Zeitung Heute : Gegen das Sterben

Hilfsorganisationen bangen um die Zivilbevölkerung

Jan Dirk Herbermann[Genf]

Soldaten sterben bei Kampfhandlungen, sie werden im Gefecht verletzt, das ist das Risiko ihres Berufes. Die Zivilbevölkerung leidet – in den meisten Fällen – unschuldig. Je länger der Krieg dauert, desto mehr werden die Leiden der Zivilisten.

Die Wasserversorgung funktioniert praktisch im ganzen Land notdürftig, tausende Bewohner Bagdads flüchten vor dem Kriegsinferno und den Krankenhäusern der Hauptstadt droht der Kollaps. Zudem können die verbliebenen internationalen Helfer nur notdürftig helfen, weil sie die zivilen Opfer des Krieges wegen der Kampfhandlungen schlecht erreichen können. Nach Berichten des Rot-Kreuz-Teams in Bagdad fiel am Dienstag im größten Krankenhaus der Stadt zum wiederholten Male der Strom aus. Die Sanitäter liefern „ununterbrochen Kriegsverletzte“ ein – pro Stunde seien es an die 100.

„Das Personal arbeitet bis zur totalen Erschöpfung“, berichtet Roland Huguenin-Benjamin, einer der letzten Rot-Kreuz-Helfer, die in Bagdad ausharren. Doch seien Ärzte, Assistenten und Schwestern auf den Ansturm so gut es geht vorbereitet. Dennoch: In den vier großen Krankenhäusern der Millionenmetropole würden die Verletzten oft unter der Hand der Ärzte wegsterben. Es müsse mit Dutzenden von Toten gerechnet werden, sagte Huguenin-Benjamin.

Erschwert würde die Lage in den Hospitälern durch den Mangel an medizinischem Gerät und dem an Betäubungsmitteln. „Seit Beginn des Kriegs vor nahezu drei Wochen konnte kein Konvoi mit Nachschub für die Hospitäler mehr die Stadt erreichen“, sagte WHO- Sprecher Ian Simpson.

Immer fluchtbereit

Attacken auf Hospitäler gab es nach Angaben der Rot-Kreuz-Zentrale in den vergangenen Tagen nicht mehr. Mitte vergangener Woche war eine Anlage unweit Bagdads schwer beschädigt worden.

Laut der Rot-Kreuz-Delegation in Bagdad versuchen viele Bewohner den Kämpfen dort zu entkommen: Selbst innerhalb der Stadt würden die Menschen an vermeintlich sicheren Orten Zuflucht suchen. Die Devise laute: So weit weg wie möglich von der Frontlinie. Deshalb übernachteten Familien sicherheitshalber in ihren Autos am Straßenrand, um jederzeit die Flucht fortsetzen zu können. Nach Angaben David Wimhursts von der UN-Koordination für den Irak in Amman, haben bisher mindestens 10000 Menschen das Stadtgebiet verlassen. In einem Gebiet nahe der iranischen Grenze irrten immer noch rund 30000 Iraker umher. „Allerdings haben wir keine ganz präzisen Zahlen“, erklärt Wimhurst.

Im Süden, sagt IKRK-Mitarbeiterin Antonella Notari, habe sich die medizinische Lage gebessert: Ein Hilfskonvoi des Roten Kreuzes konnte in Basra entladen werden. Epidemien seien bislang nicht ausgebrochen. Von einer „Gesundheitskrise“ wolle das Rote Kreuz in der Region deshalb nicht sprechen. Allerdings leidet jetzt praktisch das ganze Land unter einem Mangel an frischem Wasser. Das berichten übereinstimmend verschiedene Hilfsorganisationen. Auch bleibt die Versorgungslage mit Lebensmitteln prekär: Zwar könnten nach Angaben des Welternährungsprogramms (WFP) „voraussichtlich“ bis Anfang Mai Nahrungsmittel geliefert werden. Doch besonders im Nordirak drohten den Menschen noch harte Entbehrungen. Zurzeit nähert sich ein WFP-Hilfskonvoi aus der Türkei dem umkämpften Gebiet.

Hoffnungen setzt das WFP auf das „Öl für Lebensmittel“-Programm der Vereinten Nationen, das wieder gestartet wurde. Die heftigen Gefechte behindern allerdings eine reibungslose Verteilung der Nahrung. UN-Generalsekretär Kofi Annan, dem das Programm direkt untersteht, appellierte an die Kriegsparteien, seinen Helfern den Zugang zu den Bedürftigen zu gewähren. „Wo immer wir Zugang haben, werden wir helfen.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben