• Gegen zu viel Pilz hilft nur noch Alkohol Chemische Keulen helfen nicht immer, um Wohnungen nach dem Winter trockenzulegen

Zeitung Heute : Gegen zu viel Pilz hilft nur noch Alkohol Chemische Keulen helfen nicht immer, um Wohnungen nach dem Winter trockenzulegen

Maria Fiedler
An die Wäsche gehen. Wenn Nasses in Wohnräumen getrocknet wird, muss die Feuchtigkeit entweichen können. Foto: Franziska Koark/dpa
An die Wäsche gehen. Wenn Nasses in Wohnräumen getrocknet wird, muss die Feuchtigkeit entweichen können. Foto: Franziska Koark/dpaFoto: dpa-tmn

Er breitet sich langsam aus, riecht nach muffigem Kartoffelkeller und liebt die Feuchtigkeit: Schimmel im Wohnraum. Besonders nach den Wintermonaten erleben viele Menschen eine böse Überraschung, wenn sich in kalten Ecken, hinter Schränken und an Matratzen der unliebsame Pilz gebildet hat. „Sobald man Schimmel entdeckt, sollte man ihn unbedingt sofort entfernen“, rät Christiane Baschien vom Umweltbundesamt in Berlin. Schimmelpilze sehen nicht nur hässlich aus, sondern seien vor allem wegen der freigesetzten Sporen und Mykotoxine gesundheitsschädlich. Sie können Beschwerden mit den Bronchien auslösen, Allergien hervorrufen oder Kopfschmerzen verursachen.

Kleine Schimmelschäden, deren Fläche einen halben Quadratmeter nicht überschreitet, können Verbraucher laut Baschien selbst behandeln. Dabei sollte der richtige Schutz nicht vergessen werden.

Die Wissenschaftlerin empfiehlt, im Baumarkt eine Atemschutzmaske der Filterklasse FFP2 oder 3 zu besorgen, damit die Sporen nicht eingeatmet werden. „Dann kann man an den betroffenen Wandstellen die Tapete entfernen und den Bereich mit 70-prozentigem Alkohol nachbehandeln.“ Auf glatten Flächen reiche das Abwischen mit dem Gemisch, Silikonfugen sollte man aber erneuern.

Chlorhaltige Mittel und alles, was unter dem Namen „Schimmel-Ex“ von diversen Unternehmen kursiert, seien bei der Schimmelbeseitigung nicht ratsam, sagt die Baubiologin Ilka Mutschelknaus aus Hamburg.

Diese Putzmittel schadeten beim Einatmen den Atemwegen und seien ökologisch bedenklich. Auch das Hausmittel Essig empfiehlt sie nicht: „Einige Innenraumschimmelarten mögen Essig, für sie bildet er sogar eine Art Nährboden.“ Wer ein gesundheitlich unbedenkliches Reinigungsmittel verwenden wolle, nehme besser Präparate auf Fruchtsäurebasis zur Hand.

Nach dem Behandeln der befallenen Stellen müsse man den verwendeten Lappen oder die Bürste direkt entsorgen, so dass sich der Schimmel nicht an anderer Stelle ausbreiten kann, erklärt Mutschelknaus. Anschließend sei es wichtig, dass sich der Verbraucher auf Ursachensuche begibt. „Wenn ich nicht weiß, wie der Schimmel entstanden ist, kann ich auch nicht verhindern, dass er wiederkommt“, sagt die Sachverständige.

Für Schimmel kann es verschiedene Ursachen geben: Generell sei Schimmelbildung an zu viel Feuchtigkeit gebunden, erklärt die Diplombiologin Silke Christiansen, die für die Umweltberatung Bremen arbeitet. Wegen eines undichten Dachs oder einer leckenden Rohrleitung in der Wand könne das Baumaterial durchfeuchtet werden.

Im Winter komme Kondenswasser dazu – dieses entsteht, wenn in nicht genügend aufgeheizten Zimmern sich die Luftfeuchtigkeit an den Raumwänden niederschlage. Das ist laut Christiansen besonders im Altbau ein Problem, da dort die einfach verglasten Fenster im Laufe der Zeit gegen Neue ausgetauscht wurden. Somit hätten die Fenster einen höheren Dämmwert und die Feuchtigkeit kondensiere am kältesten Bauteil: den Außenwänden, die als Wärmebrücken bezeichnet werden.

Vorbeugen kann man der Schimmelbildung vor allem durch richtiges Lüften und Heizen. Im Winter sei Stoßlüften wichtig, erklärt Umwelthygienikerin Baschien. Dann könne die feuchte Luft, die durch Kochen, Duschen und Atmen produziert wird, schnell gegen trockene Luft von draußen ausgetauscht werden, ohne dass dabei die Wände auskühlen. Auch für berufstätige Menschen sei es möglich, zwei- bis dreimal am Tag für zehn Minuten durchzulüften. Eine Luftfeuchtigkeit von etwa 60 Prozent sollte nicht überschritten werden. Zudem ist es laut Baschien ratsam, gleichmäßig zu heizen und dafür zu sorgen, dass keine zu großen Temperaturunterschiede zwischen den Räumen entstehen.

Auch die Wandfarbe ist Ilka Mutschelknaus zufolge ein entscheidender Faktor bei der Schimmelvorbeugung. Gerade in Mietwohnungen werden ältere Farbschichten beim Einzug oft einfach überstrichen, so dass sich im Laufe der Zeit eine Art Haut auf dem Putz bilde und dieser nicht mehr atmen könne. Dann laufe das Kondenswasser die Wände hinab. Das liege vor allem auch daran, dass in den meisten Wohnungen billige Dispersionsfarben verwendet würden. Besser seien reine Silikat- und Kalkfarben. „Diese Farben sind atmungsaktiv und hemmen die Schimmelbildung“, so die Expertin. Neben dem Schimmel, der sich durch falsches Lüften und Heizen auf der Tapete oder in den Silikonfugen im Bad bilden kann, gibt es aber auch eine Art des Pilzbefalls, den man nicht sofort entdeckt: den sogenannten verdeckten Schimmel. „Das ist ein schwieriger Fall“, sagt Christiansen. „Man sieht nichts, und man riecht meist auch nichts.“ Häufig kommen Bewohner erst auf die Idee, dass Schimmel in der Wohnung sein könnte, wenn sie über lange Zeit hinweg ungeklärte Gesundheitsprobleme haben. Dann sollte man laut Christiansen eine Raumluftanalyse machen oder einen Fachmann die Wohnung untersuchen lassen. Der verdeckte Schimmel ist beispielsweise hinter Schränken zu finden oder sogar in der Wand, wo das Baumaterial wegen einer undichten Rohrleitung durchfeuchtet worden sei.

Oft entbrennt bei Schimmelschäden in der Wohnung ein Streit zwischen Mieter und Vermieter. „Der Mieter muss die Raumtemperatur und die Luftfeuchtigkeit kontrollieren. Dagegen ist der Vermieter für bauliche Mängel verantwortlich zu machen“, sagt Marle Kopf von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Oft müsse ein Gutachter die Schäden prüfen und eine Feuchtigkeitsdiagnose durchführen. „Kommt es zu einem Gerichtsverfahren, erhalten oft beide Parteien eine Teilschuld“, sagt Silke Christiansen von der Bremer Umweltberatung. Deshalb sei es unter Umständen besser, sich außergerichtlich zu einigen. Beratung finden betroffene Mieter beim Berufsverband Deutscher Baubiologen, den Verbraucherzentralen oder beim Deutschen Schimmelnetzwerk. (dpa)

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