Zeitung Heute : Geheim-Dienst

Annabel Wahba

Die Nacht vor der Hochzeit verbrachten sie im Auto. Alle halbe Stunde stellten sie kurz den Motor und die Heizung an, es war Januar. Das Geld für die Jugendherberge wollten sie sich für die Hochzeitsnacht aufsparen.

Rodrigo und Claudia heirateten schnell und geheim. Sie waren von München nach Bov gereist, ein dänisches Dorf mit 1000 Einwohnern, gleich hinter der Grenze. Man kann dort Angeln, Golf spielen – und vor allem heiraten. Schon auf der Landstraße weisen Schilder den Weg zum Standesamt. Zu dem Gebäudekomplex gehört ein Hotel, ein Restaurant und ein Blumenladen – alles funktional und auf das Wesentliche beschränkt. Mehr braucht man nicht zum Heiraten.

Am 7. Januar war der Termin für die Hochzeit, am 12. wäre Rodrigos Aufenthaltserlaubnis abgelaufen. Rodrigo aus Chile und Claudia aus Deutschland hatten sich zwei Monate zuvor kennen gelernt, und sie wussten: Entweder wir heiraten, oder wir müssen uns trennen. Trennen kam nicht in Frage, andererseits sollten Claudias Eltern nichts von der Hochzeit erfahren, schließlich kannten sie den neuen Freund der Tochter noch nicht.

Wer von Deutschland nach Dänemark zum Heiraten reist, tut das nicht aus romantischen Gründen, sondern einfach, weil er muss. Weil ein Ehepartner Ausländer ist und aus dem Heimatland die notwendigen Dokumente für die deutschen Behörden nicht zu bekommen sind, oder weil eine Aufenthaltserlaubnis abläuft und alles schnell gehen muss, oder weil die Ehe geheim bleiben soll. In Deutschland werden Trauungen nämlich öffentlich bekannt gegeben.

Zur Trauung kamen Rodrigo und Claudia 20 Minuten zu spät. Das Paar vor ihnen – eine Russin und ein Deutscher – bot sich als Treuzeugen an, und die Frau lieh Claudia gleich noch ihren Brautstrauß für die Zeremonie. Die Standesbeamtin sprach erst ein paar Sätze auf Deutsch, die Trauung selbst war auf Dänisch. Wozu einen Übersetzer bezahlen, wenn doch alles ganz einfach ist? Die Standesbeamtin guckt die Braut an und fragt: „Ja?“ Dann sagt die Braut: „Ja!“ Anschließend ist der Mann dran. Nach einer Viertelstunde ist alles vorbei. Die Standesbeamtin fotografierte Claudia und Rodrigo. Dann holte sie eine Flasche Sherry und fünf Gläser hervor und stieß mit den beiden Ehepaaren an.

Rodrigo sagt, er habe sich danach unglaublich frei gefühlt. „Wir gingen raus, wir waren Frau und Mann und durften tun, was wir wollten.“ Keine Familie, die mitfeiern wollte, keine Verpflichtung gegenüber Freunden. Ganz pur, eine Sache zwischen ihr und ihm.

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