Zeitung Heute : Gefangener Befreier

Er verhandelte bei der Sahara-Entführung, der einstige Staatssekretär Jürgen Chrobog. Nun sind seine Familie und er selbst in Geiselhaft

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Ein Abend in der Adventszeit im Geschäftsviertel von Washington DC. In der New York Avenue gibt BMW-USA den Einstandsempfang für Jürgen Chrobog, den neuen Vorsitzenden der konzernnahen Herbert-Quandt-Stiftung. Die Förderung der transatlantischen Beziehungen ist eines ihrer Kernfelder. Regierungsbeamte, Wirtschaftsvertreter, Diplomaten drängen sich um den Weinausschank und das Buffet. In einer Ecke steht das neueste Motorradspitzenmodell des bayrischen Weltkonzerns, knallgelb gestrichen. Jürgen Chrobog ist hier gut vernetzt, nicht nur wegen seiner Zeit als deutscher Botschafter in den USA von 1995 bis 2001. Das etwas unrühmliche Ende, die Protokollaffäre, hat man ihm nicht persönlich angelastet: Das von ihm verfasste Protokoll des Gesprächs zwischen Kanzler Schröder und Präsident Bush war an die Öffentlichkeit gelangt – mit brisanten Zitaten über das angebliche Eingeständnis des libyschen Staatschefs Gaddafi, für Terroranschläge verantwortlich zu sein, darunter den auf der Berliner Diskothek „La Belle“.

Seine Frau Magda Gohar-Chrobog, Tochter des ägyptischen Schriftstellers Youssef Gohar, wohnt die meiste Zeit des Jahres in Washington. In ihrem großzügigen Apartment im Stadtteil Kalorama gibt sie immer wieder Empfänge, die Politik und Wirtschaft zusammenführen. Auch einer ihrer drei Söhne war in diesem Herbst regelmäßig dabei, er versucht die Mittel für ein Filmprojekt in der arabischen Welt zu organisieren.

Chrobog, gebürtiger Berliner, ist eine schlanke, elegante Erscheinung, das silberne Haar exakt gescheitelt, dünnrandige schwarze Brille, meist grauer Anzug. Er wirkt sehr korrekt und oft etwas zurückhaltend – obwohl er es doch ganz nach oben geschafft hat: Als Staatssekretär im Auswärtigen Amt ist er im Juni aus dem Diplomatischen Dienst geschieden, 2003 wurde er deutschlandweit bekannt, als er die Sahara-Geiseln in mühsamen Verhandlungen mit vielen Rückschlägen nach rund einem halben Jahr frei bekam. Man solle sich bald mal zum Essen treffen, lädt er mit seiner leisen, auffallend hohen Stimme ein. Erst mal freue er sich jedoch auf den Weihnachtsurlaub mit der Familie. Die Frage, wo es denn hingehe, konnte nicht mehr gestellt werden. Chrobog hatte sich bereits den nächsten Gästen zugewandt.

Nun ist er selbst Opfer: der Mann, der mehrere Krisenstäbe bei Geiselnahmen Deutscher leitete, seine Frau und die drei Söhne entführt im Jemen, einem Land, das im vergangenen Jahrzehnt bekannt wurde als Schauplatz von Geiselnahmen.

Erfinden dürfte man diese Geschichte nicht, ein Roman mit diesem Plot gälte wohl als zu konstruiert. Natürlich wird Chrobog nun auch seine Kritik an einer, wie er sagte, Sozialversicherungsmentalität deutscher Abenteurer im Ausland vorgehalten: Wer sich in Gefahr begebe, muss das Riskio kennen. „Man erwartet ja immer eine Rundumversicherung des Staates, aber Wunder können wir nicht bewirken“, hat er zum Entführungsfall Susanne Osthoff gesagt. Auch früher hatte er im kleinen Kreis den Kopf geschüttelt über deutsche Touristen, die Reisewarnungen der Regierung missachten, in exotische Länder reisen, ohne sich über die Gefahren dort, Kultur und Mentalität zu informieren, die aber, wenn sie in Schwierigkeiten geraten, wie selbstverständlich erwarten, dass der Staat sie da raushole. Sei es überhaupt zu verantworten, so hatte er zum Beispiel 2003 gefragt, dass eine allein erziehende Mutter Abenteuerurlaub in der Sahara mache?

Müssen Chrobog und seine Familie sich jetzt solche Fragen stellen und sich „Sozialversicherungsmentalität“ vorwerfen lassen? Sie waren nicht auf eigene Faust losgezogen, sondern in einer Reisegruppe mit staatlichem Schutz. Vier Jahre lang hatte es keine Entführungen mehr im Jemen gegeben, deshalb hatte der Reiseveranstalter Studiosus die einmalige Wüsten- und Berglandschaft dort wieder ins Programm aufgenommen – in Kooperation mit der einheimischen Abu Taleb Group. Bisher weist nichts darauf hin, dass Chrobog sich selbst eine der Gedankenlosigkeiten zu Schulden kommen ließ, die er bei anderen Entführungsopfern kritisiert hatte.

