Zeitung Heute : Gehen wir nach Hause

Er hat es spannend gemacht: Schon vor einem Jahr hatte er sich gegen eine zweite Amtszeit entschieden. Bekannt gegeben hat er es erst jetzt. Die Aussicht auf den Ruhestand mache ihn „ausgesprochen fröhlich“, sagte Johannes Rau. Aber ein Hauch von Melancholie blieb doch.

Robert Rimscha

Ein ganz normaler Tag, dieser Freitag. Das Staatsoberhaupt arbeitet seinen Terminkalender ab. Erst Lübeck, dann Rostock. Arbeitsalltag. Aber eben auch der Tag X plus eins. X, das war der Donnerstag. Der Tag der Verkündung. Am Freitag, als er Dänemarks Königin Margrethe begrüßt, will Johannes Rau über den Tag X nicht mehr sprechen: „Nein, heute ist die Königin das Thema!“

So schnell er ihn abhakt, so lange war die Vorgeschichte des Tages X. Im Frühjahr 2002 bereits, nach vielen Gesprächen im Familienkreis, hatte sich Rau gegen die erneute Kandidatur für das höchste Staatsamt entschieden. Freilich wird er später einräumen, dass er hin und wieder darüber ins Nachdenken gekommen sei. Doch er bleibt beim Nein. Noch vor der Sommerpause 2003 informiert er Gerhard Schröder. Die Öffentlichkeit erfährt, dass eine Entscheidung gefallen ist und Rau sie im September bekannt gibt. Dass es der vierte September sein soll – auch das legt Rau schon vor der Sommerpause fest.

Es folgt das Unvermeidliche. Das Kandidatenkarussell fängt an, erste Kreise zu drehen. Union und FDP haben die Mehrheit in der Bundesversammlung, also wirbeln Nachfolger-Namen durchs Land: Schäuble und Stoiber, Vogel und Teufel, Töpfer und Merkel. Rau hört sich das alles an, liest in den Zeitungen, wer sich alles über das Amt äußert, das doch seines ist, und ärgert sich. Über das „Gehangele“ und darüber, dass kein Einziger der vielen, die sich zu Wort melden, mit ihm selbst spricht – oder es auch nur versucht.

Im Präsidialamt gehen Anfragen ein, die Bewerbungen gleichen. Zeitungen und Fernsehsender bieten sich als Forum an, in dem der Bundespräsident seine Entscheidung doch bekannt geben möge. Am Donnerstag dann schwirren Gerüchte durch Berlin: Heute ist der Tag! Kurz nach 18 Uhr stehen 150 Journalisten auf der Terrasse des Bellevue. Sie sind Gäste des traditionellen Sommerempfangs. Radio, Fernsehen, Zeitungen: Alle sind sie vertreten, doch was fehlt, sind die Kameras. Nutzlose Übertragungswagen stehen gegenüber des Bellevue, auf der anderen Straßenseite, wo sonst Berlins Türken ihr Grillgut zubereiten. So wird die Republik, die Politik meist aus laufenden Bildern kennt, gezwungen, sich mit dem Wort und mit Einzelaufnahmen zu begnügen. Ein Coup – ganz im Rauschen Sinne. Erst am Freitagabend liefert Rau im ARD-Interview die Bilder nach und beteuert, er resigniere keinesfalls vor der Oppositionsmehrheit. Eigentlich reize es ihn ja, in solchen Konstellationen anzutreten.

„Jetzt ist der Zeitpunkt“

Zurück zum Donnerstag. Kurz vor halb sieben tritt Raus Sprecher Klaus Schrotthofer ans Stehpult und sagt, der Gastgeber lasse sich noch entschuldigen. „In wichtigen Gesprächen“ sei der Präsident. Keine zwei Minuten später kommt Rau. Die sieben Stufen vom Foyer des Bellevue hinab auf die Terrasse fallen ihm schwer. Langsam und vorsichtig muss er gehen.

Eine halbe Stunde lang mischt sich Rau unter seine Gäste und plaudert. Natürlich wird er gefragt, ob dies nun der Tag X der Verzichtserklärung sei. Rau lässt sich nicht bedrängen. Stattdessen zieht er aus seinem dunklen Jackett seine Brieftasche, und aus dieser eine Schwarzweiß-Postkarte, wie sie Souvenir-Läden anbieten. Auf ihr ist ein alter Mann in der Kluft eines Fischers abgebildet, mit Südwester auf dem Kopf, mit einem verqueren, leicht debilen, angesoffenen Grinsen. Rau zeigt die Postkarte herum und liest vor, was auf ihr steht: „Bis man anfängt, etwas zu begreifen, ist die Amtszeit abgelaufen!“ Ernsthaften Fragern hat er mit dieser Ironie den Wind aus den Segeln genommen.

Um 19 Uhr 06 tritt Rau hinter das Rednerpult. Über sein Programm der nächsten Tage spricht er zuerst, dann, nach zwei Minuten, kommt der Satz: „Jetzt ist der richtige Zeitpunkt.“ Jetzt und heute wolle er sagen, „dass ich nicht noch einmal kandidiere“. Rau redet frei, die Worte sind freundlich und leicht ironisch, aber die Stimme ist doch leicht belegt. Kein Wunder. Nach 45 Jahren und knapp zwei Monaten in der Politik kündigt Johannes Rau seinen Abschied an. Im Juli 1958 war er als jüngster Abgeordneter in den nordrhein-westfälischen Landtag eingezogen. Diese 45 Jahre reichen ihm.

