Zeitung Heute : Gefangene im eigenen Haus

Sie waren mal reich und besaßen ein Sägewerk, die „Könige vom Loisachtal“. Dann stürzte Familie H. ab. Am Ende wurde die Oma umgebracht. Das Gericht hielt die H.s für schuldig, aber beweisen konnte es nichts. Nun sind die vermutlichen Täter frei – und leben doch wie hinter Gittern.

NAME

Von Jörg Schallenberg,

Eschenlohe

Das rostige Tor knarrt vernehmlich, als es aufschwingt. Es wird nur selten geöffnet. Tag und Nacht ist es mit einem Vorhängeschloss und einer dicken Kette versperrt, aber jetzt quietscht ein Schlüssel, und die Kette klackert gegen das Metall. Der junge Mann, der herauskommt, trägt einen Jogginganzug, Turnschuhe und eine tief ins Gesicht gezogene Baseballkappe. An der Leine führt er einen Schäferhund. Der junge Mann heißt Christian H., ist 25 Jahre alt, Jura-Student, und hier im Dorf glauben die meisten, dass er seine Oma umgebracht hat. Auch wenn er auf freiem Fuß ist.

Als Richter Klaus Rebhan am 2. Mai dieses Jahres im Landgericht München II Christian H., seine Mutter Irene, 55, und seinen Vater Hans Georg, 60, freigesprochen hat, da formulierte er in der Urteilsbegründung unmissverständlich, dass er „überzeugt davon“ ist, „dass der oder die Verantwortlichen für die Tat auf der Anklagebank sitzen.“ Es sprach sehr viel gegen die Drei, nur ließ sich aus Sicht des Gerichts nicht beweisen, wer genau der 82-jährigen Katharina H. in der Nacht vom 13. auf den 14. August 2001 eine „weiche Bedeckung auf Mund und Nase“ gedrückt habe, solange bis, laut Gerichtsmedizin, „der Tod eintrat“. Oberstaatsanwalt Wilfried Wittig ist bis heute „hundertprozentig“ davon überzeugt, dass Irene, Georg und Christian zusammen oder einzeln Katharina H. ermordet haben, um Pflegekosten zu sparen, aber er stellt nüchtern fest: „Eine Sippenhaft gibt es nicht, und daher muss die Gesellschaft so ein Urteil hinnehmen.“

Die Gesellschaft, die nun mit diesem Urteil leben muss, besteht in erster Linie aus den knapp 1700 Bewohnern des Ortes Eschenlohe im Loisachtal, 15 Kilometer von Garmisch-Partenkirchen, mit Blick auf die Zugspitze. Durch den Spruch von Richter Rebhan sind sie verurteilt, mit einer Familie zu leben, der die Justiz, bildlich gesprochen, ein Schild mit der Aufschrift „Achtung, Mörder“ in den Garten gestellt hat. Umgekehrt betrachtet müssen die H.s nun mit diesem Stigma zwischen ihren Nachbarn leben. Christians Verteidiger Uwe Lehmbruck wirft dem Gericht deshalb eine „Verurteilung ohne Strafe“ vor, „die im Gesetzbuch eigentlich nicht vorgesehen ist“. Im Gefängnis sind die H.s nicht gelandet, aber jetzt haben sie sich in ihrem weiß verputzten Neubau am Ortsrand selbst eingesperrt. „Zum Einkaufen fahren sie immer nach auswärts“, weiß Bürgermeister Peter Stahr, und sonst öffnet sich das Tor in der Mühlstraße 40 nur, wenn der Hund ausgeführt werden muss.

