar bei 78 Prozent angekommen. Die Justizministerin hat einen Gesetzentwurf versprochen, mehr Ausbildung im Knast und bessere Perspektiven. Die aber sehen jetzt eher noch schlechter aus.

Wenn demnächst die Föderalismusreform die Zuständigkeiten von Bund und Ländern neu regelt, dann soll der Strafvollzug von der Bundes- zur Ländersache werden. Jedes Land macht sich dann die Gesetze selbst, nach denen eingesperrt oder therapiert wird. Eine Rückwärtsreform droht da, befürchten Richter und Justizminister, vor allem in den armen Bundesländern, wo man vor einem Wettsparen hinter Gittern warnt. Und davor, Häftlinge, gerade die jungen, nur noch einzulochen, statt sie in die Gesellschaft zurückzuholen.

Aber was heißt das eigentlich – Resozialisierung? Anders als im allgemeinen Strafrecht steht im Jugendstrafrecht nicht die Sanktionierung eines Verbrechens im Vordergrund, sondern die Erziehung eines jungen Menschen. Wie aber erzieht man Leute, die oft gar nicht wissen, was Erziehung ist?

Indem man sie an die Hand nimmt und mit viel Geduld überredet, mal einen Blick in den Spiegel zu werfen, sagt Heinz Haertle, der Gefängnispsychologe aus Berlin.

Indem man ihnen statt Mitleid auch mal die Zähne zeigt, sagt Ulrike Weintraud, die Richterin ist am Amtsgericht Hamburg-Mitte.

Indem man sich auch diejenigen zur Brust nimmt, die junge Straftäter bewachen und betreuen, sagt Wolf Vogt, der Gefängnisdirektor in Wriezen.

Jugendstrafanstalt Berlin-Plötzensee, das ist eine Stadt in der Stadt, mit Straßen und Plätzen und flachen Pavillons, in denen es seltsam still werden kann. Da kann man sich schwer vorstellen, dass hier hinter 529 Türen 587 Jugendliche zusammengesperrt sind. Die Zahl der Haftplätze ist in zehn Jahren um fast ein Drittel angestiegen, gut 50 Einzelzellen sind doppelt belegt. Gleichzeitig wurde ein Viertel der Bediensteten weggespart, und statt 14 Psychologen arbeiten hier noch neun.

Macht nichts, sagen die Jungs, die sich auf abgeschabten Sofas im Fernsehraum von Haus 8 räkeln. Florian, Escobar und Serdar sind schon länger hier, Florian wegen der Sache mit der Flasche. Sein Opfer, „hat’s überlebt, mit ’nem Sehschaden“. Escobar ist mit 19 zum vierten Mal im Knast, „ich kann nicht sagen, dass ich aufhöre“, sagt er. Serdar sitzt wegen Überfällen, und wenn man ihn fragt, ob das wieder passiert, sagt er: „Nö.“ Dann Pause. „’türlich hat man Schiss vor draußen. 50 zu 50, dass ich so was nochmal mache.“

Sie trauen sich selbst nicht übern Weg, aber kaum einer möchte zugeben, dass er Hilfe braucht oder gar bekommt. Therapie gibt es hier nicht, behauptet Serdar. Psychologen sind was für Bekloppte, findet Escobar, der nicht versteht, warum sie hier immer reden und nie Ernst machen wollen mit ihm. „Der Jugendknast ist nicht so richtig abschreckend“, sagt er, und dass er, wenn er rauskommt, wegziehen sollte. Florian prustet los, als er das hört. „Halt’s Maul, Rotkohl“, zischt Escobar. Da zieht der andere den Kopf wieder ein.

Natürlich gilt in Plötzensee, was in jedem Gefängnis gilt: Die „Lappen“ werden gedrückt, erpresst, verdroschen, und wer nach oben will in der Hackordnung, zeigt weder Reue noch Respekt. Kein Wunder auch, dass in diesem überfüllten Kosmos, den über 20 Nationen bevölkern, so einiges passiert, was nicht passieren sollte. Wenn stimmt, was Serdar und die anderen erzählen, dann kriegt man hier problemlos Drogen, und Streitereien regeln die Jungs unter sich, „dann geht man in die Dusche und es gibt paar Tassen auf den Kopf“.

Jenseits der Sprüche aber existiert hier noch eine andere, heimliche Welt, in der muskelbepackte Kerle auch mal heulen und gelegentlich sogar bereuen. Auf den Stühlen von Heinz Haertle zum Beispiel, in der Oase, die er dem Vollzugsalltag abtrotzt. Haertle ist so ein Typ, der in den 80ern mit seinen Häftlingen gern mal zum Segeln gefahren ist. Soziale Kompetenzen schulen, hieß das, und auch wenn die Zeiten lange vorbei sind: Er hat sich diesen Blick bewahrt, der in vielen Tätern auch Opfer sieht, von prügelnden Vätern, besoffenen Müttern und totaler Gleichgültigkeit.

Straftäter noch mal durch die Gefühlswüsten ihres Lebens zu schleusen, sie dazu zu bringen, statt Selbstmitleid Mitgefühl zu empfinden und sich in andere hineinzuversetzen, das ist ein Kunststück, das Haertle hier übt. Er weiß, dass es immer weniger Geld gibt für seine Arbeit, die viele als Kuschelpädagogik belächeln. Sollen sie, sagt er. „Dann müssen sie hinnehmen, dass es später noch mehr Opfer gibt.“

Nun ist es aber nicht so, dass dieser Psychologe nicht weiß, wo das Verständnis an seine Grenzen stößt. Da ist dieser stille junge Mann, der ihn eben auf dem Flur begrüßt hat. Er hat mit 15 Jahren eine Heimerzieherin vergewaltigt. Man sperrte ihn ein, und er war noch nicht lange wieder frei, als er zurückkehrte in Haft, wegen eines Diebstahls. Die Psychologen machten sich erneut ans Werk, redeten, begutachteten, die Haftzeit lief ab. Jetzt also ist er zum dritten Mal hier. Er hat eine junge Frau erwürgt, mit einem Stein beschwert und im Wasser versenkt.

„Wegsperren – und zwar für immer“, das ist ein umstrittener Satz des letzten Kanzlers, der für junge Männer wie diesen bald Wirklichkeit werden könnte. Im Koalitionsvertrag haben SPD und Union sich darauf verständigt, die Sicherungsverwahrung auch auf junge Schwerkriminelle auszudehnen, sie also nach Absitzen ihrer Strafe weiter einzusperren, weil sie als gefährlich gelten. Aber auch im Vorfeld der Jugendhaft wird jetzt härter zugelangt. Seit 2003 gibt es bei der Berliner Polizei eine Ermittlungsgruppe für „Intensivtäter“, die mit der Staatsanwaltschaft zusammenarbeitet. Auch deren Erfolgen ist es zu verdanken, dass Plötzensee so voll ist wie nie und es immer mehr Richter gibt, die jungen Straftätern nun früh und scharf vor den Bug schießen.

Hinter ehrwürdigen Fassaden aus Granit und in einem Amtszimmer von beachtlicher Größe liegt das Reich von Dr. Ulrike Weintraud. Sie hat ihre schwarze Robe abgelegt, die Akten säuberlich aufgestapelt, ihr Arbeitstag wird wohl mal wieder bis weit in die Abendstunden reichen. Sie hat es nicht gern, wenn etwas liegen bleibt. Ein gutes Urteil wird schnell gefällt und ist spürbar, das ist so ihre Philosophie.

Ulrike Weintraud leitet das Jugenddezernat am Amtsgericht Hamburg-Mitte, und unter Kollegen gilt die Richterin als eine, die fair ist, aber auch etwas herzhafter zubeißen kann. Eine Bewährung kriegt von ihr keiner geschenkt, aber eine Hardlinerin, sagt sie, ist sie nicht. Nur „zutiefst pragmatisch“ nach bald 30 Jahren im Beruf. „Man gewinnt Erfahrung, und das Prinzip Hoffnung schleift sich etwas ab.“

Sie ist keine Linke, so viel steht fest, aber auch keine, die sich freut über die Rolle rückwärts in Hamburgs Justizpolitik. Hier nämlich hat man schon hinter sich, was dem Rest der Republik mit der Föderalismusreform noch bevorstehen könnte: dass eine Landesregierung ganz nach Belieben ihre Gefängnislandschaft zusammenspart. In Hamburg wurden die renommierte sozialtherapeutische Anstalt Altengamme geschlossen, eine Übergangseinrichtung für Freigänger aufgelöst, und in den offenen Vollzug der Jugendhaftanstalt Hahnöfersand schaffen es nur noch halb so viele Sträflinge wie vor zwei Jahren.

„Natürlich muss man befürchten, dass es nur noch um Strafe geht und immer weniger um Resozialisierung“, sagt Ulrike Weintraud, die davon überzeugt ist, dass gerade Jugendliche in einem Strafverfahren etwas lernen können – und müssen. Respekt, zum Beispiel, oder so zu reden, dass andere auch ein Wort verstehen. Kaugummi raus, nicht ganz so breitbeinig dasitzen, Baseballkappe runter – das sind so ein paar Benimmregeln in ihren Verhandlungen.

Man tut den Leuten keinen Gefallen, wenn man sie in ihrem Verhalten nicht ernst nimmt, sagt die Richterin. „Auch wenn das ein ganz armes Menschenkind ist, das mir in der Seele leid tut, bringt ihm das unterm Strich nichts, geschont zu werden.“ Auch vor den Schwachen oder den Jungen muss die Gesellschaft notfalls geschützt werden, und im Gefängnis kann man wenigstens mal nachdenken über ein Unrecht. Haft kann helfen, daran glaubt Ulrike Weintraud, „und schlimmstenfalls erhält sie nur den Status quo“.

Der Status quo, das ist bei René ein eher wechselhafter Zustand. Von null auf 180, das schafft er in Sekunden, und wenn er sich ärgert, bricht er anderen schon mal das Nasenbein. Jetzt aber ist er wie erstarrt, sitzt vorgebeugt auf seinem Zellenbett, in der Hand hält er eine Fernbedienung, während sein Wagen im Fernseher auf die Leitplanke zurast. „2/9“, murmelt René, wenn er gefragt ist, warum er hier ist, und: „Die ham scheiße ausgesehen.“ Zwei Jahre und neun Monate wegen Körperverletzung heißt das, der 21-Jährige sitzt in Wriezen. Gibt Schlimmeres, sagt er.

Jugendhaftanstalt Wriezen in Brandenburg, das ist eines der jüngsten Jugendgefängnisse Deutschlands, dessen Gebäude mit Alu verkleidet sind und wie blitzblanke Blechdosen in der Mark liegen. Hier gab es schon in der DDR eine Strafanstalt, da ging es etwas straffer zu, erzählt ein Mitarbeiter, der schon 30 Jahre im Knast ist. Damals sind die Gefangenen im Gleichschritt zur Arbeit, es wurde mit ihnen möglichst nicht gesprochen, und erzogen haben sie sich selbst. Doch, sagt der Beamte, es hat sich viel getan. Nur er selbst, findet er, hat sich „gar nicht verändert“.

Im Verwaltungstrakt der Wellblechburg von Wriezen sitzt Wolf Vogt und schaut hinaus auf einen menschenleeren Sportplatz. Er ist Anstaltsleiter hier, kommt ursprünglich aus der Verwaltung und ist einer, der die Dinge gern mit dem Kopf durchdringt. „Ich finde, dass der Jugendvollzug einen geistigen und organisatorischen Stillstand zu verzeichnen hat“, sagt er. Er meint das ganze Land, nicht den Osten.

