Zeitung Heute : Geheimnisse ausplaudern

Wie eine Berlinerin, Ost, die Stadt erleben kann

Britta Wauer

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Einmal musste der Tag kommen, an dem vom verwunschenen Ort die Rede sein würde. Lange Zeit sind wir nur mit unseren besten Freunden nach Sacrow gefahren und haben von den Geheimnissen gehört. Weitererzählt haben wir sie nie. Sacrow ist so etwas wie ein Paradies, das jeden verzaubert. Wie im Märchen übt es einen Bann aus. Manche sagen auch, dass der kleine Ort vor den Toren Berlins mit einem Fluch belegt ist.

Sacrow liegt gegenüber der Pfaueninsel, direkt an der Havel. Aber alles, was man vom Wasser aus sieht, ist die schöne Heilandskirche. Die Villen liegen verdeckt hinter Bäumen. Wer die Dorfstraße entlang kommt, kann die Pracht erahnen.

Sacrow ist nicht so leicht zu finden. Es ist ein Ortsteil von Potsdam, liegt aber fünf Kilometer von der Stadt entfernt, direkt an der Grenze zu Berlin. Dorthin gelangt man eigentlich nur durch Zufall, sonst über zwei Routen, an die man sich genau halten muss. Vielleicht ist die abgeschiedene Lage Sacrows größtes Glück gewesen. Weil es nicht auffiel und niemandem im Weg lag, konnte es ein so rätselhafter Ort bleiben. Wo sonst gibt es ein ganzes Dorf mit geschmackvollen Häusern, die fast alle unter Denkmalschutz stehen?

Wohlhabende Juden aus Charlottenburg haben Anfang des letzten Jahrhunderts ihre Sommerdomizile dort bauen lassen. Gegenüber errichteten sie die „Kutscherhäuschen“, Garagen, in denen bis zu drei Autos Platz hatten plus Chauffeur und dessen Familie. Die Nazis haben die jüdischen Familien vertrieben und den Ort „arisiert“. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte Sacrow zur DDR und lag mitten im Grenzgebiet. Um über die einzig verbliebene Straße von Potsdam dorthin zu gelangen, brauchte man Sondergenehmigungen. In den Villen wohnten nach der Enteignung der „arischen“ Großgrundbesitzer Fischer und Förster. In bis zu sieben Wohnungen hat man die alten Häuser aufgeteilt, mit Trennwänden, die mitten durch Tanzsaal und Stuck gingen. Nach der Wende forderten jüdische Organisationen die von den Nazis enteigneten Anwesen zurück. Sie bekamen sie und verkauften die Häuser an Leute, die es sich leisten konnten. Es gibt nur noch wenige Ost-Familien in Sacrow. Manchmal stehen Menschen vor den Gartenzäunen der neuen Besitzer und weinen. Vielleicht meinen die Leute das, wenn sie vom Fluch von Sacrow reden. Viele Orte wird es in unserer Gegend nicht geben, die innerhalb eines Jahrhunderts dreimal ihre Bewohnerschaft ausgewechselt haben.

Das Sacrower Schloss sieht eher wie ein Gutshaus aus und steht leer. Von diesem Wochenende an stellen dort Künstler Werke zum Thema „Die Räume der Macht / Die Macht der Räume“ aus. Im Schloss wurden zur DDR-Zeit Grenzsoldaten mit Diensthunden ausgebildet.

Hin und wieder gibt Sacrow eines seiner Geheimnisse preis. Erst kürzlich wurden in einem Schuppen Ölgemälde und Zeichnungen entdeckt, zurückgelassen von jüdischen Kunstsammlern. Mäuse haben die alten Bögen angenagt, aber exakt dort aufgehört, wo die Kohlezeichnungen beginnen.

Nach Sacrow gelangt man von Berlin aus, wenn man der Heerstraße folgt, links am Abzweig Kladow/Gatow abbiegt und dann immer geradeaus fährt .

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