Zeitung Heute : Gefangen in der Gewalt

Die Geiselnahme bedroht die Sicherheit in der gesamten Region – und die Macht von Wladimir Putin

Elke Windisch[Moskau] Frank Jansen

17 bewaffnete Rebellen haben in der südrussischen Republik Nordossetien Schulkinder, Eltern und Lehrer als Geiseln genommen. Welchen Hintergrund hat die Gewalt im Nordkaukasus?

Hundert Tote bei drei Terroranschlägen in nur einer Woche und jetzt die Geiselnahme in einer Schule in Nordossetien: Für Präsident Wladimir Putin tun sich neben dem Schrecken große Probleme auf. Ohnehin hat er sich in der jüngsten Vergangenheit nicht gerade beliebt gemacht, die Veränderungen im Sozialsystem gepaart mit der Machtlosigkeit dem Terror gegenüber könnten zu dauerhaftem Sympathientzug führen.

Moskau hält zwar offiziell an der Behauptung fest, Tschetschenien sei befriedet und auf dem Weg zurück zur Normalität. Die jüngste Terrorwelle straft den Kreml aber lügen. Der radikale Flügel der tschetschenischen Separatisten hatte im Juli mit einer Ausweitung der Kampfhandlungen auf ganz Russland gedroht.

Ein Alarmsignal muss Putin der Ort des Geiseldramas sein. Nordossetien ist derzeit Moskaus einzig treuer Verbündeter im Nordkaukasus. Aber seit dem Wiederaufflammen des Konflikts zwischen Georgien und seiner abtrünnigen Region Südossetien, die die Wiedervereinigung mit der zu Russland gehörenden Nordhälfte will, wird Nordossetien zunehmend zum Sammelbecken bewaffneter Extremisten. Nationalisten aus dem Nordkaukasus kommen hier zusammen, die bei einer Eskalation auf der Seite der südossetischen Separatisten kämpfen wollen.

Damit wollen sie gegen die Zustände in den eigenen Regionen protestieren. Ähnliche Probleme wie in Tschetschenien bestehen, wenn auch nicht mit gleicher Schärfe, im gesamten russischen Nordkaukasus. Das Gebiet, dicht besiedelt, aber strukturschwach, leidet unter Arbeitslosigkeit und Armut. Probleme, die durch Missmanagement und Inkompetenz der Provinzchefs entstanden sind.

Von der Misere haben vor allem die islamistischen Hardliner im tschetschenischen Widerstand profitiert. Ihr Anführer ist Schamil Bassajew, der schon häufig Moskau mit Anschlägen und Angriffen auf Soldaten herausgefordert hat. Bassajew gilt auch als Verbindungsmann zu Al Qaida. Und Sicherheitsexperten warnen: Je länger der Krieg im Nordkaukasus dauere, desto stärker werde der islamistische Flügel in der tschetschenischen Guerilla.

Jetzt geht die Angst um, Putin könnte mit ähnlich harter Hand zurückschlagen wie beim Geiseldrama in einem Moskauer Theater im Oktober 2001. Damals stürmte nach drei Tagen Nervenkrieg die Polizei mit Hilfe eines Gases das Gebäude – 129 Geiseln und alle 41 Terroristen kamen dabei ums Leben.

Auf beiden Seiten – in Moskau und in den Bergen Tschetscheniens – gibt es starke Gruppen von Extremen. Die könnten jede Chance für einen Dialog zerstören. Schon vor dem Geiseldrama 2001, aber auch vor dem gegenwärtigen Überfall auf die Schule haben einflussreiche Vermittler versucht, den Weg für Gespräche zu bereiten. Damals war es Expremier Jewgenij Primakow, jetzt Arkadij Wolskij, der Chef des russischen Industriellenverbands. Nach den Anschlägen und der Geiselnahme ist aber die Idee, sich mit Rebellen an einen Tisch zu setzen, der russischen Öffentlichkeit nicht mehr verständlich zu machen.

Die Risiken neuerlicher Gewalt sind enorm und könnten zu einem neuen Krieg führen. Angesichts des Unzufriedenheitspotenzials könnte der Krieg diesmal die gesamte Region erfassen. Und noch mehr Opfer fordern. Auch in der russischen Armee. Ein gnadenloser Kampf gegen den Terrorismus, wie ihn Verteidigungsminister Sergej Iwanow gestern zum wiederholten Mal forderte, hat bei dieser Gemengelage dennoch keinen Sinn, sagt der russische Politologe Andrej Piontkowskij. Eine Wende könnten nur Verhandlungen mit dem gemäßigten Flügel der tschetschenischen Separatisten um Expräsident Aslan Maschadow bringen, der sich von Anschlägen distanziert. Moskau bekäme dadurch die Chance, die Extremisten zu isolieren und zugleich einen Verbündeten, der sich auf echte Mehrheiten in Tschetschenien stützt.

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