Zeitung Heute : Geheimnisse noch nicht alle gelüftet

Claus-Dieter Steyer

Spielte der amerikanische Präsident Truman während der Potsdamer Konferenz im Schloss Cecilienhof auf dem Klavier? Das wird wohl auch künftig nie eindeutig zu belegen sein. In den von der US-Delegation genutzten Räumen des Kronprinzenpaares stand jedenfalls ein Flügel. Vielleicht setzte sich das für amerikanische Präsidenten offenbar typische musikalische Talent auch nur ungenau in den Erinnerungen von Zeitzeugen fest. In der später in "Truman-Villa" umbenannten Herberge in Babelsberg fehlte es jedenfalls nicht an Instrumenten.

So geben die möglichen Pausenunterhaltungen am Klavier weiter viel Stoff für Anekdoten, die die Museumsführer so gern erzählen. Selbst jüngste wissenschaftliche Untersuchungen über jene Dreierkonferenz vom 17. Juli bis 2. August 1945, die das Schloss so berühmt machten, konnten nicht alle Geheimnisse lüften. "Der amerikanische Secret Service stellte uns zwar einige wertvolle Pläne und Dokumente zur Verfügung", sagt die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Schlösserstiftung, Heidi Hänel. "Damit können wir jetzt eindeutig einzelne Räume der amerikanischen Delegation zuordnen, aber die Unterbringung der britischen Seite und andere Dinge lassen immer noch einige Fragen offen." Der Weg zu den Londoner Geheimdienstakten bleibt steinig.

Immerhin reichen die neuen Forschungsergebnisse für eine Sonderausstellung. Bis Ende Oktober kann sie zu den üblichen Öffnungszeiten unter dem Titel "Vier Türen, Drei Staaten, Ein Tisch - Inszenierung eines Ortes" besichtigt werden. Bisher in dieser Form noch nicht gezeigte Dokumente, Fotos, Plastiken, Stalin- und Leninbüsten und andere Exponate sind hier zusammengetragen worden. Ein runder Jahrestag gab den Ausschlag. Vor 50 Jahren übergaben die sowjetischen Militärs das Schloss Cecilienhof an das damals noch bestehende Land Brandenburg.

Die "Nationale Gedenkstätte des Potsdamer Abkommens", wie die Ausstellung zu DDR-Zeiten hieß, wurde zu einem der meistbesuchten Museen in Potsdam. "Noch heute steht Cecilienhof innerhalb der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten auf Rang drei - hinter Sanssouci und Schloss Charlottenburg", sagt Schlösserdirektor Burkhardt Göres. Mehr als 13 Millionen Besucher passierten die Kasse. 99 Prozent von ihnen wandelten durch die historischen Konferenzräume. Die früheren Gemächer des Kronprinzenpaares, durch die seit einiger Zeit zwei Mal täglich Führungen angeboten werden, locken nur ganz speziell Interessierte an.

Vielleicht würde das ein ähnlich spannender Titel wie für die jetzige Sonderausstellung ändern. Dessen Auflösung fällt nicht besonders schwer. "Ein Tisch" - es gab nur den einen eigens für die Konferenz aus der Sowjetunion herbeigeschafften Koloss; "Drei Staaten" - die USA, Großbritannien und die Sowjetunion trafen sich hier vor dem heraufziehenden Kalten Krieg zum letzten Mal; "Vier Türen" - jede Delegation besaß zum Konferenzsaal in der eigentlichen Wohnhalle einen eigenen Zugang. Die Himmelsrichtung bestimmt die Verteilung der Arbeitszimmer. Einzig die vierte Tür gibt heute noch manchmal Anlass für Fantasie-Geschichten. "Die war schlicht und einfach für die Presse bestimmt", lässt der Schlösserdirektor alle Spekulationen platzen.

Hin und wieder wird in einigen auch im Internet verbreiteten Schriften die Rolle der Potsdamer Konferenz herabgestuft. Gewiss, die deutschen Teilungspläne waren schon in Jalta abgesegnet worden. Doch Stichworte wie "Festlegung der neuen Westgrenze Polens" und "Höhe der Reparationszahlungen Deutschlands an die überfallenen Länder" genügen, um Anziehungskraft auf Besucher auszuüben.

Entsprechend lang und bunt ist die Liste auch der bekannten Namen, die in Cecilienhof den Atem der Geschichte fühlen wollten: Sie reicht vom ersten DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck (1954) über den sowjetischen Außenminister Andrej Gromyko (1970), den UNO-Generalsekretär Kurt Waldheim und die US-Bürgerrechtlerin Angela Davis (beide 1975), den Komponisten Mikis Theodorakis (1981), Michail Gorbatschow (1986) bis zu Prinz Charles (1995) und zur dänischen Königin Margrethe II. im Jahre 1999.

Stalin-Büste erstaunlich gut erhalten

Nur 36 von 176 Räumen des zwischen 1913 und 1917 im Tudor-Stil englischer Landhäuser erbauten Schlosses wurden für die Potsdamer Konferenz genutzt. Doch die gesamte Anlage stand wie der Neue Garten damals unter sowjetischer Kontrolle. Im Marmorpalais wurde ein Offizierskasino eingerichtet. Zwar erfolgte Anfang der fünfziger Jahre eine schrittweise Rückgabe der Anwesen an die deutsche Seite. Aber viele Gebäude und Grundstücke blieben im so genannten KGB-Städtchen bis nach der Wende 1990 besetzt.

Aus Anlass der Ausstellung kommen nun auch einige lange Zeit im Depot verschwundene Utensilien wieder ans Licht. Bis zum einschneidenden Parteitag der Kommunistischen Partei des Sowjetlandes 1956 hingen zahlreiche Abbildungen Stalins über dem Kamin im früheren Arbeitszimmer der sowjetischen Delegation. Das Vestibül schmückte eine Büste des Herrschers, die die Zeit erstaunlich gut überstanden hat. Vielleicht gibt das schon wieder Stoff für neue Spekulationen rund um Cecilienhof.

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