Zeitung Heute : Gefühle haben ihren Preis

Familie, Freunde, Nachbarn: Glücklich, wer sie hat. Und die anderen? Wellness-Hotels und McDonald’s warten schon. / Von Christian Ankowitsch

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Es ist ein befremdliches Gefühl, rund 40 Jahre alt zu sein und bereits den Satz formulieren zu können: „Früher einmal...“ Befremdlich daran ist, dass man bisher davon ausgegangen war, gesellschaftliche Veränderungen benötigten mindestens eine Generation, bis sie sich zeigten, man also frühestens mit greisen 70 in der Lage wäre, solche Worte zu sprechen. Das ist heute nicht mehr so. (Da! Da ist es schon wieder, das Gefühl.)

Überblickt man die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts, so hat diese Beschleunigung der Veränderungen ein Respekt gebietendes Ausmaß angenommen, und die Vorstellung, das Tempo bleibe zumindest gleich, erfüllt uns mit dem Gefühl zusätzlicher Unsicherheit; zudem führt die Rasanz zu immer größeren Segmentierungen der Generationen – angesichts der großen Unterschiede zwischen einer 20 und einer 30-Jährigen fällt es schwer, sie noch als Angehörige eines Zeitgeists zu sehen – ein weiterer Grund für die Vereinzelung der Menschen.

Du bist überflüssig!

Auch die Vorstellung davon, mit welchen Sicherheiten wir im eigenen Leben werden rechnen können, hat sich radikal geändert. Während wir in den späten 70ern und frühen 80ern noch im unverbrüchlichen Glauben aufwuchsen, in ein Unternehmen oder in eine Behörde einzutreten wie in eine Familie, die einen nie mehr entlassen wird, blickt heute jeder junge Erwachsene irritiert, wenn man ihm eine solche Perspektive in Aussicht stellt. Denn er bewegt sich zwischen den Polen New Economy und Globalisierung, denen eine Botschaft gemeinsam ist: Findet euch damit ab, dass ihr frei bzw. überflüssig seid!

Der Aufstieg und Fall der New Economy verursachte die wohl nachhaltigste Erschütterung des Gefühls, mit dem Eintritt in ein Unternehmen und mit der Bereitschaft, sich dafür einzusetzen, auch ein Anrecht auf Sicherheit und auf Planbarkeit des eigenen Lebens erworben zu haben. Die New Economy war vor allem das Projekt einer jungen Generation, die glaubte, ihr Identifikationsprojekt gefunden zu haben, das sie noch eine ganze Zeit lang beschäftigen werde. Sie trat unter der Prämisse an, mit hohem Einsatz eine neue Form des Wirtschaftens und des Zusammenlebens zu etablieren, also eine neue Tradition des Arbeitens zu begründen. Auf dem leeren Feld der Gegenwart entstand ein neuer Entwurf, wie Leben und Arbeiten ineinander übergehen könnten.

Als dann im April 2000 alles in sich zusammenzubrechen begann und die Börsenkurse der Nasdaq und des Neuen Marktes fielen und fielen, löste sich nicht nur ein sehr großer Geldbetrag in Nichts auf, auch das Gefühl der Allmacht verschwand und wurde der Lächerlichkeit preisgegeben. Damit stellte sich in einer großen Gruppe junger Menschen das Gefühl des Scheiterns ein und das Gefühl: Du bist überflüssig. Man muss dieses Gefühl deshalb so ernst nehmen, weil es viele Menschen in einer Phase geprägt hat, in der sie die Vorstellungen von ihrer zukünftigen Karriere und der Rolle des Jobs in ihrer Existenz eben erst zu entwickeln begannen.

Von Bedeutung sind aber nicht zuletzt auch die Kündigungen in den stabilen, im Zentrum der Gesellschaften stehenden Unternehmen, deren neue Unzuverlässigkeit weder unter den Entlassenen noch den Zurückbleibenden ihre Wirkung verfehlten. So haben in den vergangenen Jahren Firmen wie die Deutsche Bahn, Lufthansa, Opel, Commerzbank, Deutsche Bank, Hypo-Vereinsbank und Siemens in kleinerem und größerem Stil Menschen entlassen.

Doch einmal abgesehen von dieser privaten Lektion in Sachen Ersetzbarkeit hat die damit verbundene Unsicherheit auch zur Folge, dass sich die Beziehung der Menschen zu ihrer Arbeit grundsätzlich ändert: Sie lockert sich, über allem schwebt das Gefühl, dass das, woran man kurz zuvor noch geglaubt hat, sich im nächsten Moment auflösen könnte. Die Verabredung, einander verlässliche, lebenslange Partner zu sein, gehört damit sowohl zwischen Unternehmen und Angestellten als auch zwischen Lebensgefährten der Vergangenheit an.

An ihre Stelle tritt der ambivalente Zustand des Da-, aber auch schon wieder Wegseins, denn wer nicht damit rechnet, dass er nur auf Abruf gebraucht wird, also in letzter Konsequenz stets erübrigbar ist, der würde im Moment, da es zur Trennung kommt, von der vollen Wucht der Geschehnisse getroffen.

Die Zukunft gehört also Menschen, die es zu Wege bringen, ganz da zu sein und zugleich bereits wieder weg, sich innig zu binden und zugleich schon wieder zu trennen, Treue zu empfinden und den Schmerz der Trennung schon vorwegzunehmen.

Der Schritt von dem Gefühl, überflüssig zu sein, zu dem, völlig machtlos zu sein, ist nur kurz. Das Gefühl der Machtlosigkeit wird uns nicht nur durch die Erfahrung vermittelt, jederzeit kündbar zu sein, sondern auch dadurch, dass wir nicht mehr überblicken, wer jene Entscheidungen trifft, die unsere Politik und Wirtschaft prägen.

Wichtige Entscheidungen werden immer weniger von der nationalen Politik, stattdessen aber von den Lenkern global agierender Unternehmen oder von jenen gesichtslosen Institutionen getroffen, die „Internationaler Währungsfonds“, „WTO“ und „Nato“ heißen – von Menschen und Institutionen mithin, deren Macht wir durch Wahlen weder begründet noch legitimiert haben. Institutionen wie der Internationale Währungsfonds sind vollkommene Abstrakta, gleichsam auf ihre Essenz reduzierte Machtapparate, die sich jeder sinnlichen Wahrnehmung und Reaktion entziehen. Wie sehen die eigentlich aus? Was soll man angesichts einer Börse tun, die uns ruiniert? Beobachtet man zudem, wie die Vorstände von Aktiengesellschaften das, was sie tun, mit dem Hinweis auf die Börse rechtfertigen, gewinnt man den Eindruck, dass nicht einmal diejenigen noch Einfluss auf den Lauf der Wirtschaftsgeschichte haben, die ihn kraft ihres Amtes eigentlich haben müssten. So stehen wir mit dem Gefühl vor diesen Apparaten, sie seien sich selbst steuernde Systeme, denen wir machtlos ausgeliefert sind.

Hinzu kommt noch ein ganz anderer Umstand. Wer sich die Mühe macht, beim nächsten Abendessen mit Freunden und Bekannten darauf zu achten, welche Domizile die anderen allein in Deutschland bereits bewohnt haben, und wer dann an seine eigenen Umzüge denkt, wird die These vertretbar finden, dass wir uns in den vergangenen Jahrzehnten ziemlich in Bewegung gesetzt haben. Kaum jemand von denen, die in den großen Städten leben, ist hier geboren. Meist ist man nach mehreren Zwischenstationen an diesem Ort gelandet, weiß in der Regel nicht zu sagen, ob das so bleiben wird, denn irgendwann würde man auch gerne in, sagen wir, Wien leben.

Makler des Vertrauens

Potenziert wird die allgemeine Mobilität noch dadurch, dass unsere Lebensgefährten oder Ehepartner oft dieselbe Zickzackspur in Deutschland oder gar angrenzenden Ländern hinterlassen haben, so dass der Versuch, alle zurückgelassenen Freunde und Bekannten an einem Ort zu versammeln, jedes Mal eine Reisewelle auslöst.

Die Qualitäten eines uns vertrauten Ortes bestehen darin, dass wir in ein weitreichendes Netz persönlicher Beziehungen eingebunden sind. Wir wissen, welche Person wie einzuschätzen ist, weil wir sie in der Regel seit der Kindheit kennen, wir wissen, was wir voneinander zu halten haben, wir wissen, wen wir um Rat fragen können, wen wir besser meiden, wer uns zu einem Aufstieg in der sozialen Hierarchie verhelfen kann, wer mit wem eine heimliche und wer mit wem sicher keine intime Beziehung unterhält. Es sind diese tausendfachen Informationen, die uns eine große Gruppe von Menschen zielsicher einschätzen lassen und die uns in die Lage versetzen, anhand bereits vorhandener Kontakte neue zu knüpfen. Und all diese Informationen sind zwar nicht vergebens, sobald wir umziehen, aber das Netz, das wir über die Jahre geschaffen haben, hält uns nur mehr lose, weil es schlicht zu weit entfernt ist.

