Zeitung Heute : Gegen den Glauben

Die pakistanische Regierung hat die Rote Moschee gestürmt. Dabei sind viele Menschen ums Leben gekommen – darunter auch der radikale Islamistenführer Ghazi. Welche Folgen hat das für die politische Stabiltät in Pakistan?

Ruth Ciesinger

Nach neun Tagen ist die Belagerung der Roten Moschee im Zentrum von Islamabad zu Ende gegangen – mit vielen Toten und noch mehr Verletzten, genaue Zahlen sind bisher nicht bekannt. Und was die Stürmung durch die Armee sowie der Tod des Islamistenführers Abdul Rashid Ghazi für das weitere Vorgehen der Extremisten bedeuten, ist nicht abzusehen. Nach Einschätzung von Christian Wagner von der Stiftung Wissenschaft und Politik wird nun wohl jede Fraktion in Pakistan versuchen, so viel Kapital wie möglich aus der Situation zu schlagen.

Die MMA, ein Bündnis religiöser Parteien, hat für den kommenden Freitag zu einem Trauer- und Protesttag ausgerufen. Allerdings reagieren MMA-Vertreter spät. Erst nachdem die Armee mit der Stürmung begonnen hatte, bezogen sie eindeutig Position. Wohl deshalb, weil die Leiter der Moschee, Abdul Rashid Ghazi und Abdul Aziz, auch bei den Religiösen selbst nicht unumstritten waren. Daher ist ein Aufstand gegen die Regierung unwahrscheinlich – zumal auch die Mehrheit der Pakistaner für ein Vorgehen gegen die Rote Moschee war.

Die „Asia Times“ berichtet jedoch von Extremisten in den Stammesgebieten an Afghanistans Grenze. Aus dieser Region sollen 80 Prozent der Studenten der an die Moschee angegliederten Koranschulen gekommen sein. Dort sei die pakistanische Regierung in hoher Alarmbereitschaft und erwarte eine größere Militäroperation. Dietrich Reetz von der Humboldt-Universität in Berlin nimmt an, dass Extremisten jetzt versuchen werden, die „relative Schwäche“ des Regimes weiter herauszufordern. Es sei nicht auszuschließen, dass es zu neuen Konflikten komme. Bei einer direkten Konfrontation zwischen Islamisten und Regierung dürfte die Mehrheit der Bevölkerung trotz aller Kritik hinter dem Regime stehen, glaubt Reetz.

Auch die säkulare Opposition will mit der Erstürmung der Roten Moschee Wahlkampf machen. Die PML-N von Nawaz Sharif, der 1999 von Musharraf gestürzt worden war, erklärte, der Präsident wolle sich mit Hilfe einer vorgetäuschten islamistischen Bedrohung im Westen weiter unverzichtbar machen. Benazir Bhutto, Ex-Premier und Chefin von Pakistans größter Partei PPP, versucht aus dem Exil den Doppelschlag: Sie nennt das Vorgehen der Regierung richtig, warnt aber vor einer „Talibanisierung“ des Landes, sollte Musharraf für weitere fünf Jahre regieren. Während Benazirs Amtszeit unterstützte Pakistan in Afghanistan die Taliban.

Für die Regierung könnte der Sieg in der Roten Moschee nur von kurzer Dauer sein. Die Armee hat die Zahl der Getöteten auf 60 nach oben korrigiert, pakistanische Reporter befürchten mindestens 150 Opfer. Und die Regierung wird sich der Frage stellen müssen, warum sie so spät eingegriffen hat – und wie unter den Augen der Geheimdienste eigentlich so viele Waffen in die Moschee geschmuggelt werden konnten. Am Mittwoch jedenfalls durfte noch kein Zivilist das Gelände betreten.

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