Zeitung Heute : Geh doch zu Pimkie!

Von Esther Kogelboom

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Ich bin zum ersten Mal in meinem Leben zu einem Ball eingeladen und deswegen mit den Nerven total am Ende. Fakt ist: Ich brauche ein Kleid. Fakt ist auch: Ich habe kein Geld für ein richtiges Kleid. Trotzdem habe ich ein paar richtige Kleider anprobiert, nur mal so, bei Max Mara an der Friedrichstraße. Die zweifellos sehr nette Verkäuferin empfahl mir ein ärmelloses Modell aus Seide, der Stoff sprang an der Hüfte etwas auf, ich war ziemlich skeptisch. Bis ich es anzog. Es passte perfekt. Es kostete 700 Euro.

Wäre ich ein Star, Max Mara persönlich hätte mir das Kleid, die passenden Schuhe, eine korrespondierende Stola und eine Flasche rosa Champagner zu Hause vorbeigebracht. Ich bin aber leider kein Star, und deswegen habe ich der Verkäuferin das Kleid glühend und lamentierend zurückgegeben. Ich habe gesagt: „Wissen Sie, das ist eine große Anschaffung für mich. Ich muss eine Nacht drüber schlafen.“ Die Verkäuferin wusste natürlich sofort, was Sache ist. Trotzdem schlug sie vor, das Kleid bis zum nächsten Tag für mich zu reservieren – ich rechne ihr hoch an, dass sie auf diese Weise ihren Spott zu verbergen versuchte. Beim Verlassen des Geschäftes nahm ich eiskalt ein Nimm zwei aus dem Bonbonglas, das neben der Kasse stand, brach jedoch zusammen, als ich außer Sichtweite war. Meiner Freundin schickte ich eine MMS von mir in dem Kleid, die ich heimlich aufgenommen hatte. Ihre Antwort: „Du bist verrückt geworden. Geh doch zu Pimkie.“ Teile des Nimm zwei – es war ein gelbes – klebten an meinem Gaumen und ließen mich trocken röcheln.

Im Unterschichten-Ausstatter suchte ich kurze Zeit später zwischen lauter 15-jährigen, perfekt gebauten Mädels und pailettierten Flattertops ohne Stoff nach einem Abendkleid. Genau genommen sollte es ein festliches, interessantes, brisant geschnittenes und zugleich irgendwie ironisches Ballkleid sein. Ich streifte ein langes, schwarzes Kleid über, das sich ansonsten durch nichts weiter auszeichnete. Es war viel zu lang. Die Verkäuferin sagte: „Du bist sehr klein.“ Dann lief sie um mich herum und sagte: „Also, was ich sagen will, ist: Du bist wirklich sehr klein. Also, klein jetzt, du weißt schon, im Sinne von klein.“ – „Ich weiß“, erwiderte ich matt. „Damit“, sagte sie und hielt mir eine rosa glitzernde Ansteckrose unter die Nase, „könntest du davon ablenken, ich meine, dass du so…“ Ich schwieg.

Die Pimkie-Verkäuferin hätte meine Tochter sein können, wir Unterschichten-Girls gebären früh. Sie hätte andererseits auch die große Schwester von Nikolai Walujew sein können und ich Clifford Etienne, das vorbestrafte, chancenlose Rhinozeros im schwarzen Kleid. Wieder rang mich eine Verkäuferin zu Boden. Die 15-Jährigen applaudierten wild und führten einen turnfestmäßigen Detlef-Dee!-Soest-Tanz auf. Clifford Etienne und ich, wir sind ungefähr gleich schlagfertig.

Das Kleid war aber okay, ich würde das Etikett mit der Nagelschere herausschneiden und es kürzen lassen müssen. Die Pimkie-Tüte mit dem Kleid und der schwachsinnigen Rose verbarg ich in meiner Jacke.

Am nächsten Morgen eilte ich zum Änderungsatelier am Alexanderplatz. Ich stand vor dem Spiegel, während ein winziges Schneiderlein vorsichtig eine Vorratspackung Stecknadeln in den schwarzen Stoff schob. „Ich glaube, ich bin zu klein“, seufzte ich und hasste mich sofort für diese Koketterie. „Das“, sagte er tapfer, „können wir nicht ändern.“

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