Was alle neuen Netze von dem einen, bereits als Kind geknüpften unterscheidet, ist ein existenzieller Unterschied: Während wir als Kinder die Menschen mit mehr oder minder freischwebender Aufmerksamkeit kennen lernen, also ohne irgendwelche Hintergedanken, gleichsam urwüchsig, laufen Begegnungen vor dem Hintergrund einer bereits etablierten beruflichen Existenz (die vielleicht für andere von Bedeutung ist) stets Gefahr, von anderen Dingen bestimmt zu werden als von persönlichem Interesse. Am Extrembeispiel der Prominenz lässt sich überdeutlich zeigen, was auch uns Nichtprominente immer wieder beschäftigen kann: Bin ich gemeint oder der äußerliche Firlefanz? Ich oder meine berufliche bzw. soziale Wichtigkeit? Beziehungen, die wir während unserer Kindheit und Jugend geknüpft haben, sehen von solchen Kategorien in der Regel ab und meinen uns in unserer charakterlichen Eigenart.

Wenn wir nun bedenken, wie häufig wir umgezogen sind oder gemeinsam mit unseren Kindern noch umziehen werden, dass wir ferner mindestens zwei Wohnsitze haben (in der Stadt und auf dem Land), es zudem als gesellschaftliches Leitbild gilt, alle paar Jahre die Stadt oder gar das Land zu wechseln, wenn wir weiterhin bedenken, dass es zu einer integralen Forderung der globalisierten Wirtschaft gehört, die Arbeitnehmer müssten mobil und flexibel sein, und wenn schließlich noch die Forderung laut wird, junge Arbeitslose müssten sich dazu bereit erklären, für einen neuen Job auch die Stadt zu wechseln – dann liegt der Schluss nahe, dass dem Gefühl der Fremdheit, wenn nicht gar der Isolation eine große Karriere bevorsteht.

Aus alledem fügt sich allmählich das Bild einer gesellschaftlichen Grundstimmung zusammen, die das ständige Empfinden der Fremdheit und Ohnmacht beinhalten wird. Wie wird sich diese Stimmung nun auswirken, welche konkreten Folgen könnte sie haben? Vermutlich werden all jene Medien und Unternehmen großen Zulauf verzeichnen, die unser lückenhaft gewordenes soziales Netz wieder knüpfen helfen und als Makler des Vertrauens auftreten. Deren einzige Dienstleistung wird darin bestehen, Vertrauen zwischen Menschen zu verkaufen, ihnen die Arbeit abzunehmen, aus eigener Kraft jenen Zustand herzustellen, den wir als Basis unseres Lebens brauchen.

Das Internet wird uns beim ersten Schritt behilflich sein, verdankt es einen Gutteil seiner Akzeptanz und Faszination doch dem Umstand, dass es die Menschen aus der Einsamkeit befreit, indem es ihnen eine Plattform bietet, einander kennen zu lernen. Dies geschieht mit Hilfe von E-Mails, Chats und Foren, aber auch mit dem Einsatz von Matching-Systemen, also Datenbanken, die die Interessen- und Lebensprofile der Kontaktsuchenden vergleichen und diejenigen miteinander bekannt machen, die die größten Schnittmengen aufweisen. Freilich bleibt die Domäne des weltumspannenden Computernetzes die Anbahnung von Bekanntschaften – und überlässt es den Menschen, in den nächsten Schritten jenes Vertrauen zu schaffen, das sie so schmerzlich vermissen.

Die Makler des Vertrauens jedoch gehen über das bloße Herstellen von Kontakten deutlich hinaus. Sie sorgen dafür, dass wir uns in Räumen bewegen können, die so geschützt und damit Vertrauen erweckend sind, dass wir vollkommen sicher sein können, in unseren Gegenübern zwar fremden, aber vertrauenswürdigen Personen zu begegnen.

Eine Art Nukleus dieser neuen Räume des Vertrauens stellen jene privaten Lounges dar, die derzeit überall in Deutschland entstehen. Zu diesen Clubs haben nur Menschen Zutritt, die eingetragenes und nicht ganz unvermögendes Mitglied sind, die also vorab einer gewissen sozialen Kontrolle unterzogen wurden. Diese Lounges sind von der Öffentlichkeit abgeschirmt, aber durchaus mit Hilfe eines Mitglieds auch für Fremde erreichbar und stellen eine Mischung aus Büro und Wohnzimmer dar, die auch über eine Küche, eine Bar und ein Zigarrenlager verfügt. In ihnen soll sich eine Atmosphäre der Entspanntheit, der konzentrierten Arbeit und der Halbprivatheit entwickeln, die einen wesentlichen Teil ihrer Glaubwürdigkeit dem Gefühl des Vertrauens verdankt. Einen Schritt weiter sind die so genannten Social Clubs, wie sie sich beispielsweise in London und New York etabliert haben. Diese Clubs wenden sich an Frauen wie Männer gleichermaßen und sollen über das Geschäftliche hinaus als Orte dienen, an denen das „pure“ soziale Leben Platz findet. Das Spezifikum dieser Clubs besteht darin, Vertrauen zu stiften, indem sie Menschen ähnlicher sozialer Herkunft und Einkommenslage zueinander bringen – sie ähneln also deutlich mehr einem erweiterten Familienverband als einer öffentlichen Einrichtung. Eine Variante dieser Clubs sind jene Einrichtungen, die sich vorgeblich unseres körperlichen Wohlergehens annehmen, Beispiel Gesundheitshotels. Im Grunde jedoch verkaufen sie ihren Besuchern gute Gefühle und das tiefe Vertrauen, sich in wohlmeinende, rundum vertrauenswürdige Hände begeben zu haben, in einen schützenden Kokon, den ansonsten nur die Familie und letztlich nur unsere Mütter zu bieten imstande sind.

