Zeitung Heute : Gefiltert, nicht gefunden

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Von Burkhard Schröder

Eigentlich liegt Google ganz im Trend. Dass man nicht mehr auf jede Suchanfrage eine passende Antwort findet, kann einem bei vielen Internet-Suchmaschinen passieren. Denn das Filtern bestimmter Begriffe hat System. Die Betreiber der Such-Dienstleister tauschen Listen „anstößiger" oder politisch unerwünschter Suchbegriffe unteraneinander aus, um Surfern den Anblick missliebiger Internet-Seiten zu ersparen. Die Kehrseite: Umfassende Recherchen – wenn beispielsweise eine Schulklasse im Internet zu den Themen Holocaust oder Sexualität Fundstellen suchen soll, sind damit nicht mehr möglich.

Stefan Karzauninkat von suchfibel.de erklärt den Hintergrund: Suchmaschinen haben ein finanzielles Interesse daran, familienfreundlich zu sein. Sie achten darauf, „dass nicht bei harmlosen Abfragen Pornospam ganz oben in den Ergebnisseiten auftaucht“, so Karzauninkat. Doch was warum und nach welchen Kriterien gefiltert wird, darüber will niemand Auskunft geben.

Wer sich zum Beispiel bei der deutsche Suchmaschine witch.de über die Gaskammern in Auschwitz informieren will, bekommt die Antwort, man könne leider für diesen Begriff „keine Seiten zur Verfügung stellen“. Das kann einem auch bei internationalen Suchmaschinen mit deutschen Seiten passieren, wie beispielsweise bei Google. Selbst beim Aufruf der internationalen Seite unter google.com wird der Nutzer zuerst zur deutschen Google-Seite geleitet und unterliegt dann dem Suchfilter. Die Suchmaschine setzt offenbar die Rechner-Adressen der Nutzer dafür ein, sie den entsprechenden Ländern zuzuordnen. Das gilt nicht nur für die deutsche Version, sondern auch für die Schweiz, und auch Surfer aus Österreich werden automatisch zu google.at geleitet.

Die Auskunft Googles, „zu www.stormfront.org wurden keine Informationen gefunden“, ist daher auch nicht richtig, denn hinter der gleichnamigen und schon seit Jahren existierenden Domain verbirgt sich der US-amerikanische Neonazi Don Black. Wer sofort die Adresse der englischen Google-Version benutzt, bleibt von allzu offensichtlicher Zensur verschont.

Yahoo, einer der größten Webkataloge der Welt, geht noch weiter. Das Unternehmen arbeitet nicht nur mit Google eng zusammen, es verändert sogar die E-Mails derjenigen, die über einen Zugang bei Yahoo schreiben. Und das schon seit zwei Jahren – und niemand hat es gemerkt. Vorgeblich geht es um Sicherheit: Yahoo möchte Angriffen über HTML-Mails vorbeugen. Darin könnten sich bösartige Scripte verbergen. Betroffen sind jedoch nicht nur technische Worte, sondern auch politische Inhalte: Wer von „freedom of speech“ (Redefreiheit) schreibt, der muss damit rechnen, dass der Empfänger nur „freedom of statement“ (Freiheit der Ausdrucksweise) lesen darf.

Effektiv sind diese Maßnahmen nicht. Sie haben eher symbolischen Charakter. Jugendschutz.net, eine Einrichtung der Jugendministerien der Länder, hat schon vor zwei Jahren versucht, Suchmaschinenbetreiber dazu zu bewegen, „jugendgefährdende“ Worte in ihre Indizierungsliste aufzunehmen, etwa „Zoosex“ oder „Wolfsrudel“ – offenbar, weil die Zeichenkette „Wolf“ oft auf rechtsextremen Seiten auftaucht.

Friedemann Schindler von jugendschutz.net wollte die Unternehmen veranlassen, eine juristisch unverbindliche Verpflichtungserklärung zu unterschreiben, stellte aber die Bedingung, die anstößigen Worte und unerwünschte Domain-n nicht der Öffentlichkeit bekannt zu geben. Ob dieses Unterfangen von Erfolg gekrönt war, darüber schweigt man sich aus.

Jugendschutz.net arbeitet eng mit Bertelsmann zusammen. Der Gütersloher Konzern propagiert den Einsatz von Filtersystemen an Schulen: Angeblich halte jeder zweite Lehrer in Deutschland „Internetfilter für ein wichtiges Instrument, um Schüler vor rechtsextremistischen oder pornographischen Internetseiten zu schützen.“ Effekte Filtersysteme gibt es aber noch nicht. Nur unerfahrene Internet-Nutzer lassen sich durch Filter davon abhalten, bestimmte Inhalte zu finden. Die meisten Experten bezweifeln, ob technische Maßnahmen überhaupt machbar wären. Bertelsmann hat deshalb jetzt eine Stelle für ein Projekt ausgeschrieben, um zu überprüfen, wie sich Internet-Nutzer tatsächlich verhalten. Ziel: die Möglichkeit zur Aktivierung von Schutzmaßnahmen (Family Filter, Alters-Check).

Marcel Machill, der Projektleiter Medienpolitik der Bertelsmann Stiftung, hat soeben zusammen mit Friedemann Schindler von jugendschutz.net ein Buch über die Transparenz von Suchmaschinen verfasst. Die Website von jugendschutz.net ist weniger transparent: Wer die dort angegebene Telefonnummer anruft, bekommt die Auskunft: Kein Anschluss unter dieser Nummer.

Links zum Thema:

www.witch.de/search-result.php/search/Gaskammer/cn/0

(witch.de zum Begriff „Gaskammer“

www.google.com/intl/en/

www.ntk.net/2002/07/12/yahoo.txt (Wortliste bei Yahoo)

www.internet-verantwortung.de

(Bertelsmann zu Filtersystemen)

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