Zeitung Heute : Gefangen in der Dunkelstille

DEUTSCHES THEATERAndreas Kriegenburg bringt David Grossmans „Aus der Zeit fallen“ auf die Bühne.

PATRICK WILDERMANN

Es fehlen die Worte. Der israelische Autor David Grossman hat diese Erfahrung gemacht, als sein Sohn 2006 während des zweiten Libanonkrieges getötet wurde. Zum einen war Grossman konfrontiert mit den Kondolenzfloskeln der Freunde und Kollegen. Zum anderen gefangen in der eigenen Ohnmacht, die Wunde zu beschreiben. Aus der Überwindung der Sprachlosigkeit aber ist schließlich das tief berührende Werk „Aus der Zeit fallen“ entstanden. „Dieser Mut, das Intimste, Schmerzhafteste zu veröffentlichen, sich also schutzlos zu machen, hat mir ungemein imponiert“, sagt Andreas Kriegenburg, der Grossmans Klagelied auf die Bühne bringen wird. Einen poetischen, oft rätselhaften Text von antiker Wucht, der versprengte und verstörte Figuren immer weitere Kreise um eine namenlose Stadt ziehen lässt.

„Es war sehr hilfreich, dass der Autor uns einen Tag lang auf der Probe besucht hat“, erzählt Kriegenburg. Zumal der Schriftsteller – hierzulande vor allem durch seinen großen Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ bekannt – den Regisseur und seine Schauspieler in der eingeschlagenen Richtung bestärkte. „Grossman sagte, es sei weder ein Text über Israel noch einer über das Sterben“, so Kriegenburg. „Es geht vielmehr um den Wunsch, ins Leben zurückzufinden.“ Was „Aus der Zeit fallen“ eine universelle Dimension verleiht, der kaum ein Leser sich entziehen kann. „Von bestimmten Distanzroutinen“, sagt deshalb Kriegenburg, „müssen wir uns in der Arbeit verabschieden.“

Auch auf klare ästhetische Setzungen, die er gewöhnlich in seinen Inszenierungen sehr früh trifft, hat der Regisseur vorerst verzichtet. „Blind und tastend“ wollen sie sich gemeinsam auf die Suche begeben. Wie Grossmans zentrale Figur eines Mannes, der nach fünf Jahren in der „Dunkelstille“ erstmals wieder den Fuß vor die Tür setzt: „Bin eine ausgesandte Frage, ein offener Schrei: Mein Sohn!“

Die Proben, so Kriegenburg, seien vor allem Selbstbefragung. Wie gehe ich mit Schmerz um, wie vorstellbar ist diese extreme Erfahrung des Verlustes für mich? „Wir versuchen, viel einander preiszugeben.“ Wobei sich die Eltern im Ensemble gegenüber den Kinderlosen nicht im Vorteil wähnen. „Man versucht einzuladen in dieses andere Wahrnehmen“, sagt der Regisseur, selbst mehrfacher Vater. Wichtig ist ihm, dass „Aus der Zeit fallen“ nicht als Literaturabend betrachtet wird. Sondern als intime Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen.

Der Stoff dürfte bei Kriegenburg in besten Händen liegen. Vor allem in seinen Dea-Loher-Inszenierungen hat er immer wieder bewiesen, dass er sich peinigende Nachtwelten nicht vom Leib hält, sondern sie bis zur Markerschütterung an sich heranlässt. Konsequenterweise bekennt er: „Stücken wie ‚Am schwarzen See’ könnte ich mich nicht permanent aussetzen.“

Zum ersten Mal in seiner langen Regiekarriere arbeitet Kriegenburg – in den vergangenen Jahren Hausregisseur am Deutschen Theater – derzeit freischaffend. Was nicht etwa einem Berlin-Überdruss geschuldet ist, sondern seiner zunehmenden Hinwendung zur Oper. Er hat in München, Hamburg und Tokio inszeniert und schwärmt in höchsten Tönen von der Zusammenarbeit mit Künstlern wie Kiril Petrenko oder Kent Nagano. Die Oper mit ihren langen Vorlaufzeiten aber ist mit der festen Verbundenheit mit einem Haus nur schwer zu vereinbaren. Und Kriegenburg ist kein Künstler der Kompromisse.

In Grossmans Text wird wiederholt ein utopisches „dort“ beschworen. „Der Ort, an dem Tod und Leben sich begegnen“, so Kriegenburg. Der Autor habe bei seinem Besuch in Berlin erklärt, das könne nur die Kunst sein. Eine ungeheure Anmaßung, natürlich, räumt der Regisseur ein. „Aber für unsere Theaterarbeit die richtige Provokation.“

PATRICK WILDERMANN

Premiere 13.12., 19.30 Uhr; 14. und 18.12., 19.30 Uhr, 29.12., 19 Uhr

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