Zeitung Heute : Geheimnisvoll wie ein Plan unter Gaunern - Kein Schild zum Aussichtspunkt, dafür schönes Probepaddeln

Claus-Dieter Steyer

Die Wegbeschreibung zur neuen Sehenswürdigkeit von Gussow am Dolgensee, genau 38 Kilometer südöstlich des Berliner Fernsehturms gelegen, mutete wie die Verabredung zu einem Banküberfall an. Rechts, links, wieder rechts, auf ein Relief in einer Hausmauer achten, nach dem Kindergarten Ausschau halten, einen unscheinbaren Weg zum See nehmen, in der Mitte in Richtung Pferdekoppel laufen und dann scharf rechts zum Wasser. Dabei handelte es sich nur um eine in den See gebaute Aussichtsplattform für jedermann! Doch wie so oft vergessen die Gemeinden jegliche Hinweise im Ort oder im neuen Prospekt. Kein Schild, keine Zeile, nichts. Nur eine freundliche Mitarbeiterin des Kultur- und Tourismusverbandes Dahmeland empfahl einen Ausflug zu dieser Plattform, zumal sie fast der einzige öffentliche Zugang zum See sei.

Da kann sich der Ausflügler doch nur wundern und gehörig ärgern. Denn in den Bau der schmucken Aussichtsterrasse aus Holz, die wunderbar einen im Wasser stehenden Baum umschließt, sind große Summen öffentlicher Mittel geflossen. Die EU und das Agrarministerium haben dafür gezahlt, wie ein versteckt angebrachtes Schild an der letzten Wegkreuzung verrät. Das Geld ist gut angelegt, wie jeder glückliche Finder dieses Ruhepols bestätigen wird. Hier lässt es sich wunderbar abschalten, angeln oder nur einfach träumen.

Leider ist Gussow kein Einzelfall. Auf die große, neue Brücke für Fußgänger und Radfahrer über die Woblitz bei Potsdam wies bis zur Veröffentlichung eines Beitrages in dieser Zeitung ebenfalls kein Schild hin. Von der durchgängigen Befahrbarkeit des Finowkanals im Norden, die immerhin mehrere Millionen Mark Steuermittel verschlang, erfuhr die breite Öffentlichkeit auch erst nach mehrmonatiger Verspätung, und das eher zufällig. So wird die Wachstumsbranche Tourismus, die viel Mühe und Geld kostet, aus unverständlichen Gründen ausgebremst. Fast liegt der Verdacht nahe, als würde hier absichtlich auf Werbung verzichtet. Stören etwa zu viele Fremde im Ort oder fürchten angestammte Gastwirte um ihr Geschäft durch weiter abgelegene Attraktionen wie so eine Aussichtsplattform?

Wie es anders geht, zeigt ein junges Unternehmen gleich um die Ecke von Gussow. Der 30-jährige Michael Haufe gründete vor acht Jahren in Blossin am Wolziger See eine Firma für die Ausleihe von Booten aller Art, für Sportführerschein-Kurse, Lehrgänge im Segeln und Surfen und ganz besondere Klassenfahrten, Projektwochen, Firmen- und Familienfeiern. Obwohl das Geschäft gut läuft - im vergangenen Jahr wurde mit 42 000 Übernachtungen eine 60-prozentige Auslastung des angeschlossenen Jugendbildungszentrums erreicht - wird um jeden einzelnen neuen Gast geworben. Zur Eröffnung der Tourismussaison im Dahmeland am 1. Mai bot der Chef persönlich Probekurse im Paddeln für Anfänger an. Der Preis von einer Mark pro Stunde war nur symbolisch. Doch dafür erhielten die Gäste viele gedruckte Informationen. Deren Wert erschloss sich auf einer Pause im Boot weit draußen auf dem See.

Denn gerade Neulinge lasen erfreut von Aufbaukursen, Ein-und Mehrtagestouren durch das südöstliche Berliner Umland sowie von Kombinationen zwischen Kanuwandern, Surfen, Klettern und Radfahren. Alles sei individuell auf den Gast einzurichten. Zwar müssen bei den Touren mindestens zehn Personen an Bord gehen. Doch diese Zahl dürfte bei dieser Werbung kein Problem sein. Das Team aus Blossin beteiligt sich mit einer Angebotsfahrt auch an dem vom Kultur- und Tourismusverband Dahmeland zusammengestellten Heft über "Wassertouristische Pauschalangebote".

Dabei geht es elf Tage im Kanu durch das Dahme-Spree-Seengebiet für 728 Mark pro Erwachsene und 834 Mark für Jugendliche (mit Begleitperson). Übernachtet wird jeweils im Zelt. Unter der Flagge der "Expo 2000" führt eine andere Tour an zwei Tagen mit dem Elektroboot von Gussow nach Köpenick. Hier soll der umweltverträgliche Wassertourismus betont werden. Ein führerscheinfreies Motorboot dient als Fahrzeug für den Zwei-Tages-Ausflug von Teupitz nach Gussow. Bei einer anderen Kombination wird eine Strecke mit dem Boot und die Rückfahrt mit dem Rad angetreten.

Diese ideenreichen Angebote entschädigten für den Ärger über die verheimlichte Aussichtsplattform von Gussow. Eine weitere Attraktion wurde auf dem Heimweg nach Berlin im kleinen Ort Senzig bei Königs Wusterhausen entdeckt. Dort ist ein Stück Ostsee-Romantik wieder ausgegraben worden: Eine Seebrücke wie auf Usedom oder Rügen. Die große Eröffnung eines Restaurants an der Brückenspitze mitten im See steigt am 20. Mai um 15 Uhr mit Booten, Musik, Barbecue und Bierwagen, heisst es auf einem kleinen Handzettel des Senziger Heimatvereins. Vielleicht können sich da die Gussower ganz heimlich unter die Festgesellschaft mischen und für ein Fest auf der Aussichtsplattform Ideen sammeln.Auskünfte zu den Pauschalangeboten für Wassertouristen erteilt der Kultur- und Tourismusverband Dahmeland in 15711 Königs Wusterhausen, Am Bahnhof, Tel. 03375/25 20 0. Das Wassersportzentrum in Blossin ist unter Tel. 033767/81 450 oder unter www.blossinteam.de zu erreichen.

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