Zeitung Heute : Gefragt sind Abwehrkräfte

Die Hoffnung, die Vogelgrippe zu stoppen, ist zunächst dahin: Es gibt neue Opfer in Asien – und auch in Hamburg gab es einen Verdachtsfall. Und die Angst ist noch nicht vorbei: Die Weltgesundheitsorganisation befürchtet, dass das Virus von Mensch zu Mensch übertragen werden könnte.

Moritz Kleine-Brockhoff[Jakarta] Arne Siebert

VOGELGRIPPE – WIRD SIE ZUR WELTWEITEN BEDROHUNG?

Von Moritz Kleine-Brockhoff, Jakarta

und Arne Siebert, Hamburg

Das Hamburger Tropeninstitut konnte noch am Montagabend Entwarnung geben. Die Mediziner behandeln eine Patientin, bei der zunächst der Verdacht bestand, dass sie an der Vogelgrippe erkrankt sei. Ein Feuerwehrsprecher sagte, die Frau habe vor kurzem Urlaub in Thailand gemacht. Danach klagte sie über Fieber und andere Grippesymptome. Eine Begleiterin der Frau wurde ebenfalls untersucht, sie hatte jedoch keinerlei Beschwerden. Die Frauen hatten sich zunächst beim Hamburger Tropendienst gemeldet. Dort riet man ihnen offenbar, sich an die Feuerwehr zu wenden, deren Lagedienst einen Krankenwagen losschickte. Später war die Aufregung groß: Der Leitstellen-Chef war davon ausgegangen, dass die Vogelgrippe zur Infektionsgruppe mit der Kennziffer „2“ gehört, tatsächlich gehört sie aber zur Gruppe „3“ – das bedeutet, die Rettungskräfte hätten sich mit Atemschutzgeräten und einem speziellen Rettungswagen auf den Weg machen müssen.

Viele Gründe für Fieber

Bernhard Fleischer, der Chef des Hamburger Bernhard-Nocht-Instituts, bestätigte die Aufnahme der beiden Frauen. Fleischer sagte in der ARD: „Es gibt viele Gründe, Fieber zu haben, wenn man aus Asien zurückkehrt.“ Dort, in Thailand, und in Vietnam sind weitere Menschen an Vogelgrippe gestorben. In Vietnam starb am Montag ein 18-Jähriger, der am vergangenen Donnerstag mit Grippesymptomen ins Krankenhaus gebracht worden war. Nach Medienberichten hatte ein Test am Wochenende ergeben, dass der Teenager mit dem Vogelgrippevirus H5N1 infiziert war. Er soll in einem von der Tierseuche betroffenen Gebiet direkten Kontakt mit Hühnern gehabt haben.

In Thailand meldete das Gesundheitsministerium einen bestätigten Vogelgrippetod und einen Verdachtsfall. Bei einer 58-jährigen Frau, die in der vergangenen Woche gestorben war, sei durch nun bekannte Untersuchungsergebnisse H5N1 nachgewiesen worden. Zudem starb am Montag in Bangkok ein Sechsjähriger – vermutlich an Vogelgrippe.

Thailand und Vietnam sind die einzigen Länder, in denen die Krankheit bei Menschen nachgewiesen ist. Behörden haben in den vergangenen Wochen insgesamt 27 verdächtige Todesfälle gemeldet, bei zwölf von ihnen wurde das H5N1-Virus gefunden, weitere Testergebnisse stehen aus. Die Vogelgrippe grassiert in zehn asiatischen Ländern, knapp 50 Millionen Tiere verendeten oder wurden getötet, um eine Verbreitung der Seuche aufzuhalten. In vielen Ländern werden Massenschlachtungen fortgesetzt.

Auch Großvater und Onkel eines am Montag in Thailand gestorbenen Jungen sind erkrankt. Eine Verwandte sagte, ihre Familie habe möglicherweise infiziertes Geflügel verzehrt. „Wir hatten zehn Hühner, vier von ihnen starben. Wir haben ihr Fleisch gegessen, weil wir dachten, sie seien eines natürlichen Todes gestorben.“ Der Sechsjährige, der starb, habe nichts gegessen, sei aber dabei gewesen, als sein Großvater die Hühner zerlegt habe. Laut WHO vernichtet Hitze, zum Beispiel Braten oder Kochen, das H5N1-Virus. Wie die thailändische Familie ihr Hühnerfleisch zubereitete, wurde nicht bekannt.

Fast alle Vogelgrippetoten Thailands und Vietnams hatten direkten Kontakt mit kranken Hühnern. Die Seuche stellt im Moment nach Ansicht von Experten keine große Gesundheitsgefahr für Menschen dar, weil es relativ schwierig ist, sich anzustecken und eine Virusübertragung von Mensch zu Mensch nicht nachgewiesen ist. Gleichzeitig besteht die große Sorge, dass das H5N1-Virus sich mit einem menschlichen Grippevirus verbinden könnte. Laut WHO könnten dann durch einfache Übertragungswege Millionen Menschen krank werden und sterben.

Eine Familientragödie in Vietnam

In diesem Zusammenhang sorgt ein Familienfall in Vietnam weiterhin für Aufsehen. Dort waren im Januar nach dem Grippetod eines Mannes zwei seiner Schwestern gestorben. Bei beiden Frauen wurde eine H5N1-Infizierung nachgewiesen. Ihr Bruder war nicht darauf getestet worden. Die Ehefrau erkrankte ebenfalls, erholte sich aber wieder. Die WHO beunruhigt, dass die Schwestern vermutlich keinen Kontakt mit kranken Hühnern hatten. Eine mögliche Erklärung für ihre Infektion, so die WHO, sei die Ansteckung beim Bruder. Das würde bedeuten, dass sich das Virus von Mensch zu Mensch überträgt.

Nachdem diese Spekulation weltweit für Aufregung gesorgt hatte, beruhigten jetzt Experten. Der WHO-Arzt Klaus Stöhr sagte in einem Fernsehinterview, der vietnamesische Fall erhöhe das Gesundheitsrisiko für Menschen nicht, Stöhr sprach von der Möglichkeit einer „insignifikanten, beschränkten Übertragung.“ Die WHO hatte nach eigenen Angaben schon 1997 bei einem Vogelgrippeausbruch in Hongkong Laborhinweise auf „sehr beschränkte Mensch-zu-Mensch- Übertragung“ gefunden. Damals entstand keine Epidemie unter Menschen.

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