Zeitung Heute : Gegen Personalabbau in den Kitas auf die Straße

Der Tagesspiegel

Von Susanne Vieth-Entus

Nach den Sparbeschlüssen des Senats kommt auf Berlin der erste Arbeitskampf zu. „Wir streiken!“, kündigte gestern GEW-Vorstandsmitglied Dieter Hasse an. Der Protest richtet sich gegen die Personalkürzungen in den Kindertagesstätten. Auch der Landeselternausschuss und Wissenschaftler der FU warnen davor, die Qualität der Kitas durch die Kürzungen zu gefährden. Schon sind hunderte Protestbriefe in der Jugendverwaltung eingegangen. Jugendsenator Klaus Böger (SPD) weist die Kritik allerdings zurück: „Es gibt keine Verschlechterungen für Eltern und Kinder“, teilte Bögers Sprecher Thomas John mit. Vielmehr sei es gelungen, eine Erhöhung der Elternbeiträge zu verhindern. Zudem werde es keine Einbußen bei der Betreuung der Kinder bis sechs Jahren geben.

Mit dieser Einschätzung steht der Senat allerdings allein da. Denn rund 500 Stellen werden allein dadurch eingespart, dass die Kita-Leiterinnen künftig verstärkt Betreuungsaufgaben übernehmen müssen. Bisher sind sie davon freigestellt, wenn ihre Kita mehr als 100 Kinder hat. In Zukunft liegt diese Grenze bei 167 Kindern. Dies bedeutet, dass die Leiterinnen weniger Zeit haben werden, um ihre eigentlichen Aufgaben zu erfüllen: Beratung der Erzieher, Organisation von Fortbildungen, Elternarbeit, Entwicklung neuer pädagogischer Konzepte.

Diese Sparmaßnahme provoziert insbesondere deshalb Widerspruch, weil von den Kitas mehr denn je verlangt wird, dass sie zur Qualitätsentwicklung und -sicherung beitragen. Den Kitaleitern kommt dabei die „zentrale Rolle“ zu, mahnen die FU-Wissenschaftler Christa Preissing und Wolfgang Tietze in einem Brief an Böger, Klaus Wowereit und Gregor Gysi. Sie erinnern auch daran, dass Berlin sich an der „ Nationalen Qualitätsinitiative“ für Kitas beteiligt, die vom Bundesbildungsministerium noch bis 2003 gefördert wird. Darüber hinaus kritisieren Preissing und Tietze die Personalkürzungen im Hortbereich. Hier sollen ebenfalls rund 500 Stellen bei öffentlichen und freien Trägern wegfallen, was bedeutet, dass rund ein Viertel der Horterzieher verloren geht. In der Folge wird die Betreuung der Sechs- bis Zwölfjährigen leiden. Die FU-Erziehungswissenschaftler weisen darauf hin, dass diese Kürzung im Widerspruch zu den Pisa-Ergebnissen steht. Denn Pisa habe doch gezeigt, dass Deutschland es weniger als alle anderen Staaten schafft, herkunftsbedingte Nachteile von Kinder auszugleichen.

Auch die Freien Träger wollen die Kürzungen nicht einfach „hinnehmen“, kündigte gestern die Liga der Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege an. Sie betreuen rund ein Drittel der Berliner Kinder, so dass rund 360 der 1100 wegfallenden Stellen ihre Einrichtungen treffen. „Der Pisa-Schock hat offenbar keinen Erkenntniszugewinn für den Senat zur Folge“, vermutet die Liga-Sprecherin Elfie Witten.

Krisenstimmung herrscht auch im Pestalozzi-Fröbel-Haus, das in Berlin elf Kitas und eine Erzieherfachschule betreibt. Schon jetzt müssten viele Kita-Leiterinnen bei der Betreuung einspringen, weil es praktisch keine Vertretungsreserve in den Kitas gebe, erzählt Marianne Hegge, die eine Kita mit 120 Kindern leitet. Zudem werde der Betreuungstag immer länger, weil Eltern ihre Kinder zunehmend länger in den Kitas lassen. Dies bedeute, dass die Personalkapazitäten „gestreckt“ werden müssten, um auch am frühen Morgen und späten Nachmittag verfügbar zu sein. „Die Erzieher geben sich die Klinke in die Hand“, sagt Brigitte Gerhold, Abteilungsleiterin im Pestalozzi-Fröbel-Haus.

In den nächsten Wochen wollen die Erzieher die Eltern informieren, um Zustimmung für den Streik zu erzeugen. Noch im April soll mit Warnstreiks begonnen werden.

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