Neben diesen Maklern eines existenziellen Vertrauens scheint das Entstehen von Spezial-Vertrauensmaklern durchaus plausibel. Als frühes Beispiel kann jener Moritz Hunzinger dienen, der uns im Sommer beschäftigte, weil der damalige Verteidigungsminister über seine engen Kontakte zu ihm stolperte – für jemanden wie Hunzinger, der mit dem Knüpfen menschlicher Beziehungen seinen Lebensunterhalt verdient, eine tragisch-ironische Entwicklung. Wie Hunzinger als Kerngeschäft das Herstellen von Vertrauen zwischen Industrie und Politik betreibt, so könnten sich eine ganze Reihe zusätzlicher Varianten dieser Form von Beziehungsstiftung etablieren (so sie es nicht schon haben): Wissenschaft-Wirtschaft, Kultur-Politik, Politik-Politik.

Am leichtesten entdecken wir jene Zeichen, die uns durch das Leben lotsen, wenn wir uns vorstellen, wir würden durch ein Land reisen, dessen Sprache wir nicht sprechen und dessen Schrift wir nicht lesen können. Beim Versuch, uns zu orientieren, werden wir nach jenen wenigen Zeichen suchen, die uns vertraut sind und die es bis in diese entlegenen Gebiete geschafft haben: Namen wie „Coca-Cola“ oder „Levi’s“, „McDonald’s“ oder „IBM“, mit einem Wort: Marken multinationaler Konzerne. Ob nun in fremden Ländern oder in heimischen Städten: Diese Marken, diese Signale des Wiedererkennens sind es, die uns sagen: Du kannst mir vertrauen!

Warum wir Promis brauchen

In der Regel kennen wir sie seit Kindertagen und gehen mit ihnen Tag für Tag um, indem wir sie verwenden oder einfach trinken. Weil sie zu einem Teil unseres Lebens geworden sind, haben sie jene Fremdheit verloren, die dem ganzen unübersehbaren Berg an käuflichen Waren ansonsten eigen ist, sie sind gleichsam Familienmitglieder geworden. Auf diesem Gefühl beruht übrigens auch unsere Überzeugung, ein Recht darauf zu haben, alles über Prominente zu erfahren und in gewisser Weise über sie zu verfügen, denn: Indem sie uns tagtäglich in den Medien begegnen, sind sie zu jenen vertrauten Größen geworden, die wir brauchen, um uns im unübersichtlichen Basar unseres Alltags zurechtzufinden.

Eine globalisierte Kette wie McDonald’s bietet noch eine zusätzliche emotionale Botschaft. Sie lautet: Hier bist du zu Hause. Die Hamburger-Kette schafft das deshalb, weil sie an jedem Ort der Welt nicht ein anderes Restaurant errichtet, sondern das eine, universale Restaurant stets von neuem. Kennen wir eine Filiale, kennen wir alle. Dabei geht es nicht um einzelne bauliche Details, sondern vielmehr darum, dass jeder Fischmäc und jeder Milchshake überall gleichermaßen zu haben ist, er überall gleich aussieht und überall gleich schmeckt. In einer fremden Kultur in ein McDonald’s-Restaurant zu gehen, ist, als würde man sich aus der fremden Umgebung in eine Art Wurmloch begeben und nach Hause zurückkehren, in seine Kindheit. In dem Augenblick, in dem wir solche bis ins letzte Detail vertrauten Räume betreten, verkindlichen wir. Darin liegt der eigentliche Geschäftskern dieser multinationalen Kette – Hamburger braten können im Zweifel andere bessere, aber wer ist schon an Hamburgern interessiert, wenn er zu McDonald’s geht? Die amerikanischen Buletten-Brater haben damit das Erbe der katholischen Kirche angetreten und ihrer lateinischen Messen, die sie einst überall auf der Welt lesen ließ. Welch irritierende Ironie.

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