Zeitung Heute : „Gefühl muss erlaubt sein“

Der Tagesspiegel

Herr Seibel, mehr als drei Jahrzehnte lang haben Sie die „heute“-Nachrichten moderiert. Seit Dienstag sind Sie in Rente. Da muss Ihnen doch etwas fehlen?

Noch nicht. Im April und im Mai bleibe ich Ihnen noch erhalten. Ich bin freier Mitarbeiter des ZDF, seit zwei Jahren schon. Und ich werde es aller Voraussicht nach auch noch eine Weile bleiben. Wir haben einen Vertrag auf Gegenseitigkeit geschlossen – jede Seite kann kündigen, wann es ihr gefällt. Wenn Sie so wollen: ein Abschied auf Raten.

Aber Sie haben sicher jetzt ein bisschen mehr Zeit.

Ja. Ich bin froh, endlich zum Lesen und zum Wandern zu kommen. Am letzten Wochenende haben wir eine fünfstündige Rheintalwanderung unternommen. Das war einfach großartig. Ich bin ein Bewegungsmensch. Und wenn mich etwas gestört hat in den Jahren beim ZDF, dann, dass ich mich nicht bewegen konnte, wie ich wollte.

Haben Sie nie den Wunsch verspürt, etwas anderes als die ZDF-Nachrichten zu moderieren?

Wenn ich nichts anderes zu tun gehabt hätte, als Nachrichten vom Blatt abzulesen, dann vielleicht. Aber unser Job fängt morgens um zehn an und hört frühestens um 20 Uhr auf. Da gibt es viel zu tun, wie Sie sich vorstellen können. Wir arbeiten ja nicht nur 20 Minuten am Tag.

Die Nachrichten haben sich stark verändert. Wie sieht Ihre ideale Nachrichtensendung aus? Sind Sie für oder gegen Meldungen aus dem Boulevard?

Ich bin fürs Strikte. Keine Ablenkung vom Wesentlichen. Da gehen mir die Privaten zu weit. Aber ich muss auch zugeben, dass wir viel von ihnen gelernt haben. Lockerheit zum Beispiel. Ich glaube, das kommt den Nachrichten zugute. Hanns-Joachim Friedrichs war der Meinung, man müsse die Nachrichten möglichst neutral präsentieren. Ich finde, ein bisschen Gefühl muss schon erlaubt sein – auch weil es die Glaubwürdigkeit steigert. Die Zuschauer sollen sehen, da sitzt ein Mensch und kein Verkündungsautomat. Die Grenze ist allerdings da erreicht, wo das Bauerntheater beginnt.

Finden Sie, den ZDF-Nachrichten gelingt diese Gratwanderung?

Sie sind immer noch im Bereich dessen, was ich mittragen kann. Aber ich finde, dass sich die Öffentlich-Rechtlichen wieder auf die eigenen Stärken besinnen sollen.

Sie sind das Gegenteil eines Nachrichtenautomaten. Ist diese Beweglichkeit eingeübt?

Nein, das ist mein Temperament. Für Schnelligkeit habe ich schon immer viel übrig gehabt. Mir imponiert zum Beispiel die Schnelligkeit der Berliner, ihre Beweglichkeit, ihre Schnauze.

Könnten die Nachrichten nicht etwas mehr Hintergründigkeit vertragen?

Sicher. Aber die können Sie in diesem Medium nicht ausleben. Schade, aber so ist es.

Was machen Sie, wenn Sie keine Nachrichten machen?

Dann moderiere ich zum Beispiel auf Veranstaltungen von Hapag Lloyd. Das macht mir ungeheuren Spaß. Ich fühle mich frei und kann sagen, was ich will. Wenn die Zeit vorüber ist, in der man glaubte, unbedingt dieses oder jenes werden zu müssen, dann wird man innerlich freier. Ich kann Ihnen sagen: ein schönes Gefühl.

Das Gespräch führte Thomas Eckert.

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