Zeitung Heute : Gegen jedes Risiko

Der Anschlag auf Scheich Jassin wird nicht ohne Folgen bleiben. Aber welche? Eine Welle des Terrors wird über das Land gehen, sagen die einen. Scharon setzt sich durch, sagen die anderen.

Charles A. Landsmann[Tel Aviv]

MORD AN SCHEICH JASSIN – WAS DROHT IN NAHOST?

Von Charles A. Landsmann,

Tel Aviv

Ein gewaltsamer Tod mit Vorankündigung: Scheich Ahmed Jassin stand zuoberst auf der israelischen Liquidierungsliste. Er wusste dies nicht nur, er hatte vielmehr erst vor einigen Monaten eine israelische Attacke überlebt und entsprechende Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Und seit Ariel Scharons Sicherheitskabinett vor wenigen Wochen beschlossen hatte, dass „die Jagdsaison eröffnet ist“, war Jassins Leben akut bedroht.

Im vergangenen April verurteilte die UN-Menschenrechtskommission Israels „Praxis der Liquidierung und außergerichtlichen Hinrichtungen“. Für Völkerrechtsexperten ist Israels Vorgehen rechtswidrig. Sie verweisen auf die seit 1992 bestehende Mitgliedschaft Israels im „Pakt über bürgerliche und politische Rechte“ der Vereinten Nationen. Laut Artikel 14 des Abkommens hat jeder Beschuldigte Anspruch auf ein faires Verfahren. Als Mitglied der UN ist Israel an die Achtung der Menschenrechte gebunden. Ausnahme sei das Selbstverteidigungsrecht, mit dem der israelische Regierungschef Ariel Scharon die gezielte Tötung mutmaßlicher Attentäter rechtfertigt.

Die meisten israelischen Beobachter werten den Versuch Scharons, „nicht nur die kleinen Fische des Terrors und deren Züchter zu liquidieren, sondern auch die Haifische an der Spitze“, positiv. Gleichzeitig fügen fast alle hinzu, dass es nicht weise war, den Angriffsbefehl auf Jassin zu erteilen. Der Schaden für Israel dürfte größer sein als der Nutzen, glauben sie. Nicht nur kurzfristig, sondern auch über einen längeren Zeitraum.

Was bewegt Ariel Scharon?

Ahmed Jassin war die Hamas. Der Gründer, Patron, der Ideologe, geistige und geistliche Führer. Die Symbolfigur. Mit seinem gewaltsamen Tod stieg er zur palästinensischen Legende auf, zum palästinensischen Widerstands- und Freiheitskämpfer schlechthin.

Obwohl die israelische Führung dessen gewahr war, tötete sie ihn. Wohl aus der Überzeugung heraus, dass es in Wirklichkeit keinen Unterschied zwischen der ideologischen, der politischen, der sozialen und der militärischen Hamas-Führung gebe. Vermutlich auch aus der Überlegung heraus, dass langfristig die Ausschaltung der führenden Köpfe den Kampfeswillen, die Motivation, das Können der Terroristen innerhalb Hamas schwächen oder gar brechen werde. Dabei ignorieren die Israelis zudem die Tatsache, dass nach Jassin und seinesgleichen schlimmere, weil skrupel- und hemmungslosere Nachfolger den Kampf noch mörderischer führen könnten.

Scharon brauchte Jassins Liquidierung vor allem aus politischen Gründen. Er wollte so seinem nationalistischen Partei- und Regierungsflügel klar machen, dass sein Plan einer einseitigen Räumung des Gaza-Streifens keiner Kapitulation vor dem Terror gleichkommt, sondern einzig in Israels Sicherheitsinteresse liegt. Er demonstriert, dass er den Kampf gegen den Terror unabhängig von den politischen Entwicklungen, also auch seines Planes, weiterführen, ja intensivieren will. Das könnte ihm helfen, doch eine Mehrheit in den Entscheidungsgremien für seinen Plan zusammenzubekommen.

Ariel Scharon versteht sich auf Provokationen. Als Oppositionsführer löste er mit seinem Besuch auf dem Tempelberg die zweite Intifada aus – die Arafat sorgfältig vorbereitet hatte. Als Regierungschef stieß er sein ideologisches Gefolge mit dem einseitigen Rückzugs- und Räumungsplan des Gaza-Streifens vor den Kopf – im Wissen, dass er deshalb von diesen gestürzt werden könnte. Und nun riskiert er mit der Liquidierung Jassins terroristische Racheakte und eine Stärkung der Hamas unter den Palästinensern. Er geht das Risiko des größeren Chaos’ ein, weil er hofft, dass es ihm selbst gelingen wird, als Sieger daraus hervorzugehen.

Gleichzeitig gilt die strategische Planung für die Zukunft des Gaza-Streifens als wichtiger Grund für das Attentat. Danach versuchen die Israelis, alles zu tun, was eine Stärkung der Hamas in Gaza verhindert. Sie wollen um jeden Preis vermeiden, dass Hamas siegreich bleibt. Selbst wenn aus diesen gezielten Anschlägen keine Zurückdrängung resultierte, könnte Scharon – so die Vermutung – Erfolg haben: Sollte doch eine dauerhafte Schwächung die Folge sein, könnte vielleicht genügend Platz für andere Kräfte entstehen, die die Lücke füllen und deren Herrschaft über den Gaza-Streifen zu mehr Frieden führen könnte.

Scheich Ahmed Jassin war für Israel ein gefährlicher Gegner: sein soziales Engagement, seine Autorität, aber auch seine körperliche Gebrechlichkeit, verbunden mit seinem ungebrochenen Widerstandswillen machten ihn unter den Palästinensern, auch den Nichtislamisten, zu einer hoch geschätzten Führungspersönlichkeit.

Abdel Asis Rantissi, sein wahrscheinlicher Nachfolger, wird für Israel zum noch gefährlicheren Feind: skrupel- und kompromisslos, aggressiv bis zum Äußersten, hinterlistig und machtbewusst ist er der Mann, den die Terroristen als ihren heimlichen Kommandanten verstehen, den selbst Hamas-Parteigänger fürchten, der Angst und Schrecken auch unter seinen innerpalästinensischen Opponenten sät.

Israel wird, selbst wenn Rantissi nicht die alleinige Führung übernehmen sollte, von einer Terrorwelle überflutet werden. Aber nicht nur Israel. Jassin sorgte dafür, dass die Anschläge fast ausnahmslos in Palästina, also in Israel und den besetzten palästinensischen Gebieten verübt wurden.

Ab sofort, auch weil Hisbollah in der palästinensischen Szene Fuß gefasst hat, wird Hamas, werden die palästinensischen Islamisten ihr terroristisches Aktionsgebiet ausdehnen. Israelische und jüdische Ziele im Ausland werden nun anvisiert. Nicht nur bin Ladens Terror hat Europa erreicht, auch die mörderische Präsenz von Hamas wird spürbar werden.

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