Zeitung Heute : Gefühlte Unsicherheit

Der Amoklauf in Berlin schockiert die Deutschen – und wirft Fragen an die WM-Organisatoren auf

André Görke

Früher war es an den Stadionkassen einfach. Da steckten die Fußballfans ihren Böller in ein Schinken-Baguette und liefen so an den Ordnungskräften vorbei. So einfach geht es jetzt nicht mehr: Die Sicherheitsleute an den Kassen lassen jetzt auch Brötchen aus der Aluminium-Folie auspacken. „Wir tasten ab, wir schauen sogar in Zigaretten-Schachteln, unter Mützen, wir gucken, ob der Kugelschreiber wirklich ein Kugelschreiber ist“, sagt ein hochrangiger WM-Sicherheitsexperte. „Aber was sollen wir machen, wenn ein Wahnsinniger etwas im Schritt versteckt?“

Absolute Sicherheit ist bei einer Massenveranstaltung nicht möglich. Das hat Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) nach dem Amoklauf am Hauptbahnhof sehr deutlich gemacht und auf populistische Sprüche verzichtet. Ein 16-Jähriger hatte nach der Eröffnungsfeier in der Nacht zur Sonnabend 35 Personen mit einem Messer verletzt. Der Schock saß tief, auch weil in elf Tagen das nächste Großereignis ansteht: Zum Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft am 9. Juni werden mehr als 100 000 Menschen auf der Berliner Fanmeile erwartet. Sie sollen gemeinsam feiern und die Spiele auf fünf Großbildleinwänden anschauen können.

Hat der Amoklauf nun Folgen für die Sicherheitsmaßnahmen? Nein – weil die Experten auch dieses Szenario schon vorher durchgespielt haben und somit an ihrem Konzept festhalten können.

„Wir haben im Rahmen unserer morgendlichen Sitzungen im OK-Hauptquartier in Berlin natürlich auch über den Amoklauf am Hauptbahnhof gesprochen“, sagt Gerd Graus, der Sprecher des WM-Organisationskomitees (OK). Am Sicherheitskonzept müsse aber nichts verändert werden, „da solche Fälle natürlich bedacht waren und in unseren Konzepten ihren Niederschlag fanden“. Helmut Spahn, der Sicherheitschef des Organisationskomitees, sagte, es sei unheimlich schwer, einen „irrational handelnden Menschen“ in der Masse zu kontrollieren. Zugleich warnte Spahn vor allgemeiner Panik.

Der Tiergarten wird während der WM auf einer Länge von fünf Kilometern eingezäunt und von vier bis sechs Kameras videoüberwacht. Um den Zustrom auf das Gelände zu kontrollieren, werden bis zu 14 Eingänge errichtet. Dort stehen Ordnungskräfte, die in Rucksäcke oder Tüten schauen, um Flaschen oder Wurfgeschosse herauszunehmen. Doch abgetastet werden die Gäste nur im Verdachtsfall – aus Gründen der Relation.

„Wenn sie Zehntausende wie am Flughafen durchchecken wollen, müsste man 24 Stunden vor dem Anpfiff kommen“, sagte Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) wenige Tage vor dem Amoklauf in einem Tagesspiegel-Interview. „Wir bauen keinen Mauerstreifen um das Fanfest.“ Das sei schließlich eine WM und nicht der Kalte Krieg.

Die Menschen sollen so ausgelassen feiern, wie sie es auf dem Oktoberfest machen, beim Baumblütenfest oder bei der Silvesterfeier am Brandenburger Tor. „Dort kommen eine Million Menschen, die wir auch nicht alle abtasten“, sagt Rainer Wohlthat, dessen Agentur den Sicherheitsdienst der Fanmeile organisiert. Morgen treffen sich die Experten noch einmal mit dem Senat. „Wir müssen prüfen, ob wir an unserem Sicherheitskonzept festhalten können“, sagt Wohlthat. „Aber ich bin überzeugt, dass das Grundkonzept zur WM standhalten wird.“

Mehr als 100 Ordner würden allein die Eingänge kontrollieren; exakte Zahlen will er am Mittwoch nennen. Bei Silvesterfeiern setzt Wohltat „bis zu 400 Ordner“ ein. In den WM-Stadien sind es noch viel mehr, dort werden alle Fans gründlich abgetastet. Die Arenen gelten als sicher, weil sie besser abgeschirmt sind. „Auf jeden Fall besteht ein erheblicher Unterschied zwischen einem kontrollierten Gelände wie einem WM-Stadion und einem öffentlich zugänglichen Bereich, wie es beispielsweise das Gelände um den Hauptbahnhof in Berlin darstellt“, sagt OK-Sprecher Graus.

Natürlich kann man noch mehr Sicherheit schaffen: Man kann nachts den gesamten Tiergarten mit großen Scheinwerfern ausleuchten. Man kann jedes der mehr als großen 300 Fußballfeste so scharf bewachen wie einen Check-In-Schalter am Flughafen. Man kann überall Alkoholverbote verhängen, auch auf den vielen WM-Kulturveranstaltungen und bei Open-Air-Konzerten. Man kann auch jedem Zuschauer den Gürtel abnehmen, weil Hooligans aus Südeuropa damit zunehmend häufiger zuschlagen. Dann kann aber jeder zu Hause bleiben.

Ein Restrisiko bleibt immer, trotz aller Planung. Die WM-Vorbereitungen seien „so gründlich, so umfassend, so sorgfältig, wie sie noch nie bei einem Ereignis vergleichbarer Größenordnung gewesen sind“, sagte Innenminister Schäuble in der ARD. „Was immer getan werden kann, um Risiken auszuschließen, ist getan worden und wird getan werden.“

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