Zeitung Heute : Gegen die Natur

Zehntausende Menschen müssen mit ansehen, wie die Jahrhundertflut ihre Existenz vernichtet. Städte und Dörfer stehen unter Wasser. Die Schäden sind horrend. Solche Katastrophen werden sich in Europa häufen, sagen die Forscher – es sei denn, die Gesellschaften denken langfristig und verringern ihren Energieverbrauch.

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Wir betrachten die Bilder der Fluten und sind entsetzt. Schlägt die Natur jetzt zurück, ist das ihre Rache für die Misshandlungen und Schädigungen unserer Umwelt während der letzten 200 Jahre? Schüttelt die Erde den Menschen nun ab wie ein lästiges Insekt, nachdem er sie lange genug attackiert hat?

Nein. Weltuntergangsstimmung muss nicht sein. Das Gerede von der „Sintflut" führt in die Irre. Denn wenn der Untergang dann ausbleibt und die Sonne wieder lacht, gehen alle mit verlegenem Lächeln schnell wieder zum Alltag über. Aber zum Nachdenken bringen sollten uns die Ereignisse der letzten Tage schon. Für den professionellen Beobachter hält sich die Überraschung über Fluten und Stürme in Grenzen: Dies entspricht genau den Szenarien, die von den Großrechnern der Klimaforscher ausgespuckt werden. Es sind eben nicht nur die „armen" Länder des Südens, die unter dem Klimawandel leiden werden. Auch unsere komplexen Industrienationen sind verwundbar – es muss nicht erst der Golfstrom kippen und uns eine neue Eiszeit bescheren, um es in Europa ungemütlich zu machen. Es wird künftig mehr von diesen extremen Wetterereignissen geben, darauf müssen wir uns einstellen. Die Versicherungen tun dies schon seit Jahren und beschäftigen ganze Abteilungen mit der Analyse der Klimaentwicklung.

Diese Fähigkeit zur Vor-Sicht geht uns normalerweise ab. Umso dringlicher, dass wir die Wetterkapriolen in Europa (Eisglätte bei Barcelona! Ein aufwärts fließender Fluss in Kroatien!) zum Anlass nehmen, über unser Verhältnis zum Kohlenstoff nachzudenken. Denn es ist vor allem dieser Stoff, der in Form von Kohle, Öl und Gas in der Erdkruste lagert, der uns die Klimaänderungen beschert. Was sich dort in Millionen Jahren abgelagert hat, darf nicht zurück in die Atmosphäre! Deshalb, so abgedroschen es auch für manche klingen mag, müssen wir unseren Kurs ändern – weniger Energie verbrauchen, effizienter wirtschaften und auf erneuerbare Energien umschalten. Viele Menschen haben das schon realisiert und versuchen, ihr Verhalten anzupassen. Und wenn selbst die Bild-Zeitung zur Umkehr mahnt, steht auch der Erleuchtung unserer Politiker und Unternehmer wohl nichts mehr im Wege. Hermann E. Ott

Der Autor ist Leiter der Abteilung Klimapolitik am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Das Institut gehört zu den profiliertesten Einrichtungen in Deutschland, die die Politik in Umweltfragen beraten.

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