Zeitung Heute : Gegen rechts: Moorhühner üben Zivilcourage

duda

Glupschaugen, buntes Gefieder: Das Moorhuhn ist unpolitisch und lässt sich von jedermann abknallen. Und nun "Moorhuhn gegen rechts"? Die Phenomedia AG aus Bochum, Heimat der Moorhühner, hat ein Original-Gemälde des Erfinders des digitalen Geflügels, Frank Ziemlinski, für 15 000 DM im Internet versteigert und übergab jetzt in Köln den Erlös je zur Hälfte an die Rockinitiative gegen Rechtsextremismus "Arsch huh" und an die Nordoff/Robbins-Stiftung für Musiktherapie.

Das wird nicht die letzte Aktion der Moorhühner sein, verspricht Stephan Pelster von Phenomedia. "Ballern gegen rechts - das fanden wir amüsant", so die Musiker der AG Arsch huh. Umso mehr, dass in einigen Spielvarianten die Hühner zurückschießen oder gar dem Jäger auf den Kopf.

Der Zusammenschluss verschiedener Bands wurde vor acht Jahren gegründet und nach dem BAP-Lied über Zivilcourage nach Kölscher Art "Arsch huh und Zäng ussenander!" benannt. Er unterstützt Jugend- und Flüchtlingsprojekte, organisiert Konzerte zu Gunsten ehemaliger Zwangsarbeiter, zuletzt "Zwangsweise Kölsch" im Frühjahr. Im Dezember gehen die Mitglieder in Schulen, machen dort Musik und diskutieren mit den Jugendlichen. Die Nordoff/Robbins-Stiftung ist eine Einrichtung der gesamten Musikbranche und finanziert unter anderem Musiktherapie für autistische Kinder.

"Moorhuhn gegen rechts" ist Teil der Kampagne "Z steht für Zivilcourage", die von der taz zusammen mit PopOnline GmbH und anderen Partnern organisiert wurde. Popmusik und Computerspiele sind heutzutage wichtige Interessengebiete der jungen Leute, so Ralf Plaschke, Geschäftsführer der PopOnline. Die Produzenten müssen zu ihrer Verantwortung stehen. Mit solchen Mitteln könne man am ehesten junge Leute "auf der Kippe" erreichen.

Der Kultvogel ist übrigens selbst Opfer von Neonazis aus den USA geworden. Vor kurzem erst gelang es der Phenomedia AG, mit Hilfe ihrer amerikanischen Anwälte eine Fälschung aus dem Netz zu verbannen, die Moorhühner mit Judenstern zum Abschuß freigab. Phenomedia wurde durch diesen Vorfall nicht nur in ihren Urheberrechten, sondern auch stark emotional getroffen, sagt Sprecher Ulf Hausmanns. Schließlich engagiere sich die Firma seit mehreren Jahren gegen radikale Tendenzen in der Gesellschaft und entwickle im Auftrag des Bundesinnenministeriums die Computerspiel-Serie "Dunkle Schatten". Das habe mit Ballern nichts zu tun, sondern sei ein inhaltlich anspruchsvolles Abenteuerspiel.

Der dritte Teil von "Dunkle Schatten" wird im November fertig und spielt in Berlin. In den beiden ersten Teilen ging es um Neonazi-Gefahr in einer Kleinstadt bzw. im Internet. Diesmal geschieht ein Mord unter Fußballfans. Der Spieler kann wahlweise in die Identität eines deutschen oder eines türkischen Jugendlichen schlüpfen und erlebt dementsprechend unterschiedliche Situationen, bei denen er mit Rechtsextremen in Berührung kommt. Das digitale Rollenspiel fordere Entscheidungen ab und zeige Möglichkeiten und Grenzen der persönlichen Einmischung, so die Macher.

Die Spiele waren nach seiner Einschätzung bisher ein voller Erfolg und wurden über zwei Millionen Mal angefordert. Die neue CD-ROM wird wie die Vorgänger kostenlos an Schulen verteilt. Darüber hinaus sucht Phenomedia Partner, die bereit sind, die CD-ROM etwa Computerzeitschriften beizulegen oder auf Konzerten unters Volk zu bringen

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben