Zeitung Heute : Geh mal besser zum Arzt

Von Esther Kogelboom

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Besuche bei meiner Oma enden immer damit, dass sie mir Lakritze und ein Paar Socken zusteckt. Die Lakritze brauche ich, denn nach den Besuchen bin ich meist heiser. Alles um meine Oma herum ist wahnsinnig laut: Eva Herman verliest die Nachrichten, als sei sie nicht im Fernsehstudio, sondern im Maschinenraum des Traumschiffs. Selbst die Katze miaut ausgeprägter als sonst, wenn Oma die Kühlschranktür öffnen soll. Und die Verwandten ermahnen einander: „Du musst lauter sprechen, Oma versteht sonst nix.“ Dabei glaube ich, dass Oma eine ganze Menge versteht. Aber eben nur das, was sie interessiert. Omas Ohren haben Filter. Deshalb ist sie – was das Sockenstricken, Vorratshaltung und das konsequente Ausblenden von Störgeräuschen betrifft – mein großes Vorbild.

Um mich herum braust alles: Autos rauschen vorbei, Hochbahnen quietschen, in der Schlange vor der Eisdiele beschimpfen Kinder ihre Eltern, während der Nachbar auf dem Balkon ein Kiefernholzregal zersägt. Ich will mich gar nicht beschweren, ich wohne gerne an einer unübersichtlichen Kreuzung, die hauptsächlich von eisgeilen Hippiekindern sowie enttäuschten Montagsdemonstranten frequentiert wird. Aber es ist nie Ruhe, und seit neuestem habe ich ein Ohrgeräusch. Für Leute wie mich hat die Deutsche TinnitusLiga eine 0190-Nummer geschaltet (62 Cent die Minute nach dem Ton). Bei Anruf werden die zwölf häufigsten Ohrgeräusche mit elektronischen Instrumenten nachgespielt. Ich habe Geräusch Nr. 12.

„Geh mal besser zum Arzt, statt dem Netdoctor zu vertrauen“, riet meine Freundin und guckte besorgt. „Wie wäre es, wenn du dich erst mal um deine Schleimbeutelentzündung kümmerst“, erwiderte ich giftig. Von der Schönhauser Allee schwoll ein Martinshorn in ihre Wohnung. „Dr. Carter ist schon auf dem Weg hierher“, sagte sie und betastete ihr Handgelenk. Über Krankheiten, Emergency Room und den Nutzen von Defibrillatoren unterhalten wir uns gern.

Nun ist es so, dass ich lieber den Kampfhundezwinger im Tierheim putzen würde als zum Arzt zu gehen. Mir geht diese besserwisserische Art auf die Nerven. Ich traue keinem Arzt (außer Dr. Wewetzer) und untersuche mich im Zweifelsfall mit einem Fisher-Price-Reflexhämmerchen aus dem Spielzeug-Arztkoffer. Aber als ich eines Nachts von Nr. 12 aufwachte und erst ein warmes Radeberger trinken musste, um in den Schlaf zurückzufinden, entschied ich mich, auf meine Freundin, na ja, zu hören.

„Ihre Ohren sind in Ordnung“, diagnostizierte der Experte nach einer kurzen, aber äußerst unangenehmen Untersuchung. „Aber um auszuschließen, dass Sie sonst etwas haben, müssen wir eine Computertomografie machen.“ Ich zuckte zurück. Am Tag vor dem Arzttermin hatte ich das Buch „Leibhaftig“ von Christa Wolf gelesen, in dem sie ihre zwischen Leben und Tod schwebende Hauptperson Kontrastmittel kotzen lässt. Ich erklärte dem Arzt nicht, dass ich keine Lust auf diese Prozedur hatte, sondern vereinbarte Betroffenheit heuchelnd einen Termin für die Computertomografie, den ich nicht wahrnahm.

Langsam fühlte ich mich besser. Nr. 12 zog sich zurück. Weil Tinnitus eine nervöse Krankheit sein soll, besuchte ich heimlich eine Montagsdemonstration, um so gelassen zu werden wie Oma. Leider werde ich so nie erfahren, wo genau sich das Verdrängungszentrum in meinem Gehirn befindet. Ich denke einfach gar nicht dran.

Jeder von uns bekommt reihenweise gut gemeinte Ratschläge. Unsere Kolumnistin, 29, überprüft alle 14 Tage einen davon auf seinen Wahrheitsgehalt.

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