Nun sei es Zeit, die „nachberufliche Lebensphase“ zu planen, sagt Rau. Sammeln und aufarbeiten wolle er, sichten und nachdenken, und dies alles ohne die Zwänge eines Terminkalenders. „Diese Aussicht macht mich ausgesprochen fröhlich!“ Er habe den Eindruck, „dass ich das Amt gut ausgefüllt habe“. Das klingt so sehr nach Resümee und Ende, dass er mit festerer Stimme ergänzt: „Ich habe heute Abend nicht die Absicht, mich zu verabschieden.“

Nicht nur zehn Monate bleiben ihm ja, es bleiben ihm auch seine Themen: Ost und West, Alt und Jung, Deutschland als guter Nachbar. Rau erwähnt seine Sommerreise, die ihn zu Jugendlichen führte, zu Fußballfans und Nachwuchs-Bänkern, Soldaten und Zivis, Arbeitslosen und Fernsehsternchen. Diese deutsche Jugend, die er da traf, war ihm zu unpolitisch. Eine Gesellschaft, in der das Schulterzucken die aktivste Form der Bewegung sei, wolle er nicht.

Rau ist beinahe am Ende. Ein Hauch von Melancholie lässt sich schwer vertreiben, als er über die ihm verbleibende Zeit spricht, „deren Menge ich nicht absehen kann“. Nur „begrenzt planbar“ sei schließlich, was vor ihm liege. Das Bibelwort von der Elle, die hinzugefügt werde, sei gegen die 73 Jahre abzuwägen, die er im Januar wird. Es gibt Polizeibeamte, die haben ihr 25-jähriges Dienstjubiläum bei ihm gefeiert – weil sie 25 Jahre zu seinem Schutz abgeordnet waren.

„Schreiben Sie mit Bedacht!“

Auf der Terrasse wird es langsam dunkel. Raus Gäste haben seine Ankündigung professionell aufgenommen und notiert. Natürlich hat keiner geklatscht, natürlich ging kein Raunen durch die Reihen. „Telefonieren Sie nicht zu viel! Schreiben Sie mit Bedacht! Schönen Abend!“ So hat Rau seine Ansprache geschlossen. Später wird eine bekannte Linke aus der hauptstädtischen Medienwelt fragen, ob eine solche Ankündigung des Staatsoberhauptes nicht ein wenig mehr Pomp und Pathos verdient habe, Flaggen, Hymnen. Wie inszeniert man die Ankündigung eines Abschieds?

Rau wird es zu kalt, er zieht sich in sein Arbeitszimmer zurück und erzählt aus seinem politischen Leben. Von dem Kandidaten mit dem Nachnamen ohne Vokale, für den er werben wollte, und erst, als er drei Mal den Zungenbrecher ins Mikrofon gerufen hatte, wurde klar, dass der, auf den er da deutete, ein ganz anderer war, der Schatzmeister statt des Kandidaten. Oder der Auftritt bei Hamburg, als Rau vorsichtig anfragte, ob denn 35 Gäste auf 700 Plätzen nicht ein wenig peinlich seien? Genau, habe ihm der Veranstalter beschieden. Eben deshalb habe man ja auch keine Presse dazu geladen.

Die Schmonzetten, die Absurditäten und kleinen Farcen, das Satirische am politischen Betrieb, das Rau so wunderbar witzig und stets menschlich beschreibt: Es verweist auf die Zeitspanne, in der er denkt. Wehner, Brandt, Schmidt, die Großen der Sozialdemokratie, stecken ihm im Kopf. Zwischen denen und dem, was heute ist, findet er seinen eigenen Platz. Oder sucht ihn noch.

Es wird spät. Bei Bier, Korn und Stuyvesant spricht Rau über sein Amt und wie die Deutschen mit ihm umgehen. Über die Flugzeuge, auf denen nun nicht mehr „Luftwaffe“ steht, sondern „Bundesrepublik Deutschland“. Eine anstrengende China-Reise steht an. Die Bundesgartenschau, die dänische Königin, der Tag der Heimat. Repräsentiert die Republik richtig? Die Runde debattiert, wie ein Staatsoberhaupt ausgestattet werden sollte. Der Betrag, der für den Aufwand des Präsidenten zur Verfügung steht, ist seit den 60er Jahren einmal angepasst worden. Das Bellevue und sein fragwürdiger baulicher Zustand – auch ein Thema.

Für Rau sind dies nicht Finanzangelegenheiten, sondern Fragen der politischen Kultur. Man tritt ihm wohl nicht zu nahe, wenn man vermutet, dass er einen Verdacht hegt. Den, dass diese Gesellschaft mit sich selbst noch nicht ganz ins Reine gekommen ist, wenn es um ihre Erwartungen an ihren höchsten Repräsentanten geht.

Es ist spät geworden. „Komm, wir gehen jetzt nach Hause!“, sagt Rau zu seiner Frau. Der Tag der Ankündigung ist vorbei. Zehn Monate noch regiert der Terminkalender. Dann kommt der Abschied. Erst kommen Lübeck und Rostock und China. Dann nimmt sich Rau sein „Anrecht, freier zu leben“.

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