Zeitung Heute : „Gegenseitiges Verständnis fördern“

Der neue Botschafter Tim Guldimann über Abgrenzung und Annäherung

Foto: Promo
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Dieser 1. August ist der erste schweizerische Nationalfeiertag, an dem Sie, Herr Botschafter Guldimann, Gastgeber sind. Im Mai haben Sie Ihr Amt angetreten. Mit welchen Erwartungen und Absichten beginnt Ihre Tätigkeit in Deutschland?

Ich sehe meine Hauptaufgabe darin, das gegenseitige Verständnis zwischen der Schweiz und Deutschland zu fördern. Unsere beiden Länder sind sich sehr nahe, nicht zuletzt wegen ihrer kulturellen Verbundenheit. Die deutsche Schweiz ist Teil der deutschen Kultur, so wie die andern Landesteile an der französischen und italienischen Kultur teilhaben. Wir glauben vor allem in der Deutschschweiz, unsere nationale Identität in der Abgrenzung zu Deutschland behaupten zu müssen. Umgekehrt begründet auf deutscher Seite diese Nähe ein generelles Wohlwollen, in das sich aber in den letzten Jahren zunehmend kritische Töne mischen. Gleichzeitig nehme ich ein zunehmendes Interesse der Deutschen an der Schweiz wahr. Das erleichtert es, Missverständnisse zu korrigieren und das gegenseitige Verständnis zu stärken.

Danach wäre es gerade diese vielfältige Verflochtenheit, die eine gewisse Gefahr in sich birgt? Dass man nämlich das Verhältnis unserer Länder für zu selbstverständlich hält – und dann verwundert ist, wenn Spannungen aufbrechen? Siehe die Auseinandersetzungen über den angeblichen übergroßen Einfluss deutscher Professoren in der Schweiz Anfang des Jahres…

Ich glaube, diese Verwunderung liegt eher auf deutscher Seite. Wir sind uns dieser Unterschiede stärker bewusst. Sie haben eine lange Geschichte. Im einzigen Treffen unserer beiden Reformatoren sagte Luther zu Zwingli: „Ihr habt einen anderen Geist.“ Schweizerische Geschichte kann als Geschichte der Selbstfindung in der Abgrenzung verstanden werden. Diese Abgrenzung wurde insbesondere gegenüber Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bekräftigt. Sie prägt bis heute unser Verhältnis zu Europa.

Ihre Laufbahn hat Sie bisher an unterschiedliche Plätze geführt – und mit ungewöhnlichen, schwierigen Aufgaben konfrontiert. Sie waren Leiter der OSZE-Mission für Tschetschenien und haben durch Ihre Vermittlungstätigkeit zur Beendigung des ersten Tschetschenienkrieges beigetragen. Dann gingen Sie für die OSZE nach Kroatien und von 1999 bis 2004 als Botschafter nach Teheran. Deutschland ist für Sie diplomatisches Neuland, aber Sie haben auch eine deutsche Vergangenheit.

Meine deutsche Vergangenheit beginnt mit einem – so scheint mir – unschweizerisch großen Interesse für Deutschland. Das war schon in meiner Jugend so und verbindet sich heute vor allem mit meiner Arbeit als Politik- und Sozialwissenschaftler. Ich war in den siebziger Jahren drei Jahre lang Forschungsassistent am Max-Planck-Institut für die Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt in Starnberg…

… wo damals Jürgen Habermas und Carl Friedrich von Weizsäcker arbeiteten?

Ja, und seither bin ich mit Deutschland über Freundschaften verbunden. Nach der Rückkehr aus Teheran 2004 ist die Gegend von Frankfurt für unsere Familie zum Lebensmittelpunkt geworden. Dort habe ich als Politikprofessor an der Universität gelehrt. Danach übernahm ich für ein Jahr die Leitung der OSZE-Mission in Kosovo, und pendelte anschließend nach Genf, wo ich in einer Stiftung für Konfliktvermittlung arbeitete. Meine Frau ist Deutsche und unsere zwei Kinder sind Doppelbürgerinnen.

Das deutsch-schweizerische Verhältnis ist für Sie also nicht nur ein berufliches, sondern auch ein privates Thema.

Ja, und das ist einer der Gründe dafür, dass mir mit der Berufung zum Leiter der schweizerischen Vertretung in Berlin ein persönlicher Wunsch erfüllt worden ist.

Am morgigen Sonntag feiern Sie Ihren Nationalfeiertag mit einem Tag der offenen Tür in der Botschaft. Warum?

Diplomatie scheut Öffentlichkeit und gilt als mysteriös. Ich halte es für unsere Pflicht, die diplomatische Arbeit der Öffentlichkeit zu erklären. Unsere Botschaft ist ein historisches Gebäude, das im Zentrum der deutschen Politik neben Bundeskanzleramt und Reichstag liegt. Ich glaube, es besteht ein öffentliches Interesse, die Botschaft einmal von innen zu sehen. Der 1.August fällt auf einen Sonntag. Dieser Tag erlaubt es, unsere Einladung an alle zu richten, vor allem an die Kinder und ihre Familien. Wenn es uns gelingt, Diplomatie den Kindern zu erklären, verstehen es auch die Erwachsenen. Ob wir das schaffen, müssen dann unsere Gäste beurteilen.

Tim Guldimann

wurde 1950 in Zürich geboren. Seit Mai 2010 ist er Botschafter der Schweiz in

der Bundesrepublik Deutschland.

Das Gespräch führte Hermann Rudolph.

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