Zeitung Heute : Gefühlen auf der Spur

Winfried Menninghaus

Tiere sind „Realisten“. Sie verlieben sich nicht, wie Narcissus, in ihr eigenes Bild. Und sie verlieren sehr bald jedes Interesse, sobald sie erkennen, dass das Bild eines Artgenossen oder eines Feindes eben „nur“ ein Bild ist. Beim Menschen dagegen kann sogar Verliebtheit – wie im Märchen vom Prinzen, der heillos einem schönen Frauenbild verfällt – durch eine reine Repräsentation ausgelöst werden.

Das Forschungsprogramm des Exzellenzclusters „Languages of Emotion“ geht von der Annahme aus, dass große Bereiche menschlicher Affektivität nur verstanden werden können, wenn man sie mit den besonderen Leistungen des menschlichen Symbolisierungsvermögens zusammendenkt. Wir reagieren affektiv nicht allein auf das, was unsere Zeichensysteme darstellen, sondern auch auf deren materiellen Eigenwerte: ein reiner Ton, ein Farbwert, eine Linie, eine abstrakte Raumform – sie alle sind in der Lage, Affekte auszulösen.

Die enge Verbindung von Symbolgebrauch, Affekt-Transfer, Imagination, ästhetischen Praktiken, psychischen Dispositionen und Konstruktion personaler wie sozialer Identitäten ist der Gegenstand des Clusters an der Freien Universität Berlin.

Er widmet sich vier Forschungsbereichen: (1) den Beziehungen von Emotionen und verschiedenen Darstellungsmedien wie Sprache, Ton und Bild, (2) den spezifisch künstlerischen Praktiken und Poetiken der Affektdarstellung, (3) den Korrelationen von emotionaler und sprachlicher Kompetenz sowie den Affekt-gestützten Weisen narrativer Selbstentwürfe und (4) den Affektmodellierungen auf der Ebene kultureller Codes und sozialer Verhaltens- beziehungsweise Identitätsmuster.

Der Cluster bündelt wissenschaftliche Kompetenz aus mehr als 20 geistes-, sozial- und naturwissenschaftlichen Disziplinen.

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