Noch sind die Informationen über die Abläufe spärlich – und widersprüchlich. Das Fahrzeug mit den Chrobogs sei nach einer Rast im Provinznest Al-Aram, 460 Kilometer östlich von Sanaa – sie kamen aus Aden und waren auf dem Weg nach Schabwa – hinter der Gruppe zurückgeblieben, heißt es in einer Version. Und in einer anderen: Der militärische Begleitschutz habe sich von den Touristen entfernt. Verfügten die Entführer über Insiderinformationen, kooperieren womöglich Begleiter oder gar der Fahrer mit den Geiselnehmern – ein Verdacht, der auch bei Susanne Osthoff aufkam?

Zweierlei könnte die Lösung des Falles Chrobog erleichtern. Geiselnahmen im Jemen enden nach bisheriger Erfahrung in der Regel unblutig. Und: Die Opfer haben alle Chancen, sich „optimal“ zu verhalten. Chrobog weiß aus eigenem Einblick, wie der Krisenstab arbeitet, auf welche Hindernisse er stößt, welches die kritischen Momente der Verhandlungen sind, welche Fehler man vermeiden muss.

Geiselnahmen ausländischer Touristen im Jemen sind relativ häufig. Sie gingen aber meist unblutig aus. Verantwortlich sind meist Stämme, die ihren Forderungen bei der Regierung in Sanaa Nachdruck verleihen wollen. In den meisten Fällen ging um den Bau von Straßen, Schulen oder die Freilassung inhaftierter Stammesmitglieder.

Dieses Mal sollen die Entführer zum Stamm der Abida gehören, sie sollen die Freilassung eines Mitgliedes gefordert haben, das wegen eines kriminellen Delikts in Polizeigewahrsam ist. Zum Arsenal der Stämme gehören Feuerwaffen, Granaten und Flugabwehrraketen, die auf offenen Märkten verkauft werden.

Einer der Entführer hat der Nachrichtenagentur Reuters am Telefon folgenddes gesagt: „Ihr Leben ist nicht in Gefahr, und sie sind Gäste unseres Stammes.“

Die Sahara-Geiselnahme im Frühjahr und Sommer 2003 war ein Lehrbeispiel, in welch einem komplizierten Geflecht von Abhängigkeiten und Druckmechanismen die Vermittler arbeiten. Zunächst müssen Gesprächskanäle zu den Entführern gefunden werden. Oft gelingt der Kontakt nur um mehrere Ecken, über Mittelsmänner, die wieder eigene Interessen verfolgen. Häufig sind solche Entführungen Teil eines Konflikts zwischen einer autoritären Zentralregierung und einer rebellierenden Provinz, in der Sahara wie schon zuvor im philippinischen Jolo. Da stellen sich Fragen: Arbeitet die Regierung des Landes überhaupt an einer friedlichen Lösung mit oder ist sie an einem blutigen Ende interessiert, um ihre Kompromisslosigkeit zu demonstrieren? Und worum geht es den Kidnappern wirklich: um politische Zugeständnisse oder um Geld?

Chrobog war in solchen Zeiten, vor offenen Mikrofonen und laufenden Kameras, die Unaufgeregtheit in Person. Den Angehörigen der Verschleppten ließ er einschärfen, bitte nicht mit den Medien zu reden – Nachrichtensperren seien ein Pfeiler aller Rettungsbemühungen. Schon damals warnte er aber auch: „Der Staat ist keine Vollkaskoversicherung, die jeden rausholt oder freikauft, der sich in Gefahr begibt.“

Das nötige Handwerk hatte er als langjähriger Sprecher des Außenministers Hans-Dietrich Genscher gelernt. Chrobog, am 28. Februar 1940 in Berlin geboren, hat Jura in Freiburg, Aix-en-Provence und Göttingen studiert. 1972 trat er in den Auswärtigen Dienst ein, schnupperte einige Monate die Luft der Vereinten Nationen in New York, diente im Ministerbüro von Walter Scheel und Genscher. Nach Stationen als Wirtschaftsreferent in Singapur und Sprecher der deutschen EG-Vertretung in Brüssel kehrte er 1983 in Genschers engste Umgebung zurück und wurde 1984 dessen Sprecher.

Wie eng dieses Verhältnis war, ließ sich im Juni 2005 beim Abschiedsempfang für Chrobog erleben. Auch Genscher war in das Gästehaus in Berlin- Schmargendorf, die ehemalige Residenz des amerikanischen Stadtkommandanten, gekommen. Chrobogs Rede wurde zu einer Eloge auf Genscher, für den anwesenden Minister Joschka Fischer, dem er vier Jahre als Staatssekretär gedient hatte, gab es höflichen Dank für ein Verhältnis gegenseitiger Loyalität. Loyalität, auch das ist eine Schlüsseltugend für Chrobog.

Geduld und Zähigkeit sind zwei weitere. In der Sahara-Krise dauerte es sechs Monate, bis ein Deal möglich wurde. Und selbst als die Verabredungen getroffen waren, vergingen noch vier Tage, in denen alles hätte scheitern können: Weil Transportflugzeuge Defekte hatten, weil das Wetter nicht mitspielte. Im Jemen werden Chrobog alle diese Erfahrungen immer wieder durch den Kopf gehen. In der Wüste hat man Zeit. Oder vielleicht auch nicht.

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