Zeitung Heute : Gefühlte Wirklichkeit

Die Geldbeutel der Menschen wurden geschröpft, sagt der DGB. Wie haben sich die Nettolöhne entwickelt?

Antje Sirleschtov

Die meisten Arbeitnehmer kennen dieses Gefühl: Obwohl man seit mehreren Jahren in kleinen Schritten mehr Lohn oder Gehalt erhalten hat, bleibt der Eindruck zurück, am Monatsende immer weniger Bares auf dem Konto zu haben. Gefühlte Preissteigerung wird das genannt, und jeder, der sein eigenes Einkommen und dessen jährliche Steigerungsrate mit den Inflationsraten vergleicht, stellt fest: Vom Brutto bleibt den Arbeitnehmern in vielen Fällen heute weniger Netto übrig, als das noch vor zehn Jahren der Fall war. Das ist immer dann so, wenn die Inflation über dem jährlichen Zuwachs des Gehaltes oder des Lohnes liegt. Aber auch dann, wenn die Sozialversicherungsbeiträge ansteigen. Oder auch nur, wenn man Lohnerhöhungen bekommt, die durch die Progression in der Steuertabelle zu höheren Abgaben und damit zu einem niedrigeren Nettolohn führen. Es sind also eine Fülle persönlicher Gründe dafür ausschlaggebend, ob man im Laufe von zehn Jahren einen mehr oder weniger großen Zuwachs beim Nettolohn spürt.

Statistisch hochgerechnet auf die gesamte Bevölkerung sagen solche Zahlen allenfalls etwas über die Stabilität einer Volkswirtschaft aus. Zu panischen Reaktionen der Art, die Deutschen würden immer ärmer, taugen Statistiken selten. So zieht die „Bild“-Zeitung vom Montag eine Statistik der Nettorealverdienste der deutschen Arbeitnehmer aus dem Statistischen Taschenbuch des Bundesarbeitsministeriums heran und liest aus ihr, dass die Nettolöhne der Deutschen heute so hoch seien wie vor 20 Jahren. Jeder, der seinen Nettoverdienst aus frühen Jugendtagen (dem Jahr 1986) mit dem heutigen vergleicht, wird feststellen, dass das natürlich Quatsch ist. Und vor allem: Welche Schlussfolgerungen lassen sich aus einer solchen Statistik ziehen?

Richtig ist, dass der sogenannte Nettorealverdienst der Deutschen je beschäftigtem Arbeitnehmer mit rund 15 800 Euro im Jahr 1986 in etwa so groß war wie 2006. Und richtig ist auch, dass die Abgaben, die jeder Beschäftigte 1986 mit 5600 Euro tätigen musste, viel geringer waren als heute mit 9300 Euro. Aber was heißt das schon? Zum einen lag 1990 – also inmitten des Betrachtungszeitraumes – die deutsche Einheit. 16 Millionen Menschen wurden damit auf einen Schlag Teil der Statistik. Sie haben schlecht verdient, waren jedoch Grund für drastisch ansteigende Sozialbeiträge (zur Erinnerung: Die Regierung Kohl entschloss sich, die deutsche Einheit aus den Sozialversicherungskassen und nicht aus dem Steuersystem zu finanzieren). Statistisch heißt das: kaum Zuwachs, den allerdings durch mehr Köpfe teilen. Und politisch drängt sich die Frage auf, ob die Einheit rückgängig gemacht werden sollte, nur damit in der Statistik ein durchschnittlicher Anstieg des Nettorealverdienstes zu verzeichnen ist. Allerdings bliebe auch dann noch unberücksichtigt, welchen Einfluss die Alterung der Bevölkerung auf die Statistik haben und die zunehmenden Änderungen auf dem Arbeitsmarkt (heute gelten viel weniger Menschen als statistisch relevante „beschäftigte Arbeitnehmer“ als 1986).

Wie der Nettorealverdienst gesteigert werden kann? Auch dafür gibt es verschiedene Wege. „Die Geldbeutel der Menschen wurden in den vergangenen Jahren geschröpft“, sagte DGB-Chef Michael Sommer. Daher forderte er für die anstehenden Tarifrunden einen vernünftigen Anstieg der Bruttolöhne. Das sei nötig, damit die Menschen einen „gerechten Anteil am erwirtschafteten Einkommen bekommen“, sagte er am Montag in Berlin. Sommers Forderung schloss sich auch SPD-Chef Kurt Beck an. Doch dieser Weg könnte zum statistischen Bumerang werden, wenn durch all zu hohe Abschlüsse Stellen verloren gehen. Eine andere Möglichkeit wäre, die Steuer- und Abgabenbelastungen zu senken – dazu bräuchte es jedoch politisch mehrheitsfähige Vorschläge für Kosteneinsparungen, die dann auch umgesetzt werden.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar