Zeitung Heute : Gefangener des eigenen Zorns

Er hat gewettert, rebelliert, alle gegen sich aufgebracht – trotzdem geht es Horst Seehofer nicht an den Kragen

Cordula Eubel

Horst Seehofer schweigt. Über seine politischen Zukunft will er sich nicht äußern, als er nachmittags um fünf Uhr die bayerische Staatskanzlei verlässt. Den Part überlässt er CSU-Chef Edmund Stoiber, mit dem er zuvor zwei Stunden lang beraten hatte. Darüber, ob er aus lauter Ärger über den Gesundheitskompromiss seinen Posten als Vizechef der Bundestagsfraktion hinwirft oder sogar den stellvertretenden CSU-Vorsitz aufgibt.

Aber Seehofer bleibt. Obwohl er Stoiber und CDU-Chefin Angela Merkel in einem Brief seinen Rücktritt angeboten hatte, soll er seine Führungsämter behalten. Allerdings, so lässt Stoiber abends in einer Erklärung verbreiten, gebe Seehofer die Zuständigkeit für die Gesundheitspolitik in der Bundestagsfraktion ab und solle dafür ein anderes Aufgabenfeld erhalten. Die Machtfrage stellte Stoiber seinem Stellvertreter in dem Gespräch offenbar nicht, anders, als manche in der CDU erwartet – oder vielleicht auch ein bisschen gehofft – hatten. Seehofer legte dafür ein Schweigegelübde ab. Er wolle keine öffentliche Auseinandersetzung mehr über den Gesundheitskompromiss führen, heißt es in der Erklärung. Auch dem CSU-Parteitag an diesem Wochenende will er fernbleiben.

Drei Tage lang war der 55-jährige abgetaucht, zu Hause in Ingolstadt. Nur sporadisch war er über sein Handy zu erreichen, und nicht für jedermann. CSU-Generalsekretär Markus Söder etwa lässt am Donnerstag verbreiten, er habe versucht, Seehofer zu erreichen, der habe ihn jedoch nicht zurückgerufen. Er zielt auf einen Punkt, über den intern gern gelästert wird, wenn der Name Seehofer fällt: „Die Chuzpe, nicht erreichbar zu sein, hat sonst kein Politiker“, sagt einer aus der Bundestagsfraktion. Seit der CSU-Sozialexperte am Montag das erste Mal hatte durchblicken lassen, dass er von der Einigung nichts hält („Der Kompromiss ist so schlecht, dass niemand von mir verlangen kann, dass ich ihn mittrage“), hat die Stimmung in der Union sich spürbar aufgeladen.

In der CSU-Landesgruppe, die den streitlustigen Sozialexperten meist unterstützte, sind nun viele von Seehofer genervt. „Der Bogen ist überspannt“, heißt es bei den Abgeordneten. Vielleicht hat Seehofer nicht damit gerechnet, dass er dieses Mal auch in der CSU den Rückhalt verliert. „Er hat sich den Weg zurück verbaut“, stellt ein CSU-Mann nüchtern fest. Die Gesundheitspolitik könne er für die Union nicht mehr vertreten. „Seehofer hat sich selbst in babylonische Gefangenschaft begeben“, kommentiert ein anderer. In der Unions-Fraktion hatte manch einer schon gehofft, dass Seehofer sich aus der Spitze zurückzieht. „Hier wären die meisten froh, wenn sie ihn los wären“, fasst einer die Stimmung zusammen.

In der CSU nehmen Seehofer viele übel, dass er ihnen nun einen unbequemen Parteitag beschert. Dort beklagt man, „dass mit dieser Eskapade die Riesenchance der CSU, die Themen des Parteitags selbst zu bestimmen, verspielt ist“. Dennoch erwartet die CSU-Spitze eine breite Mehrheit der Delegierten für den Gesundheitskompromiss. Schon deswegen, weil an der Basis viele den Dauerstreit mit der CDU mehr als satt haben.

Bei all dem tiefen CSU-Frust scheinen die Probleme, vor die Merkel durch die Querelen um Seehofer gestellt ist, nicht ganz so schlimm. Natürlich würden auch Merkel die Stretigkeiten angelastet werden, vermutet man in der Unions-Führung. Aber in erster Linie sei es ein Problem der CSU. Zumindest kann Merkel darauf hoffen, dass kaum ein Journalist an diesem Freitag beim Parteitag in München darauf achtet, wie herzlich nun der Applaus der CSU-Delegierten ausfällt. Die Blicke werden sich automatisch auf Stoiber richten.

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