Zeitung Heute : Gegen den Mainstream

Sebastian Gierke

Die CDU/CSU-Fraktion will eine Initiative zum „sprachlichen Verbraucherschutz“ starten – und so englische Ausdrücke zurückdrängen. Was kann die Politik zum Schutz der deutschen Sprache tun?


Sich den Make-up-Entferner in die Augen schmieren, bei „Sale“ im Schaufenster an einen Fluss denken, oder durch Bahnhöfe irren, weil es den „Meeting Point“ nur auf Englisch gibt: Die CDU/CSU-Fraktion im Bundestag ist sich sicher, dass das in Deutschland viel zu oft passiert. Deshalb haben vier Unionsabgeordnete gestern eine „Initiative sprachlicher Verbraucherschutz“ gestartet.

„Mindestens ein Drittel der deutschen Bevölkerung versteht kein Englisch“, sagt Erika Steinbach, Vorsitzende der Arbeitsgruppe Menschenrechte. Diese Menschen würden durch „verdenglischte“ Sprache im Alltag ausgegrenzt. Betroffen seien vor allem Menschen mit Migrationshintergrund und die Älteren. Julia Klöckner, Beauftragte für Verbraucherschutz ihrer Fraktion, hatte nun die schwere Aufgabe, Vertreter von Kultur, Verbraucherschutz und Wirtschaft mit einer Zunge sprechen zu lasse – natürlich auf Deutsch. Im lebhaften innerparteilichen Dialog einigte man sich schließlich auf drei Ziele: Die Bundesregierung soll sich verpflichten, eigene Publikationen in verständlicher deutscher Sprache abzufassen und damit eine Vorbildfunktion einnehmen. Außerdem soll sie auf Unternehmen im Bundesbesitz Einfluss nehmen – zum Beispiel auf die Bahn, deren Produktbezeichnungen als Paradebeispiele für zu viele Anglizismen gelten. Zum Dritten will die Union in Gesprächen an die Wirtschaft appellieren, Gebrauchsanweisungen auch in deutscher Sprache anzubieten.

„Uns geht es nicht um Sprachfundamentalismus“, sagt Klöckner. Eingedeutschte Wörter könnten guten Gewissens weiter verwendet werden. Es sei aber wichtig, auf verständliches Deutsch zu achten, wenn es um die Sicherheit der Menschen geht, meint Laurenz Meyer, wirtschaftspolitischer Sprecher seiner Fraktion. Wenn im Taxi „Fasten your seat belt“ statt „Bitte anschnallen“ stehe, werde es gefährlich. Der Privatwirtschaft könne und dürfe jedoch – zum Beispiel bei der Formulierung von Marketingstrategien – nichts vorgeschrieben werden.

Anders sei das bei Behörden. Diese hätten Vorbildcharakter. „Ein Begriff wie Gender Mainstreaming darf dort nicht einfach übernommen werden, nur weil irgendwelche Soziologen zu faul waren, das zu übersetzen“, forderte Meyer. Gitta Connemann, Vorsitzende des Enquetekommission des Bundestages, äußerte sich weniger pragmatisch. Sie sagte, die Deutschen würden zunehmend sprachlos, was sie auch auf ein gestörtes Verhältnis zum Patriotismus zurückführte. Dennoch dürfe Deutschland nicht, wie Frankreich, Anglizismen ganz ausschließen. Dort sei dieser Versuch mit dem erhobenen Zeigefinger bereits gescheitert.

Jetzt soll die SPD für einen gemeinsamen Antrag im Parlament gewonnen werden. Es wird aber schwer möglich sein, Verbindliches zu beschließen. Sprache ist Teil der Kulturpolitik und die ist Ländersache. Immerhin – bei Bahn-Vorstandsmitglied Otto Wiesheu hat Klöckner schon Gehör gefunden. Für das neue Produkt „touch and go“, Fahrkartenkauf über das Handy, habe dieser jetzt „Fummeln und Fahren“ vorgeschlagen.

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