Zeitung Heute : gegen Armut Pille

Wer schluckt schon freiwillig harte Medikamente? Leute, die dringend Geld brauchen. Das Tagebuch eines Versuchskaninchens.

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DER LETZTE TAG

Endlich wieder Luft, endlich allein. Kein NVAKalle mehr, kein Pelz-Rudi und auch kein Bayern-Alois. Von wegen, „der beste Ficker der Welt“. Idioten. Zwölf Tage sind einfach zu viel. Heute Morgen Gewichtsmessung und Blutabnahme, gefrühstückt, die Tasche gepackt. Dann der Scheck über 1000 Euro.

Begonnen hatte alles mit einer Annonce in der „zitty“: „Probanden für klinische Studien gesucht. Gute Verdienstmöglichkeiten.“ Ich rief an. Eine Frauenstimme erklärte mir, dass man Freiwillige suche, die noch nicht zugelassene Medikamente einnähmen. Die Stoffe seien schon an Tieren getestet worden. Alles sei im Grunde harmlos. Nur Kinder zeugen solle man nicht in den ersten drei Monaten nach der Studie.

Sollte ich da mitmachen? Für die Südamerika-Exkursion mit der Uni käme mir das Geld gelegen. Dennoch zweifelte ich. Im Grunde ist das doch Prostitution, dachte ich. Willst du für die Pharmaindustrie auf den Strich gehen? Tabletten schlucken, die dich zum Mutanten machen? Dann aber sagte ich mir, dass man sich doch täglich Risiken aussetzt: gespritzte Erdbeeren, Röntgenstrahlen, genveränderter Mais – da kennt man die Langzeitwirkung auch nicht.

Ich ließ mich von der Dame als wenig rauchenden Endzwanziger in die Kartei aufnehmen. Einen Monat später meldete sie sich: Ein Mittel gegen Diabetes solle getestet werden. Man müsse zwei Wochen mit einer Gruppe auf dem Klinikgelände verbringen. 1500 Euro würden gezahlt. Der „Probandenaufklärung“, die sie mir schickte, entnahm ich, dass das Mittel die Empfindlichkeit der Organe für Insulin steigere. Als mögliche Nebenwirkungen seien bereits „Kopfschmerz, Bauchschmerz, Blähungen, Durchfall, Schwindel, Blässe, Schlaflosigkeit, Nervosität, Stimmungsschwankungen, Herzklopfen, Schwellungen, Schmerzen im Knie, Juckreiz und Hautausschlag“ aufgetreten. Die Semesterferien hatten gerade begonnen. Ich sagte zu.

ERSTER TAG

Ich packe ein paar T-Shirts, eine leichte Hose, einen Pyjama, CD’s und Bücher ein. Seit 72 Stunden habe ich weder Alkohol noch Kaffee getrunken. Selbst Mohnbrötchen waren verboten, weil der Mohn den Drogentest beeinflussen kann. Treffpunkt ist die zweigeschossige Villa der mit den Studien beauftragten Firma. Es ist 7 Uhr 30. Wir sind vier Frauen und vier Männer. Keiner sagt was. Ich frage mich, wer zur Placebo-Gruppe gehört. Per Zufall wurde darüber entschieden. Die Placebo-Verabreichung nütze der „Abgrenzung zufälliger Befindlichkeitsstörungen“, hatte der Arzt gesagte. Es folgen Blutabnahme, Gewichtskontrolle, Urinprobe. Jeder bekommt eine Identifikationskarte. Sie sei zum Essenholen, erklärt die Schwester. Auch um aufs Klo zu gehen, brauche man die Karte. Man wolle überprüfen, wie oft einer pinkelt. Mir fällt auf, dass in den Gängen und Besuchsräumen Kameras befestigt sind. Wohl, damit niemand Essen einschmuggelt oder heimlich raucht. Wer außerhalb des Hauses erwischt wird, fliegt. Wir Männer kommen in ein Sechsbettzimmer. Zwei Probanden einer anderen Studie sind schon da. Sie murren. Einer schaltet den Fernseher ein. Bis zum Ende der Studie wird er fast ununterbrochen laufen. Ich gelte sofort als Intellektueller, weil ich etwas gegen Fernsehen am frühen Morgen habe.

Es geht los. Ein Pfleger kommt herein, bringt Elektroden an unseren Oberkörpern an. Das erste EKG. Rudolf, ein etwa 40-jähriger Vollbartträger, hat mächtig viele Haare auf der Brust. Er soll rasiert werden, weil sonst die Saugnäpfe nicht haften. Doch er will nicht. Der Pfleger droht, den leitenden Arzt zu holen. Rudolf lässt sich widerwillig Löcher in den Pelz schneiden. Um zehn Uhr Frühstück: 500 Milliliter fettreiche Flüssignahrung mit Orangengeschmack. Wir werden beaufsichtigt vom leitenden Arzt und fünf Vertretern des Auftraggebers der Studie: ein US-Pharmaunternehmen. Der Chefarzt prahlt: „Unsere Studien sind effektiv durchstrukturiert und werden kompetent durchgeführt.“ Die Amerikaner glotzen uns an wie Affen im Zoo. Derselbe Arzt hatte bei der Einführung gesagt, dass wir unsere Teilnahme an der Studie als Dienst an der Menschheit begreifen sollen. Um 14 Uhr Mittagessen. Sitze mit Alex zusammen. Er sagt, er sei zwei Mal pro Jahr hier, um sein Studium zu finanzieren.

ZWEITER TAG:

6 Uhr 30. Neue Elektroden werden befestigt. Sie sind für eine Untersuchung, die der Pfleger „Telemetrie“ nennt. Ich frage nicht, was das bedeutet. Am Ende der Elektroden ist ein kleiner Sender befestigt. Er sendet Daten über unsere Blutströme direkt an einen Computer. Anstelle von Frühstück gibt es Tabletten. Heute sei der erste „richtige“ Tag der Studie, sagt der Pfleger. Alle halbe Stunde wird Blut abgenommen und der Blutdruck gemessen.

DRITTER TAG:

Wer sind diese Leute? Jede Stunde kommen neue Pfleger oder Assistenzärzte. Sie nehmen den Puls, zapfen Blut, bringen Döschen für die Urinproben. Keiner stellt sich vor. Beim Abendessen lerne ich Malte kennen. Er sagt, er habe schon an zwölf Studien teilgenommen. Er nehme dafür Urlaub. Vielleicht will Malte nicht zugeben, dass er arbeitslos ist. Um an einer Studie teilzunehmen, braucht man Zeit. Die Probanden sind oft Studenten, Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger oder Hausfrauen. Unter ihnen scheint es einen harten professionellen Kern zu geben. Zwischen den Studien ist eine mindestens dreimonatige Pause vorgesehen. Damit diese eingehalten wird, gleichen die Berliner Unternehmen ihre Teilnehmerdaten ab. Eine deutschlandweite Datenbank gibt es nicht. Wenn meine Zimmergenossen nicht fernsehen, spielen sie Mensch-ärgere-dich-nicht.

VIERTER TAG:

Morgens Gewichtskontrolle, Blutzuckertest. Ich lese und höre Musik. Am Abend spiele ich mit meinen Zimmergenossen Karten. Wir sind der skrupellosen Pharmaindustrie und einer Bande dummer Pfleger ausgesetzt. Das schweißt zusammen. Als das Licht ausgeschaltet wird, horche ich in mich hinein. Eigentlich fehlt mir nichts. Andere klagen über Kopfweh oder Übelkeit. Einer ist bei der Blutabnahme umgekippt. Aber mir geht es gut, das Medikament scheint keine Nebenwirkungen zu haben. Vielleicht gehöre ich zur Placebo-Gruppe. Über die Risiken redet hier keiner. Ich schiebe den Gedanken zur Seite.