Dann kommt Christian H. die Auffahrt hinauf und mustert misstrauisch den Fremden. Er wirkt nicht wie das bösartige Mitglied einer „Horror-Familie“, zu dem ihn die Münchner Boulevardpresse gestempelt hat, eher wie jemand, der seine Unsicherheit durch einen grimmigen Gesichtsausdruck und festen Schritt überspielen will. Trotzdem überlegt man mit Blick auf den knurrenden Schäferhund, ob man ihn anspricht. Die Nachbarn haben schließlich genug erzählt. Herr M. etwa, der gegenüber dem Grundstück der Familie H. wohnt, hat auf die Frage nach den H.s seine Arme verschränkt und dann zu einem Monolog angesetzt, der jedem Rechtsgelehrten zur Ehre gereichen würde: „Wissen Sie, da hat sich ein Gericht in München lange Gedanken gemacht und über Monate das Für und Wider abgewogen, und dann sind die Richter sicher zu einem Urteil gekommen, das besser begründet ist als alles, was ich Ihnen dazu sagen könnte.“ War es denn kein Freispruch fünfter Klasse? „Tja, das ist die Frage, ob es schlimmer ist, wenn ein Unschuldiger verurteilt wird oder wenn ein Schuldiger auf freiem Fuß bleibt. Wer will das entscheiden?“ Im nächsten Moment fährt er, ohne Unterbrechung, fort: „Aber beim Christian befürchte ich, dass der mal ausrastet und Amok läuft. Dem würde ich alles zutrauen. Also, ich habe Angst um meine Familie.“ Dieser gedankliche Bruch verblüfft, aber er ist exemplarisch für die Mischung aus rational konstruierter Neutralität und gefühlter Furcht, die Eschenlohe besonders in der unteren Mühlstraße beherrscht.

Nicht, dass man dort viel mit den H.s zu tun gehabt hätte, denn die lebten schon seit Jahren sehr zurückgezogen. Sie galten als Querulanten, weil sie oft um die Bebauung angrenzender Grundstücke, um Fisch- und Jagdrechte stritten, aber erst seit dem Mord an der Großmutter halten die meisten sie für unberechenbar und gefährlich. Deshalb will Herr M. ebenso wenig wie die meisten anderen Nachbarn erkannt werden. Er heißt also gar nicht M., und dass es damals mit Hans Georg und Christian H. diese lächerliche Auseinandersetzung gab wegen – „nein, erwähnen Sie das bloß nicht, dann wissen die ja gleich, wer wir sind.“ Die M.s stehen exemplarisch für die Neuzugezogenen von Eschenlohe, für diejenigen, die sich in den letzten Jahren hier schmucke, holzverzierte Häuser gebaut haben, vor denen jetzt blitzsaubere Kombis und VW-Busse stehen. Sie sind freundliche und aufgeschlossene junge Familien, die sich hier ein ruhiges Leben mit prächtiger Aussicht schaffen wollten. Und nun verbirgt sich ein paar Meter weiter ein Phänomen, dass sie zutiefst beunruhigt. „Das kann man ja nicht verstehen, wie die sich benommen haben. Kein normaler Mensch kann das verstehen“, sagt Frau Z.

Hektischer Anruf beim Bestatter

Nachdem der Hausarzt damals, am 14. August 2001, auf dem Totenschein der Katharina H. die Todesursache „ungeklärt“ angekreuzt hatte, warfen ihn Hans Georg, Irene und Christian hinaus und bestellten den nächsten Arzt. Der kam allerdings zum gleichen Ergebnis und alarmierte die Polizei, nachdem auch er vor die Tür gesetzt worden war. Währenddessen hatten sich die H.s in ihrem Haus verschanzt und verweigerten jedes Gespräch. Dafür riefen sie ein Bestattungsinstitut im fernen Berlin an mit der Bitte, doch möglichst schnell die tote Großmutter zu entfernen. Da Hans Georg H. Jäger ist und diverse Waffen besaß, forderte die örtliche Polizei Verstärkung an. Nachdem das gesamte Anwesen bereits umstellt war, versuchte Vater Hans Georg durch den Garten zu entkommen und wurde überwältigt, als er einen scharfen Revolver ziehen wollte. Wenig später feuerte Mutter Irene vom Balkon aus auf die Polizei – wie sich später herausstellte, mit einer Schreckschusspistole. In der Nacht stürmte ein Sondereinsatzkommando das Haus.

Im Gerichtssaal agierten vor allem Irene und Christian H. herrisch und selbstgefällig. Richter und Staatsanwalt warfen sie ein „sittenwidriges und gegen die Menschenrechte verstoßendes Verfahren“ vor. Sie verlangten immer wieder die Absetzung der Richter, drohten, sie würden das Bundesverfassungsgericht anrufen, feuerten in der Verhandlung ihre Anwälte an und griffen einen Zeugen mit den Worten an: „Was willst denn du? Warst du nicht beim Nervenarzt in Behandlung?“ Der Zeuge, ein Verwandter, war 1963 einmal in nervenärztlicher Behandlung gewesen – die H.s hatten gut Buch geführt über jeden aus dem Dorf, der gegen sie aussagte. Das wissen auch jene alteingesessenen Eschenloher, die Familie H. zum Teil schon über mehrere Generationen kennen. Einige von ihnen haben vor Gericht ausgesagt. Sie hätten Katharina H., eine hilflose, alte Frau, auf der Straße aufgelesen und ihr zu essen gegeben. Katharina H. habe Angst vor ihrer Familie gehabt und weg gewollt: „Die behandeln mich wie ein Tier.“ Heute wollen die meisten Zeugen aus dem Gericht gar nichts mehr sagen.

Helmut Mooser jedoch redet. Er ist Katharina H.s Schwiegersohn; seine Frau ist inzwischen verstorben. Mooser beschreibt die Situation nach dem Tod von Katharinas Mann Georg im Jahr 1994. Kurz zuvor hatten die beiden das Gästehaus „Zur Mühle“ und Grundstücke im Wert von damals gut vier Millionen Mark ihrem Enkel Christian überschrieben – Irene und Hans Georg hatte sie wegen ständiger Streitereien übergangen. Das zahlte die Schwiegertochter der Oma anscheinend heim, als Katharina H., nunmehr Witwe, eine Wohnung im Gästehaus bezog.

„Da gab es fürchterliche, auch tätliche Auseinandersetzungen zwischen Irene und dem Trinchen“, sagt Helmut Mooser. 1995 wurde er vom Amtsgericht als Vormund für die schwer zuckerkranke und gehbehinderte Frau bestellt; da konnte sie kaum noch für sich selbst sorgen: „Ihre Wohnung war verwahrlost, sie hat nichts zu essen bekommen und Angst gehabt, dass man ihr was antut.“ Anfang 1996 veranlasst Mooser, dass Katharina H. in ein Altenheim in das benachbarte Murnau zieht. Die Kosten, etwa 3000 Mark im Monat, trägt das Sozialamt – als nach jahrelangem Rechtsstreit Christian H. aufgefordert wird zu zahlen, redet er der Großmutter gut zu, wieder nach Hause zu kommen, und verspricht ihr, für sie zu sorgen. Mooser ist strikt dagegen, daraufhin lässt sich Katharina H. von der Vormundschaft befreien und zieht wieder nach Eschenlohe.

Doch nach ihrer Rückkehr im Frühjahr 2001 bleibt Katharina H. sich selbst überlassen. Die Familie lässt das Telefon, die Klingel und die Gegensprechanlage an der Tür abklemmen. Ein Fenster ihrer Wohnung im ersten Stock wird durch eine Balkontür ersetzt, vor die aber weder ein Balkon noch ein Gitter kommt. „Eine völlig sinnlose, für eine alte und mittlerweile auch halb blinde Frau aber höchst gefährliche Maßnahme“, wird später der Staatsanwalt sagen. Für den Durchbruch zerstören die H.s sogar die alte, mit Lüftlmalerei aufwändig verzierte und restaurierte Fassade ihres Gästehauses.

Schließlich organisiert der Forstbesitzer Hubertus Rechberg, bei dessen Großeltern Katharina als Dienstmädchen gearbeitet hatte, gegen den Widerstand von Irene H. einen Pflegedienst. Katharina will wieder in ein Heim und ihrem Enkel zudem einige geschäftliche Vollmachten entziehen, Rechberg sagt seine Hilfe zu. Anfang August 2001 fährt er in Urlaub, kurz zuvor vertraut ihm Katharina H. ihre größte Befürchtung an: „,Die bringen mich um’, das waren Trinchens Worte. Ich habe es nicht glauben wollen.“ Als er zurückkommt, ist Katharina H. tot.