All die Leute, die nach immer schärferen Strafen rufen, sagt er, haben wenig Ahnung, was wirklich los ist in Deutschlands Jugendgefängnissen. Etwa jeder zehnte seiner Schützlinge leidet unter einer ernsthaften psychischen Störung, schätzt Vogt. Tendenz steigend. Immer öfter rastet einer plötzlich aus, zerlegt den Haftraum oder greift Mithäftlinge an. Einer plauderte jetzt darüber, dass er sich vorstellt, jeden, der hereinkommt, zu zerfleischen.

Vogt erzählt nicht von dem Messer, das aus der Haftküche verschwunden ist. Er spricht von jungen Leuten, die hier mit Psychopharmaka ruhig gestellt werden, oft auf unbestimmte Zeit. „Wir experimentieren hier mit denen rum, aber Ziel müsste sein, die aus der Medikation rauszubringen.“ Es fehlt an Diagnostik und Kooperation mit der Jugendpsychiatrie, sagt er, „womöglich würde man dann rausfinden, dass die hier gar nichts verloren haben.“ Solche Überlegungen will der Gefängnisdirektor nicht als Resignation verstanden wissen. Er kämpft hier, sagt er, täglich, auch mit seinen Mitarbeitern. „Es gibt eine sehr konservative Einstellung, die genährt ist von der Sorge um sich selbst“, sagt er vorsichtig. All die Klagen über Personalengpässe, miese Bezahlung und Disziplinlosigkeit im Vollzug verdecken oft nur die Tatsache, so glaubt er, dass es an der Bereitschaft mancher Kollegen fehlt, sich den jungen Leuten innerlich zuzuwenden.

Das klingt, als hätte in den Fundamenten dieses nagelneuen Gefängnisses der alte Geist der DDR überwintert, die unter Erziehung in Haft vor allem militärischen Drill verstand. Wolf will das nicht so direkt gesagt haben. Sicher, 70 Prozent seiner Kollegen sind in der DDR sozialisiert, sagt er, aber er selbst ist es auch, was ihn nicht davon abhält, diesem miefigen Kosmos frische Luft zuzufächeln.

Da sind zum Beispiel die Theaterleute aus Berlin, die mit den Häftlingen ein Stück eingeübt haben, das für Jubel gesorgt hat in einem nahen Schauspielhaus. Manchmal öffnet sich das Gefängnistor auch für Damen, die hier bei ihren Freunden übernachten dürfen. Zur Vorbereitung aufs Leben gehört es auch, mit Sexualität klarzukommen, findet Vogt, der nicht leugnet, das solche Versuche auch mal schief gehen und Häftlinge sich Prostituierte bestellen.

Lieber ausprobieren, als in Bedenken zu ersticken, das ist so eine Devise in Wriezen, wo jetzt – ganz gegen den Zeitgeist und trotz knapper Kassen – eine sozialtherapeutische Abteilung aufgebaut wird. Importiert werden aber auch externe Kräfte, die von der Küche bis zur Sozialarbeit übernehmen, was bei Staatsdienern deutlich teurer wird.

Natürlich gefällt das nicht jedem hier, und es werden auch keine Wunder bewirkt. Wolf Vogt weiß, dass viele seiner Schützlinge gleich nach der Entlassung wieder aus der Kurve fliegen. „Ich habe den Eindruck, dass die Nachsorge gar nicht mehr stattfindet“, sagt er und denkt laut darüber nach, ob man manche Häftlinge herauslösen sollte aus dieser Staatsmühle. Um sie wie beim Projekt „Chance“ in Baden-Württemberg privaten Trägern zu überlassen, die sie mit wenig Bewachung und viel Betreuung fürs Leben danach trainieren.

Christopher ist einer, der sicher nichts gegen so einen Freilandversuch hätte. Er ist 21 Jahre alt, hatte eigentlich immer Grips und auch mal eine interessante Lehrstelle. Bis er diesen Autoklau durchzog, bei dem einem Wachmann die Kehle durchgeschnitten wurde. Jetzt steht er hier, in einem Labyrinth von Fluren, aus denen es so schnell kein Entkommen gibt. „Auf gewisse Weise tut’s mir schon leid“, sagt er leise. Es gibt Leute im Haus, die das gerne hören. Was nicht bedeutet, dass sie es glauben.

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