FÜNFTER TAG:

Um kurz vor sieben eine Fata Morgana. Eine hübsche Medizinstudentin weckt uns. Wir werden gewogen. Habe drei Kilo abgenommen, ohne körperliche Betätigung. Nach der Medikation muss ich den Mund aufmachen und die Zunge heben. Ein Arzt kontrolliert, ob ich die Tablette tatsächlich geschluckt habe. Wieder Telemetrie. Frühstück gibt es im Bett. Das Mittagessen fällt mager aus: vier Kartoffeln, garniert mit verblichener Petersilie. Abends fernsehen. Auf der Toilette riecht es nach Zigarettenrauch. Nicht mal die Hälfte der Tage ist vergangen.

SECHSTER TAG:

7:30: Aufstehen

7:44: Wiegen (88.2 Kilogramm)

7:51: EKG und Blutdruck, Puls. Normal

8:02: Blutzuckertest: 4.1. Okay

8:44: Medikation

9:56: Vollkornbrötchen, Schrippe, je zwei Scheiben Mortadella und Käse, 20 Gramm Halbfettmargarine, 30 Gramm Kirschmarmelade, Quark mit Pfirsichstückchen. Kaffee mit Milch und zwei Süßstofftabletten.

10:21: Blutzuckertest: 4.3. Okay

13:44: Blutzuckertest. Okay

13:50: Eintopf mit Fleischbrocken, zwei Birnen

14:30: 20 Minuten Spaziergang unter Aufsicht auf dem Krankenhausgelände.

18:51: Abendessen

21:51: Joghurt

22:51: Schlafen

SIEBTER TAG:

Siehe sechster Tag.

ACHTER TAG:

Wie ich während der Besuchszeiten beobachten konnte, haben viele der männlichen Probanden südostasiatische Frauen. Im Internetraum habe ich gesehen, dass ausgiebig nach Billigflügen Richtung Thailand geforscht wurde. Ich vermute, die Medikamentenstudien sprechen sich in solchen Kreisen herum. Habe fünf Mal hintereinander gegen Pelz-Rudi beim Schach gewonnen. Er ist am Boden zerstört. Sicherlich wird er jetzt Mensch-ärgere-dich-nicht gegen Alex spielen. Gegen ihn gewinnt er.

NEUNTER TAG

Die Eintönigkeit drückt aufs Gemüt. Lerne am Vormittag auf dem Gang Heinrich kennen. Er ist 50 Jahre alt, Zauberkünstler, Maler, Klavierspieler, Polsterer und Kampfsporttrainer. Warum nimmt er an einer Medikamentenstudie teil? Er sagt, er schlucke die Tabletten nicht, sondern lasse sie verschwinden. Heinrich erzählt, er steige nachts aus dem Fenster und gehe auf dem Klinikgelände spazieren. Ich bin ständig müde.

ZEHNTER TAG

Assistent Kalle stürmt um 6 Uhr 30 ins Zimmer, schaltet das Neonlicht ein und fährt den Rechner hoch. Kalle benimmt sich, als wäre er noch immer Unteroffizier der NVA. Mittags macht Kalle einen schweren Fehler. Für drei meiner Zimmergenossen ist Spezialdiät angesagt. Doch Kalle serviert normales Essen. Er beschuldigt die Frau an der Essensausgabe.

ELFTER TAG

Bettruhe bis 17 Uhr. Ich spüre noch immer keine Nebenwirkungen. Auf dem Gang treibt Alois aus Bayern sein Unwesen. Er hat fettige lange Haare, trägt Jogginghose und Badeschlappen. Er greift sich in den Schritt, wenn er mit den Schwestern spricht, und sagt, er sei der „beste Ficker der Welt“. Im Haus geht das Gerücht, er habe Porno-DVD’s dabei, die er sich auf seinem Laptop anschaue. Morgen komme ich endlich hier raus. In fünf Tagen ist die Nachuntersuchung. Dann gibt’s noch mal 500 Euro.

Aufgezeichnet von Philipp Lichterbeck

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