Fest steht, dass sie erstickt wurde. Zur Tatzeit wohnte nur ein Student als Dauermieter im Gästehaus, der nach Ansicht der Staatsanwaltschaft als Täter ausscheidet. Es gab keine weiteren Verdächtigen. Doch es fehlt die entscheidende Spur. Was wirklich geschehen ist, wissen wohl nur die Drei, die jetzt in ihrem Haus in Eschenlohe hinter mehreren hintereinander gestaffelten Zäunen aus Holz und Maschendraht, hohen Büschen und versperrten Toren sitzen. Unklar ist das Motiv geblieben. Zwar wären auf Christian H. hohe Pflegekosten zugekommen, wenn seine Großmutter in ein Heim gegangen wäre, andererseits muss er nach ihrem Tod mindestens ein Viertel von dem, was ihm an Besitz und Vermögen überschrieben wurde, an die Kinder von Helmut Mooser als Pflichtteil auszahlen. Das könnte wiederum bedeuten, dass er den Grundbesitz verkaufen muss, um Mittel flüssig zu machen.

Ob die Familie das zum Tatzeitpunkt wusste, ist unklar. Im Wirrwarr ihrer finanziellen Verhältnisse hatten die H.s wohl den Überblick verloren und wussten vor Gericht nicht immer genau zu sagen, was ihnen gehört und was nicht. Die H.s wirkten verwirrt. Christian H., als Jura-Student Stolz der Familie, verhedderte sich im Gestrüpp der Strafprozessordnung, stellte im Alleingang Anträge, die bei der Verteidigung Entsetzen auslösten. Mitunter erregten die H.s fast Mitleid.

Neid und Schadenfreude

Die H.s müssen das gespürt haben, genauso wie die Verachtung, die ihnen von den voll besetzten Zuschauerbänken im Gerichtssaal entgegenschlug. Viele Eschenloher waren zur Verhandlung gekommen und ließen in den Pausen unverhohlen ihrer Freude Lauf, dass es gerade die H.s nun erwischt hat, deren Vorfahren, reiche Sägewerksbesitzer, sich einst selbst als „Könige vom Loisachtal“ bezeichneten und auch so auftraten. Der Betrieb ging in den 70er Jahren Pleite, aber „den Dünkel sind sie nie losgeworden“, sagt Helmut Mooser. Und den Neid, der sich nun in Schadenfreude zeigte, auch nicht. „Die sind sogar zu blöd, um ihre Oma umzubringen“, hat ein Zuschauer im Gericht gefeixt. Man konnte dort einen guten Eindruck davon bekommen, wie unbarmherzig das Leben in einem solchen Dorf sein kann, auch wenn man kein Mörder ist.

Es gibt nicht einen einzigen, den man zu diesem Fall befragt, der die H.s für unschuldig hält. Die H.s schweigen. Auch Christian. Lassen Sie mich in Ruhe!“, herrscht er den Reporter an und fügt ein „brav!“ in Richtung des zähnefletschenden Schäferhundes hinzu. So steht man ein paar ewig lange Minuten wenige Meter entfernt voneinander auf einem Feldweg, während der Hund sein Geschäft verrichtet, und sagt kein Wort. Dann reißt Christian H. an der Leine und stapft schnell, ohne aufzuschauen, zurück hinter das Tor, die Kette, die Zäune. Es wirkt wie eine Flucht. Bloß wohin? Das Haus ist längst umstellt.

„Rein menschlich betrachtet, fragt man sich ja, wie lange die H.s diesen Druck aushalten können.“ Bürgermeister Peter Stahr ist ein ruhiger, abwägender Typ, der keine Panik verbreiten will, aber diese Frage beschäftigt ihn – zumal sich fast alle hier einig sind in dem, was Oberstaatsanwalt Wittig in München so formuliert: „Da wird es irgendwann explodieren.“ Irene und Hans Georg haben sich vor Jahren scheiden lassen, leben aber noch zusammen. Während des Prozesses tauchten Briefe auf, die auf ein ungewöhnlich inniges Verhältnis von Mutter und Sohn hindeuten. Wie wird die Explosion sein? Am liebsten wäre es einem Bewohner der Mühlstraße, „wenn sich die H.s gegenseitig umbringen“. Das klingt nicht einmal feindselig, eher wie die bestmögliche Lösung eines Problems, ganz nüchtern betrachtet. Ähnlich denkt Bürgermeister Stahr: „Die Leute haben keine Angst. Wenn tatsächlich etwas geschehen sollte, dann wird es wohl innerhalb des Hauses passieren, wie damals ja auch.“ Dann fügt er noch hinzu: „Es ist natürlich eine wichtige Beruhigung für alle, dass das Landratsamt in Garmisch jetzt entschieden hat, Herrn H. seine Waffen nicht zurückzugeben.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!